Arbeiten hinter Gittern: Das macht ein Gefängnisarzt

Wie genau kann man sich die Sprechstunde hinter Gittern vorstellen? Dr. Georg Schwarzer, der in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Rohrbach im rheinland-pfälzischen Wöllstein rund 450 männliche wie weibliche Gefangene betreut, berichtet aus seinem Alltag.

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Herr Dr. Schwarzer, das Bild vom Knast in Filmen ist ja ziemlich düster. In welche Welt taucht man da ein?

Dr. Georg Schwarzer: Die ist ganz anders als im Film, wo Gefangenen wie Trauben links und rechts an den Gittern hängen und ständig üble Sprüche gerufen werden. Der Alltag, auch in den Unterkünften oder den Betriebsstätten, wie den Werkhallen oder der Küche, verläuft im realen Leben relativ unaufgeregt und harmlos, keinesfalls beängstigend oder deprimierend. Man hört nicht andauernd irgendwelche Trillerpfeifen, Schreie oder lautstarke Anweisungen. Es herrscht ein anständiger Umgangston, auch zwischen Vollzugsbeamten und Gefangenen.

Welche Beschwerden behandeln Sie?

Dr. Georg Schwarzer: Die Palette entspricht in etwa der einer Allgemeinpraxis. Häufig sind Erkrankungen des Magen-Darmtrakts oder des Bewegungsapparats. Viele meiner Patienten haben „Rücken“ wegen fehlender körperlicher Betätigung, ebenso sind fast täglich ein bis zwei Sportverletzungen dabei. Es gibt hier ja auch ein paar Sportangebote, die recht kräftig und deftig betrieben werden. Darüber hinaus bestehen schon einige Unterschiede zum „normalen“ Spektrum. So waren viele der Gefangenen vorher nicht krankenversichert und lange Zeit nicht beim Arzt. Einige hatten keinen festen Wohnsitz. Zudem setzt die Haft vielen zu. Fast jeder Zweite leidet an Schlafstörungen. Sie haben einfach Probleme abzuschalten. Darüber hinaus werden es immer mehr Gefangene mit Suchtproblematik. In der JVA ist kein Alkohol erlaubt. Da müssen wir schauen, ob Patienten, die vorher regelmäßig Alkohol getrunken haben, Entzugs-Erscheinungen bekommen. Dann benötigen sie vielleicht eine medikamentöse Unterstützung, um diese Phase einigermaßen zu überstehen. Ähnliches gilt für die Drogenabhängigen. Wurde bereits substitutioniert, führen wir das fort – inklusive regelmäßiger Kontrollen. Recht häufig werden zudem psychische Beschwerden vorgetragen. Hier muss man aber die Spreu vom Weizen trennen.

Wie meinen Sie das?

Dr. Georg Schwarzer: Wenn jemand zum Beispiel den Wunsch äußert „ich möchte zum Psychiater“ und ich als Grund höre „meine Freundin hat mich verlassen, es geht mir schlecht“, kann der Psychiater die Freundin ja auch nicht wieder herbeizaubern. Da reicht es oft, wenn der Sozialarbeiter oder der Anstaltspsychologe sich eine Viertelstunde Zeit nimmt. Ganz anders, wenn Patienten sagen „ich höre Stimmen, ich sehe etwas was nicht da ist oder habe das Gefühl, dass ständig hinter mir geredet wird.“ Hier wird man sehr hellhörig, vor allem wenn Vorerkrankungen, wie Psychosen bekannt sind, die wieder aufflammen könnten. Das muss dem Psychiater vorgestellt werden, der einmal im Monat zu uns kommt. Wenn es der Zustand des Patienten erlaubt, wähle ich aus der Palette der Psychopharmaka ein geeignetes Medikament aus, um es für ihn bis dahin etwas erträglicher zu machen. Wenn Sie einige Jahre Anstaltsarzt waren, werden Ihnen bestimmte Krankheitsbilder immer wieder in der ein oder anderen Variante vorgetragen. Dann haben Sie ein Spektrum an Behandlungsmöglichkeiten verinnerlicht.

