„Mit Sicherheit Verliebt“: Wenn Dr. Sommer in die Schule kommt

Schmetterlinge im Bauch, der erste Kuss – und dann? Wenn Jugendliche die Liebe und ihre Sexualität entdecken, haben sie viele Fragen. Antwort gibt entweder das „Dr. Sommer“-Team in der BRAVO – oder die Medizinstudierenden aus dem bvmd-Projekt „Mit Sicherheit Verliebt“. Was die Jugendlichen wissen wollen und ob das auch mal peinlich wird, verrät Projektleiterin Esther Mönning.

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Die erste Liebe – ein tolles Gefühl. Viele Jugendliche sind aber auch unsicher: Wann ist der richtige Zeitpunkt für das erste Mal? Und was muss man dabei beachten? Das bvmd-Projekt „Mit Sicherheit Verliebt“ will hier Orientierung bieten.

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Frau Mönning, warum ist sexuelle Aufklärung für Jugendliche außerhalb des Schulunterrichts und der Familie so wichtig?

Esther Mönning: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass bei dem Thema eine große Lücke besteht. Es gibt zwar viele Informationen – von den Eltern, aus der Schule und vor allem aus dem Internet – aber da fehlt oft die Einordnung: Was stimmt denn davon tatsächlich? Und trifft es auch auf mich zu? Da setzen wir an. Und dazu kommt: Bei den Lehrkräften oder den Eltern trauen sich Jugendliche oft nicht, alles zu fragen, was einen interessieren könnte. Da sind wir mit unserem Konzept in einer besseren Lage, weil wir nur für einen Tag vorbeikommen und danach nicht mehr an der Schule sind. So können es die Jugendlichen nicht als unangenehm empfinden, uns nach dem Gespräch über so intime Dinge nochmal zu sehen.

Was wissen die Jugendlichen denn generell über Sexualität und woher kommen die Informationen?

Esther Mönning: Wir besuchen in der Regel Klassen zwischen dem 6. und dem 10. Schuljahr. Da geht das natürlich weit auseinander: In der 6. Klasse ist der Wissensstand ganz anders als in der 10. Klasse. Und in der Berufsschule geht es dann schon eher um Themen wie die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf. Aber heute kommt das meiste Vorwissen aus dem Internet. Außerdem hören die Jugendlichen viel von Freunden oder älteren Geschwistern. Andere Informationsquellen sind dann die Eltern, die Schule, oder Bücher. Wenn es um Beziehungen geht, spielt es auch eine Rolle, was in Filmen und Serien vorgelebt wird. Was den Sex an sich betrifft, spielt Pornografie eine große Rolle. Viele glauben, dass es tatsächlich der Realität entspricht, was da gezeigt wird.

Der kleine Patient wirkt verstört und hat auffällige blaue Flecken: Mit Symptomen, die auf Kindesmisshandlung hinweisen, werden nicht nur Kinderärzte konfrontiert. Wie reagiert man als Arzt, wenn so ein schwerwiegender Verdacht im Raum steht? Darüber klärt die bvmd-Initiative „Viola“ auf. Im Interview erklärt Projektleiterin Débora-Michèle Grote Urtubey, wie man Misshandlung erkennt und warum das Thema kein Tabu sein darf.

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Wie sieht Ihr Konzept aus? Was machen Sie anders als die Schulen oder die Eltern?

Esther Mönning: Wir sind einen Tag lang von der ersten bis zur sechsten Stunde in der Klasse. Wir benoten nicht und wir sind auch nicht das ganze Schuljahr präsent. Und wir versuchen, das ganze nach dem Prinzip der „Peer-Education“ durchzuführen – das heißt, wir bieten einen Dialog auf Augenhöhe an. Wir sind ja nicht viel älter als die Jugendlichen und können uns noch gut an unsere Schulzeit erinnern. Außerdem sind wir speziell in Sexualaufklärung geschult – das ist selbst im Pädagogik-Studium nicht immer der Fall. Bei „Mit Sicherheit Verliebt“ bekommen alle erstmal eine 8,5-stündige Fortbildung und lernen Methoden kennen, damit bei den Kids etwas hängenbleibt und der Unterricht nicht unangenehm wird.

Wie geht man denn da geschickt vor?

