Medizinstudenten engagieren sich: „Aufklärung gegen Tabak e.V.“

Im Verein „Aufklärung gegen Tabak e.V.“ bieten Medizinstudenten an vielen Fakultäten ein Wahlfach an, in dem angehende Ärzte lernen, ihre Patienten bei der Rauchentwöhnung zu unterstützen. Was der Verein noch alles macht, erklärt Vorstandsmitglied Fabian Buslaff im Interview.

Wie sieht das eigene Gesicht in sechs Jahren aus – als Nichtraucher (links) oder als Raucher mit einem Päckchen Zigaretten täglich (rechts)? Die App "Smokerface" lässt Selfies optisch altern. | © Aufklärung gegen Tabak e.V.

Ein höheres Risiko für Lungenkrebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber auch ein schwächeres Immunsystem und eine schlechte Haut: Wer raucht, schadet damit seiner Gesundheit. Das ist grundsätzlich bekannt – trotzdem raucht immer noch etwa jeder vierte Deutsche. Fabian Buslaff ist im Verein „Aufklärung gegen Tabak e.V.“ aktiv, um Methoden der Rauchentwöhnung zu verbreiten. 

Herr Buslaff, warum ist es denn so wichtig, über die Folgen des Rauchens aufzuklären?

Fabian Buslaff: Das Rauchen ist in Deutschland immer noch sehr verbreitet. Auch wenn man heute in den Medien liest, dass die Jugend immer weniger raucht, ist es tatsächlich noch so, dass etwa jede fünfte Frau und jeder dritte Mann regelmäßig zur Zigarette greift, also etwa ein Viertel der Deutschen. Das spürt man natürlich gerade in gesundheitsnahen Berufen ganz besonders: Wenn wir als Medizinstudenten im Krankenhaus sind, sehen wir häufig Patienten, die an den Folgen des Rauchens leiden.

Um was für Folgeerkrankungen geht es da genau?

Fabian Buslaff: Das, was den meisten zuerst in den Sinn kommt, sind natürlich Folgeerkrankungen, die direkt die Atemwege betreffen. Das sind zum Beispiel die Chronisch-obstruktive Lungenerkrankung COPD, die quasi jeder irgendwann bekommt, der über viele Jahre geraucht hat. Lungenkrebs ist natürlich sehr bekannt – dabei ist er gar nicht der häufigste Faktor, der bei Rauchern zum Tod führt. Vielen ist nicht bewusst, dass der Effekt auf das Herz-Kreislauf-System für viel mehr Todesfälle und Erkrankungen von Rauchern verantwortlich ist. Da geht es zum Beispiel um Erkrankungen wie Arteriosklerose, die letztendlich sehr häufig zum Herzinfarkt führen. Nicht jeder kennt jemanden, der Lungenkrebs bekommen hat. Aber Schlaganfälle, Herzinfarkte oder generelle Herzschwäche – das sind auch alles weit verbreitete Folgen des Rauchens. Da fällt vielleicht doch jedem jemand aus dem eigenen Umfeld oder der Familie ein, der an so einer Krankheit leidet und der auch geraucht hat.

Der Verein „Aufklärung gegen Tabak“ setzt sich unter anderem dafür ein, dass angehende Ärzte schon im Studium lernen, rauchende Patienten professionell zu beraten und ihnen bei der Rauchentwöhnung zu helfen. Wie gehen Sie da vor?

Fabian Buslaff: Wir haben festgestellt, dass in der curricularen Lehre an den meisten Medizinfakultäten die Rauchentwöhnung überhaupt keine Rolle spielt. Meistens hören wir nur, welche Folgeerkrankungen das Rauchen mit sich bringt – aber wir kommen nicht darauf zu sprechen, wie wir das verhindern können. Dieser Präventionsaspekt sollte in unserem Studium eigentlich eine viel größere Rolle spielen. Eine Befragung hat vor einigen Jahren ergeben, dass sehr viele Studenten im letzten Jahr sich nicht kompetent fühlen, Patienten mit Nikotinabhängigkeit adäquat zu behandeln. Daraus ist unser Wahlfach entstanden, das wir inzwischen in Kooperation mit verschiedenen Kliniken an neun Fakultäten durchführen. Damit wollen wir Medizinstudenten darauf vorbereiten, in den Kontakt mit Patienten zu treten, die rauchen und die vielleicht schon den ersten Herzinfarkt hinter sich haben. Die werden dann vor die Wahl gestellt, ob sie dauerhaft Tabletten nehmen oder ihren Lebensstil ändern möchten. Wir wollen den Studierenden bewusstmachen, dass der Rauchstopp auf jeden Fall eine wirksamere Therapie ist als jede Tablette. Generell sollte man jeden Patienten nach seinem Rauchverhalten fragen. Bei Nichtrauchern weiß man dann, dass man an dieser Schraube nicht mehr drehen muss.

Außerdem bieten Sie Präventionsprojekte an Schulen an. Wie machen Sie Schüler auf die negativen Folgen des Rauchens aufmerksam?