Sind Sie auch ein bisschen mehr Seelentröster, als vielleicht in einer normalen Praxis?

Dr. Georg Schwarzer: Seelentröster trifft das schon. Hier wird ja auch nicht die Drei-Minuten-Medizin praktiziert. Ich kann mir durchaus etwas mehr Zeit für den Einzelnen nehmen, wenn ich merke, er oder sie kommt mit der Haftsituation nicht so zurecht. Viele denken an zu Hause, an ihre Familie und machen sich Sorgen, wie es da weitergeht. Da gibt es Beziehungs- oder finanzielle Probleme und es fließen Tränen. Dann braucht der ein oder andere einfach mal ein bisschen Zuspruch und Trost.

Was sind Besonderheiten der Sprechstunde? Wie ist das organisiert?

Dr. Georg Schwarzer: Die Regelsprechstunde findet von 8 bis 14 Uhr statt. Danach werden neue Zugänge aufgenommen oder spezielle Untersuchungen, wie Ultraschall, durchgeführt. Jeder Gefangene kann an zwei Tagen die Woche einen Termin machen. Notfälle werden selbstverständlich jederzeit angesehen. Pro Tag kommen rund 40 bis 50 Patienten zu mir. Darunter sind immer mehr Gefangene aus Entwicklungsländern wie Afrika mit keinen oder nur geringen Fremdsprachkenntnissen. Dafür haben wir praktischerweise einen Telefon-Dolmetscher. Das funktioniert sehr gut, schnell und klappt auch für seltene Sprachen. Im Normalfall werden die Gefangenen von den Vollzugsbeamten gebracht und im videoüberwachten Wartezimmer platziert. Sie kommen in der Regel nicht mit ins Behandlungszimmer. Da bin nur ich und ein Sanitäter.

Haben Sie einen Notknopf?

Dr. Georg Schwarzer: Wir tragen immer ein sehr sensibles Gerät am Körper. Es sieht aus wie ein Handy, man kann damit telefonieren, aber es hat auch eine Strippe. Zieht man daran oder bewegt sich vom Senkrechten in die Waagrechte, wird im ganzen Haus Alarm auslöst.

Haben Sie schon gefährliche Situationen erlebt?

Dr. Georg Schwarzer: Nein, und ich bin jetzt fast acht Jahre hier. Es gab schon mal ein bis zwei Situationen, die nicht ganz koscher waren. Das waren jedes Mal weibliche Gefangene, die eine Attacke gegen mich ausüben wollten. Allerdings kam es nicht wirklich zu einer Rangelei. Da standen auch noch andere Leute drumherum, die das verhindert haben. Verbale Entgleisungen sind aber nicht so selten, wenn Gefangene zum Beispiel nicht das kriegen, was sie gerne hätten. Dann fängt der ein oder andere schon mal an los zu kreischen, mich zu beschimpfen, Stühle umzuschmeißen oder verlässt türknallend den Raum. Das passiert zwar nicht fünfmal am Tag, aber man muss darauf gefasst sein.

Machen Sie Hausbesuche in den Zellen?

Dr. Georg Schwarzer: In der Regel nicht. Die Gefangenen werden von mir dort nur aufgesucht und behandelt, wenn es nicht anders möglich ist. Zum Beispiel, in einer speziellen Arrest-Situation, die den Transport in den Praxistrakt sehr umständlich machen würde. Wenn die Gefangenen sehr aggressiv sind, kann man sie nicht an Händen und Füßen gefesselt durchs Haus schicken. Bei unberechenbaren Häftlingen werde ich in der Zelle von drei Beamten begleitet.

Was muss man für den Job mitbringen?

