Experte im Gespräch: Prof. Dr. Ulrich Zimmermann über Alkoholismus

Das Feierabendbier ist aus der deutschen Genusskultur nicht mehr wegzudenken. Aber was passiert, wenn der Alkoholkonsum überhand nimmt? Interview mit Prof. Dr. Ulrich Zimmermann, der die Klinik für Suchtmedizin und Psychotherapie des kbo-Isar-Amper-Klinikums München-Ost leitet.

Prof. Dr. Zimmermann ist Chefarzt der Klinik für Suchtmedizin und Psychotherapie des Münchner Isa-Amper-Klinikums. | kbo-Isar-Amper-Klinikum

Der Konsum von Alkohol schädigt nicht nur die Leber, sondern auch die Psyche. Rund 2,5 Millionen alkoholabhängige Menschen in Deutschland leiden an psychischen Störungen, wie etwa Kontrollverlust. Die meisten alkoholkranken Patienten werden deutschlandweit im kbo-Isar-Amper-Klinikum München Ost in Haar behandelt. Interview mit Prof. Dr. Ulrich Zimmermann.  

Operation Karriere: Depression, Schizophrenie, Demenz. Alkoholismus geht mit verschiedenen psychischen Störungen einher. Ab welchem Krankheitsstadium sind Patienten hoffnungslose Fälle? 

Prof. Dr. Ulrich Zimmermann: Man hat den Eindruck schon manchmal, dass es hoffnungslos ist, aber dabei täuscht man sich oft. Das liegt viel an den Begleitumständen. Es ist eine Abwärtsspirale zwischen dem Trinken, psychischen Begleiterscheinungen und den Lebensumständen. Sobald jemand längere Zeit obdachlos war, wird es echt schwierig, weil dann ambulante Behandlungen nicht mehr funktionieren. Bei schweren Verläufen machen stationäre Aufenthalte keinen Sinn mehr. Man kann die Patienten ja nicht die ganze Zeit im Krankenhaus oder in Reha-Einrichtungen haben. Aber wo man sich extrem täuschen kann, ist die Unterstellung: „Die wollen ja nicht. Der war jetzt schon zwanzig Mal da. Und jetzt kommt er wieder und will abstinent werden. Ja, ja, wer’s glaubt!“ Man erlebt immer wieder, dass es plötzlich Klick macht bei den Patienten. Sie werden erst ausgelacht, aber sie ziehen es durch. Dann hängt es von den Begleitumständen ab, ob es zu spät ist oder ob jemand noch die Kurve kriegen kann. 

Operation Karriere: Alkohol ist bei uns akzeptiert. Wie viele alkoholabhängige Menschen mit Verhaltensstörungen oder sonstigen Störungen gibt es in Deutschland?

Prof. Dr. Ulrich Zimmermann: Es gibt bei uns 2,5 Millionen alkoholabhängige Patienten mit Kontrollverlust oder anderen Begleiterscheinungen. Dann kann man noch circa 3 Millionen Menschen hinzurechnen, bei denen der Alkoholkonsum bereits zu einer Schädigung körperlicher Art oder im sozialen Umfeld geführt hat. 

Operation Karriere: Ist das Konzept, bei der Behandlung von Suchtkranken auch die Psychotherapie einzubinden, eine moderne Behandlungsweise?

Prof. Dr. Ulrich Zimmermann: Die Behandlung von Alkoholabhängigkeit funktioniert auf verschiedenen Ebenen. Die Psychotherapie gehört immer dazu. Gerade unter Medizinern gibt es oft die Vorstellung, dass man Alkoholiker entgiftet und sie danach auf Therapie an einen anderen Ort schickt. Diese Grundidee halte ich für falsch. Es geht sehr wohl uns Ärzte an, den Suchtpatienten auch psychotherapeutisch von Anfang an zu helfen. Veränderungsmotivation darf nicht Voraussetzung für unser ärztliches Handeln sein. Sie muss das Ziel sein. Wissen Sie, welcher Anteil an alkoholabhängigen Patienten jemals eine Suchtfachklinik besucht?

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Operation Karriere: „Ein paar Prozent?

Prof. Dr. Ulrich Zimmermann: „Vier Prozent der 2,5 Millionen alkoholabhängigen Patienten kommen zu einer Behandlung in die Klinik. Der Rest bekommt nie eine suchtspezifische Behandlung. Gehen Sie mal als Suchtpatient in die Notaufnahme. Sie werden herablassend behandelt. „Sie wissen schon, was für einen Atemalkohol Sie haben? Sie wissen schon, warum Sie gestürzt sind? Warum trinken Sie eigentlich so viel?“ So blöd sind Alkoholabhängige nicht, dass sie nicht wissen, dass der Unfall etwas mit ihrem Trinkverhalten zu tun hat. Sie wissen aber auch, dass sie diese Vorwürfe zu hören bekommen werden. Deshalb gehen sie nicht gerne in ein Krankenhaus. 

Operation Karriere: Sie sind Chefarzt an der Klinik für Suchtmedizin in Haar und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Wie kam es zu dieser Spezialisierung? 

Prof. Dr. Ulrich Zimmermann: Es war ein Zufall. Ich war damals ziemlich wissenschaftlich unterwegs. Neuroendokrinologie hat mich damals sehr interessiert. Das waren noch die Zeiten, als es keine Jobs für Mediziner gab, in der Uniklinik schon gar nicht. Ich wollte an der Uni bleiben und habe gehört, dass in der Psychiatrie was frei wird. Ich wusste, da gibt es jemanden, der sich für neuroendokrinologische Forschungsfragen interessiert und dachte mir: „Naja, ich probiere es mal aus.“ Aber es war super. Ich bin da sehr gut aufgenommen worden, fand es spannend und habe dann erst realisiert, was an der Psychiatrie so spannend ist, nämlich, dass man eine riesige Bandbreite von Betätigungsfeldern hat. Man kann Arzt sein, biologischer Psychiater, man kann auch als Psychotherapeut körperlich gesunde, neurotische Patienten behandeln. Man befasst sich mit dem ganzen Menschen, das gefällt mir auch sehr gut. Man beschäftigt sich nicht nur mit einem Organ. 

Operation Karriere: Orthopäden oder Anästhesisten können das Ergebnis ihrer Arbeit unmittelbar überprüfen. Bei Suchtmedizinern ist das eher nicht so. Ist es ein dankbarer Job?

Prof. Dr. Ulrich Zimmermann: Ja, definitiv. Das Vorurteil, in der Psychiatrie kann man eh nichts bewegen, das stimmt überhaupt nicht. Manche Patienten kommen in einem grauenhaften Zustand auf Station: Von der Polizei gefesselt, wahnhaft, selbstgefährdend und nach ein paar Wochen sind sie wieder soweit, dass sie eigenständig ambulant leben können. Wir können auch die Ergebnisse unserer Arbeit überprüfen. Wenn es schief geht, merken wir das meistens relativ schnell, weil der Patient wieder kommt. 

Operation Karriere: Schauen wir zum Abschluss in die Vergangenheit: Welchen Ratschlag geben Sie Ihrem 20-jährigen ich?

Prof. Dr. Ulrich Zimmermann: Mach', was dich interessiert und bleib offen und vorurteilsfrei! 

Prof. Dr. Ulrich Zimmermann ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und leitet als Chefarzt die Klinik für Suchtmedizin und Psychotherapie des Münchner Isar-Amper-Klinikums. Zuvor war er an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus der Technischen Universität Dresden tätig.