Fabian Buslaff: Es gibt ja schon viele Präventionsprojekte an Schulen. Einige davon sehen wir eher kritisch: So glauben wir, dass z.B. Gespräche mit Lungenkrebs-Patienten die Jugendlichen eher nicht vom Rauchen abhalten – sie distanzieren sich eher davon, wenn eine ältere, kranke Person in die Schule kommt. Sie sehen nicht, was das mit ihnen zu tun hat, wenn sie ab und zu zur Zigarette greifen. Wenn wir in Schulen gehen, sprechen wir kaum über Krebserkrankungen – das ist für die Schüler zu weit weg. Unser Fokus liegt eher auf den kurzfristigen Folgen des Rauchens. Dazu haben wir auch die kostenlose App „Smokerface“ entwickelt, die die kosmetischen Folgen des Rauchens am eigenen Gesicht deutlich macht.

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Wie funktioniert diese App?

Fabian Buslaff: In der App macht man ein Selfie und kann dann angeben, wie viele Jahre man sein Gesicht in die Zukunft altern lassen möchte. Dann kann man die Fotos als Raucher und als Nichtraucher vergleichen. Das soll den Jugendlichen zeigen, welche Effekte das Rauchen auf ihr eigenes Aussehen haben kann. Das sind zum Beispiel Pickel, frühzeitige Faltenbildung oder die Verfärbung der Zähne. Das ruft bei den Schülern relativ heftige Reaktionen hervor – es entsteht auch ein Gruppendruck, wenn man zum Beispiel in der Klasse die Fotos seiner engsten Freunde sieht. Gerade in diesem Alter sind die eigene Schönheit und das eigene Selbstwertgefühl viel relevanter als das Risiko, in 40 oder 50 Jahren an Lungenkrebs zu erkranken. Aktuell betreuen wir zwei wissenschaftliche Studien, bei denen wir evaluieren, welchen Erfolg unsere Präventionsmaßnahmen tatsächlich haben.

Ihre Initiative hat auch noch eine zweite App entwickelt: „Smokerstop“. Wie funktioniert diese App?

Fabian Buslaff: „Smokerstop“ richtet sich an Raucher aller Altersgruppen. Die App soll helfen, mit dem Rauchen aufzuhören und wird dafür z.B. für die Mitarbeiter von BMW eingesetzt. Der grundsätzliche Wille dazu muss natürlich da sein. Wenn man aufhören will, gibt es immer wieder die Momente, in denen man das Bedürfnis hat, zu rauchen – oder in denen man früher zur Zigarette gegriffen hätte. Und da braucht man Unterstützer: Am besten ist es, wenn Freunde oder Kollegen einen in solchen Momenten motivieren, nicht zu rauchen. Wenn man da niemanden hat, hilft die App, indem sie einem motivierende Nachrichten anzeigt. Da gibt man an, wie viel und was man bisher geraucht hat. Und die App zeigt einem dann zum Beispiel an, wieviel Geld man schon gespart hat. Gleichzeitig bekommt man auch die positiven körperlichen Effekte angezeigt: Wie lange dauert es, bis sich mein Blutdruck normalisiert hat? Wann haben sich meine Lungen erholt? Wie lange dauert es, bis mein Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen stark gesunken ist? Wenn man das Verlangen nach einer Zigarette hat, sieht man so, warum es sich lohnt, diese Zigarette nicht zu rauchen. 

Das Programm „Aufklärung gegen Tabak“ wurde 2012 von Dr. Titus Brinker ins Leben gerufen, der damals im dritten Semester an der medizinischen Fakultät in Gießen studierte. Heute klären über 1.500 Medizinstudierende von 28 deutschen, vier österreichischen und zwei Schweizer Universitäten pro Jahr ehrenamtlich 23.800 Schüler über die Folgen des Rauchens auf – außerdem sind unter dem Namen „Education against tobacco“ fast 60 Fakultäten im nicht-deutschsprachigen Ausland Teil der Initiative. Mehr Infos unter gegentabak.de.

Wie hat sich der Verein seit der Gründung im Jahr 2012 entwickelt?

Fabian Buslaff: Der Gründer, Titus Brinker, hat damals als Medizinstudent in Gießen von Anfang an eine Expansion des Projekts geplant. Das Projekt konnte sich schnell auch an anderen Standorten etablieren. Mittlerweile sind wir an den meisten Medizinfakultäten in Deutschland vertreten. Wir expandieren jetzt sogar ins Ausland: „Aufklärung gegen Tabak“ existiert inzwischen in zwölf Ländern teils unter dem Namen „Education against tobacco“. Ich denke, unser Projekt wird auch in Zukunft noch weiter expandieren – sowohl bundesweit als auch international.

Es gibt viele Möglichkeiten, sich schon während des Studiums für andere einzusetzen – das beweisen die sozialen Initiativen und Vereine, die von Medizinstudenten ins Leben gerufen werden. In dieser Rubrik stellen wir einige davon vor.