Dr. Georg Schwarzer: Man sollte nicht zu sensibel sein und jedes Wort auf die Goldwaage legen. Auch eine breite allgemeinmedizinische Erfahrung ist nötig. Für Berufsanfänger direkt nach dem Studium oder nach ein bis zwei Jahren Praxiserfahrung ist dieser Arbeitsplatz nicht unbedingt geeignet. Man ist hier Einzelkämpfer und hat nicht ständig einen Kollegen oder Oberarzt im Rücken, den man schnell um Rat fragen kann. Sie können auch nicht jeden Patienten ins Krankenhaus fahren lassen, damit die dort mal gucken. Da steigt Ihnen der Fahrdienstleiter aufs Dach, das ist personell sehr aufwendig. Sie müssen in der Lage sein, Entscheidungen zu treffen, die Sie auch vertreten können. Das muss natürlich auch immer in der elektronischen Akte, die wir hier führen, dokumentiert werden. Auch sollte man gegebenenfalls alle Möglichkeiten, die man hier im Haus hat, wie Labor oder EKG, ausgenutzt haben. Denn es wird auch gerne mal hinterfragt, ob Sie dies und das gecheckt haben.

Von wem? 

Dr. Georg Schwarzer: Es kommt immer wieder vor, das Gefangene Horrorstorys erzählen, wie schlecht es ihnen geht und wie wenig hier getan wird. Gerade mit Rechtsanwälten hat man daher öfters zu tun, als einem lieb ist. Sie schreiben uns oft seitenlange Briefe. Und dann müssen Sie darlegen, dass Erkrankungen hier durchaus ernst genommen werden, durch welche Untersuchungen was abgeklärt wurde und was noch getan wird. Die Gefangen können sich zudem beim Bürgerbeauftragten beschweren. Dazu müssen Sie in ähnlicher Weise Stellung beziehen, was im Quartal ungefähr einmal vorkommt. Darüber hinaus habe ich hin und wieder Kontakt zu Richtern oder Staatsanwälten. Zum Beispiel, wenn ich für einen Gefangenen die Haft unterbrechen möchte, um eine Behandlung zu gewähren, die innerhalb des Vollzugs so nicht möglich ist. Dazu muss ich eine hieb und stichfeste Begründung liefern.

Als Gefängnisarzt arbeiten: Hier gibt es weitere Infos:

Wer sich für einen Arbeitsplatz als Gefängnisarzt interessiert, hat viele Möglichkeiten: ob Vollzeit oder Viertelstelle, verbeamtet oder angestellt. Man kann auch nur wenige Stunden auf Honorarbasis arbeiten und dafür einen individuellen Satz verhandeln oder sich als reine Vertretungs- oder Bereitschaftskraft zur Verfügung stellen. Die Arbeitgeber – der öffentliche Dienst – sind bemüht, bei den Rahmenbedingungen den Bedürfnissen der potenziellen Bewerberinnen und Bewerber bestmöglich entgegen zu kommen.

Gesucht werden vor allem Allgemeinmediziner und Internisten. Es besteht aber auch Bedarf an Fachrichtungen der Grundversorgung, wie Zahn-, Augen- und Frauenärzten. Denn diese Mediziner besuchen die JVAs in regelmäßigen Abständen. „Initiativbewerbungen sind jederzeit willkommen. Schicken Sie bei Interesse einfach der JVA Ihrer Wohnortnähe ein paar Zeilen, inklusive Hinweis, wieviel Stunden Sie einsatzbereit wären. Da wird zeitnah immer etwas frei“, empfiehlt Volker Schönbrunn, Personalchef im Justiz-Ministerium Rheinland-Pfalz. Offene Stellen gibt es zudem in den Justizvollzugs-Krankenhäusern, insbesondere für Internisten, Chirurgen oder Psychiater.