Esther Mönning: Als erstes definieren wir Regeln. Wichtig ist zum Beispiel, dass alles, was im Raum besprochen wird, auch dort bleibt. Lehrkräfte sind nicht dabei und erfahren auch nicht, über was wir gesprochen haben und wer welche Fragen gestellt hat. Wenn jemandem etwas unangenehm wird, darf man auch jederzeit den Raum verlassen. Außerdem sagen wir, dass Lachen in Ordnung ist – es geht ja auch manchmal um lustige Erlebnisse oder Pannen. Aber niemand darf ausgelacht werden. Außerdem geben wir die Regel aus, dass gelogen werden darf. Uns ist es egal, ob die Jugendlichen von realen Erlebnissen sprechen oder von ausgedachten – an den Situationen kann man trotzdem etwas lernen. Am Anfang spielen wir ein Spiel, um ins Thema reinzukommen – das ist zum Beispiel oft das „Sex-ABC“ – wie Stadt-Land-Fluss mit Begriffen aus der Sexualität. Und wenn sie bei „A“ dann „anal“ hinschreiben und die ganze Klasse kichert – sie aber merken, dass wir darauf nicht besonders reagieren, dann merken sie schon, dass wir wirklich mit ihnen über die Inhalte reden wollen. Das klappt eigentlich immer ganz gut – da haben wir eine Vorbildfunktion, weil wir eben nur ein bisschen älter sind als sie selber.

Über was für Themen sprechen Sie mit den Jugendlichen?

Esther Mönning: Wir fangen mit Anatomiekenntnissen an. Was hat eine Frau, was hat ein Mann? Wie funktioniert der weibliche Zyklus? Was passiert in der Pubertät im Körper? Dann reden wir über Empfängnis und Empfängnisverhütung – was es da gibt und wie die verschiedenen Methoden funktionieren. Dann geht es auch um sexuell übertragbare Infektionen – was gibt es da, und was kann ich tun, wenn ich mir vielleicht etwas eingefangen habe? Wir versuchen aber auch, ein positives Körperbild und einen selbstbewussten Umgang mit der eigenen Sexualität zu vermitteln. Und in der letzten Zeit geht es auch immer häufiger um die verschiedenen Aspekte geschlechtlicher Identität: Dass man beispielsweise vielleicht als biologische Frau geboren ist, sich aber doch einem anderen Geschlecht zugehörig fühlt. Wir besprechen auch, dass es mehr als nur zwei Geschlechter gibt. Darum geht es ja derzeit auch oft in den Medien: Begriffe wie „transsexuell“ haben die Jugendlichen oft schon gehört, können sich darunter aber nicht wirklich etwas vorstellen.

Mit was für Vorurteilen und Fehlinformationen werden Sie konfrontiert?

Esther Mönning: Homophobie ist immer ein großes Thema. Generell ist es so, wenn die Jugendlichen selbst jemanden kennen, der homosexuell ist, dann wissen sie, dass das auch ganz normal ist. Aber viele sagen auch zum Beispiel: „Wenn mein bester Freund auf einmal schwul wäre, wäre das doch eklig – dann wäre das nicht mehr mein Freund“. Es ist schon schwierig, das an einem Vormittag zu ändern. Ein anderes Vorurteil ist, dass Sex wie im Porno abläuft. Oder dass Sex immer weh tut – da machen sich die Mädchen Gedanken. Viele Mädchen wissen auch kaum etwas über den weiblichen Orgasmus – zum Beispiel, wo die Klitoris ist. Andere Vorurteile drehen sich z.B. um HIV und AIDS. Stecke ich mich mit AIDS an, wenn ich einen HIV-positiven Menschen umarme? Und auch Verhütung ist ein Thema – da geht es oft um den Unterschied zwischen der Pille und der Pille danach: Also, warum sollte man überhaupt regelmäßig die Pille nehmen, wenn man im Zweifelsfall auch die Pille danach nehmen kann? Solche grundlegenden Fragen wie „Kann ich vom Küssen schwanger werden?“  gibt es aber kaum noch. Ganz grundsätzlich sind die Jugendlichen da wahrscheinlich besser informiert als frühere Generationen.

Was für Fragen werden Ihnen noch gestellt?

Esther Mönning: Neben den schon angesprochenen Themen kommen oft auch persönliche Fragen: Wie war Dein erstes Mal? Wie war Dein erster Kuss? Hast Du das und das schon mal ausprobiert? Das ist wegen dieser Vorbildfunktion immer eine Gratwanderung, weil wir keine Normen vermitteln wollen. Wir gehen ja auch mit mehreren Studierenden in die Klasse – und wenn ich dann beispielsweise sage, dass ich mein erstes Mal relativ spät hatte und jemand anders sagt, dass es relativ früh war, dann zeigen wir, dass es da eine große Bandbreite gibt, an der man sich orientieren kann. Da sieht man in der Klasse dann auch immer eine gewisse Erleichterung, dass beides okay ist.

Wie reagieren die Jugendlichen auf Sie und darauf, dass Sie über diese Fragen so offen sprechen?

Esther Mönning: Meistens sehr positiv. Anfangs sind sie meistens etwas schüchterner. Aber am Ende geben sie uns dann oft das Feedback, dass sie es super fanden, mal so offen über diese Themen zu sprechen. Es kommt auch nur ganz selten vor, dass jemand die Klasse verlässt, weil es ihm oder ihr unangenehm ist.