Auskünfte zu Beschäftigungsmöglichkeiten und -bedingungen erteilen die einzelnen Länder.
Für Rheinland-Pfalz informiert Volker Schönbrunn, Telefon 06131 16-4802, Volker.Schoenbrunn@jm.rlp.de, www.jm.rlp.de.

Sie begegnen Menschen, die Sie sonst nicht treffen würden…

Dr. Georg Schwarzer: Ja, und ich bekomme schon die ein oder andere sehr interessante Vita zu hören. Dafür nehme ich mir dann auch eine halbe Stunde, um ein bisschen tiefer einzutauchen. In erster Linie sitzt hier eine breite Masse an Kleinkriminellen ein. Da waren oft schon die Eltern kriminell, niemand hat regelmäßig gearbeitet und der Drogenkonsum zieht sich durch die Generationen. Manche haben ein wirklich erschreckendes Leben hinter sich hat, wo ich mir denke: „mein Gott was kann denn noch alles passieren. Wieviel Pech kann jemand haben“? Hier war aber auch schon mal ein Minister inhaftiert sowie ein Staatsanwalt und sogar ein Arzt. Da wundere ich mich dann schon, wie jemand, der alles erreicht hat, hier in einer Zweier-Zelle mit einem entsprechend weniger gut situierten Zellengenossen landen kann.

Was sind die Vorteile einer Arbeit als Gefängnisarzt?

Dr. Georg Schwarzer: Ich muss meine Patienten nicht im Drei-Minuten-Takt durchschleusen, habe keine Nacht- oder Wochenenddienste und arbeite vergleichsweise selbstständig. Vor allem kann ich frei entscheiden und alle Medikamente verschreiben und Untersuchungen veranlassen, die ich für nötig halte. Wir achten natürlich darauf, wirtschaftlich arbeiten. Aber ich habe niemand im Nacken, der mir vorwirft, mein Budget zu überziehen. Es gibt keine Abrechnungen mit der Kassenärztlichen Vereinigung, keinen Riesen-Verwaltungsaufwand. Und: Mittagessen ist immer inklusive. Zu meinem Job gehört auch das Vorkosten. Es ist keine Grande Cousine, aber guter Standard.

Wie sind Sie Gefängnisarzt geworden?

Dr. Georg Schwarzer: Von Haus aus bin ich Arbeitsmediziner, was ein ganz anderes Feld ist, und war in einer Praxis angestellt. Nebenher habe ich seit 2004 Urlaubsvertretungen in dieser JVA übernommen. Das war eine tolle Abwechslung. Als mein Vorgänger 2014 kündigte, wurde ich gefragt, ob ich vorrübergehend einspringen könnte. Da ich bereits im Vorruhestand war, sagte ich „ich mache das, bis ihr jemand gefunden habt.“ Das ist der Stand bis heute. Aber ich komme jeden Tag mit Freude hierher, es bietet sich immer ein buntes Bild. Die paar Schwierigkeiten, die ich anfangs beschrieben habe, sind nicht an der Tagesordnung. In der Regel ist es ein nettes Miteinander. Zumal das Klientel in der Regel recht jung ist, was mir ganz gut gefällt. Und die haben natürlich so ihre eigene, etwas saloppe Art. Manchmal denke ich zwar „okay, ein bisschen mehr Respekt wäre vielleicht angebracht“, aber ich weiß, es ist nicht böse gemeint und eigentlich gefällt mir die Atmosphäre recht gut. Ich bin jetzt 68 und arbeite drei Wochen im Monat Vollzeit. Zudem mache ich bis 22 Uhr Telefonbereitschaft. Die vierte Woche habe ich frei und kann meinen kulturellen Interessen nachgehen. Für mich harmoniert das ganz wunderbar.

Der Experte:

Ein ungewöhnlicher Arbeitsplatz: Dr. Georg Schwarzer, von Haus aus Arbeitsmediziner, ist seit vielen Jahren Gefängnisarzt in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Rohrbach.

Bild: © privat

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