Reagieren die Mädchen anders als die Jungs? Und trennen Sie die Gruppen nach Geschlechtern oder nicht?

Esther Mönning: Es ist in den einzelnen Lokalgruppen unterschiedlich, ob die Mädchen und die Jungs die ganze Zeit zusammen in der Gruppe bleiben oder nicht. Beides hat Vor- und Nachteile, die wir in der Initiative gerade auch heiß diskutieren: Beispielsweise sind die Mädchen oft offener, wenn sie unter sich sind. Andere Themen sind für Jungs einfach weniger interessant – zum Beispiel der erste Besuch beim Frauenarzt. Bei den Jungs wird oft über Pornografie gesprochen – die haben damit einfach früher Kontakt als die Mädchen. Da sprechen wir auch über die Hintergründe der Filmproduktion und dass da eben keine realistischen Situationen gezeigt werden. Ein Nachteil der getrennten Gruppen ist, dass wir eigentlich weg wollen von diesem binären Geschlechterdenken. Und wenn sich in einer Klasse jemand über seine Geschlechtsidentität unsicher ist, ist das ein Problem, das gut zu adressieren. Wir wollen zeigen, dass es ganz unterschiedliche Formen der Identität gibt: Vom biologischen Geschlecht darüber, zu wem man sich hingezogen fühlt bis hin zum eigenen Selbstbild – die Jugendlichen kennen ja beispielsweise Conchita Wurst, die sich als Kunstfigur weiblich kleidet, aber gleichzeitig einen Bart trägt und ein schwuler Mann ist.

Das bvmd-Projekt „Mit Sicherheit Verliebt“ ist ein von Studierenden geleitetes Sexualaufklärungsprojekt, das Schüler_innen der Jahrgangsstufe 6 bis 10 darin unterstützen möchte, eine selbstbestimmte und reflektierte (gesunde) Beziehung zu ihrer Sexualität zu entwickeln. Grundlagen hierfür sind unter anderem die neuesten Erkenntnisse der medizinischen Forschung.
Mehr Infos und Kontakt: www.bvmd.de/unsere-arbeit/projekte/mit-sicherheit-verliebt/

Die Initiative „Mit Sicherheit Verliebt“ gibt es seit 2001. Wie hat sie sich seither entwickelt und was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Esther Mönning: Das Konzept ist schon in den 90er Jahren in Schweden entstanden. Aktuell haben wir 38 Lokalgruppen und sind eigentlich an allen Medizinfakultäten vertreten und sogar auch in einigen anderen Städten. Wir haben über 600 Mitglieder und auch viele Studierende anderer Fachrichtungen sind inzwischen dabei. Vor einigen Jahren haben wir ein Ausbildungskonzept entwickelt – das geht auch noch weiter voran. Außerdem vernetzen wir uns auch international – vor allem mit Österreich und der Schweiz, aber auch den nordeuropäischen Nachbarländern. Da richten wir nächstes Jahr in Deutschland ein internationales Treffen aus. Wir sind ja das größte und älteste bvmd-Projekt – da beraten wir auch oft andere Projekte in organisatorischen Fragen.

Warum engagieren Sie sich in diesem Bereich und was gibt Ihnen das zurück?

Esther Mönning: Mein eigener Sexualkunde-Unterricht in der Schule war unglaublich schlecht – wir haben nur Bücher zum Thema bekommen, konnten aber keine Fragen stellen. Das wollte ich besser machen. Außerdem kann Sexualität etwas sehr Schönes sein – aber dafür muss man sich auskennen. Das möchte ich den Jugendlichen mitgeben, das ist für mich eine große Motivation. Außerdem bestehen unsere Gruppen aus sehr offenen Menschen, das gefällt mir gut, dass sich hier auch Leute gut aufgehoben und verstanden fühlen, die vielleicht nicht in die heterosexuelle Norm passen. Wir lernen aber auch selber sehr viel. Wir haben auch Schwerpunktworkshops zu bestimmten Themen – zum Beispiel über verschiedene Beziehungskonzepte. Das ist auch etwas, das für viele eine Motivation, darüber mehr Wissen zu bekommen. Das hilft ja auch, sich selbst und die eigene Sexualität besser kennenzulernen und damit offener umzugehen. Und wir lernen, uns besser auszudrücken und mit Menschen auch über schwierige und schambehaftete Themen zu sprechen – das ist für angehende Ärzte und Ärztinnen natürlich eine wichtige Kernkompetenz.

Es gibt viele Möglichkeiten, sich schon während des Studiums für andere einzusetzen – das beweisen die sozialen Initiativen und Vereine, die von Medizinstudenten ins Leben gerufen werden. In dieser Rubrik stellen wir einige davon vor.