Wie unterschiedlich Musik auf Herz und Kreislauf wirkt

Deutliche Unterschiede ergab hingegen ein Vergleich der Cortisolwerte zwischen Interventions- (Musik) und Kontrollgruppe (Ruhe). Dieser Vergleich ist wichtig, um auszuschließen, dass der Abfall des Cortisolspiegels über den Versuchszeitraum rein physiologischer Natur ist. Die Ruhephase führte lediglich zu einem Rückgang der Cortisolwerte um 2,39 ± 3,36 μg/dL. Vergleicht man die Effekte der Beschallung mit verschiedenen Musikstilen mit denen der Ruhephase, so zeigt sich, dass der Einfluss von Musik wesentlich größer war als der von Stille (Mann-Whitney-U-Test: Ruhe versus ABBA p = 0,037; Ruhe versus Mozart p = 0,005; Ruhe versus Strauss p = 0,003). Das Geschlecht spielte bei der Beeinflussung des Cortisolspiegels eine Rolle: Männer reagierten auf alle drei Musikszenarien mit einem stärkeren Cortisolabfall als Frauen, wobei der Geschlechterunterschied bei der Beschallung mit Strauss und Mozart am deutlichsten war.

Alle Probanden wurden nach ihren Hörgewohnheiten und nach ihrem Musikempfinden gefragt. Ein Zusammenhang von Musikstilen (Mozart, Strauss, ABBA), Hörgewohnheiten (nie, selten, gelegentlich, häufig, regelmäßig, täglich) und gemessenen Werten zeigte statistisch keine relevanten Effekte.

Die Frage, ob und wie Musik auf den Menschen wirkt, beschäftigt die Wissenschaft (1, 9). Es wurden einzelne Arbeiten vorgelegt, die beim Menschen messbare Effekte nachweisen konnten. Bei diesen Arbeiten handelte es sich jedoch um Einzelbeobachtungen, die einen Vergleich der gefundenen Wirkungen zwischen den Studien unmöglich machen. Das Augenmerk wurde nicht auf die Stilrichtung der Musik und die damit verbundenen unmittelbaren Auswirkungen gelegt. In der Literatur ist zu diesen Effekten, sei es die Wirkung bestimmter Kompositionsschemata, der Verwendung von Sprache oder dem Einfluss bestimmter Hörgewohnheiten, nur wenig zu finden.

Die Ergebnisse unserer prospektiven Studie erlauben die Beantwortung mancher Fragen und zeigen, dass Musik von Mozart und Strauss zu Senkungen von systolischem und diastolischem Blutdruck führte, Musik von ABBA jedoch nicht.

Was ist bei ABBA anders?

Die Musik von ABBA zeigte keine beziehungsweise nur geringe Wirkungen auf Blutdruck und Herzfrequenz. Das mag einerseits an emotional bedingten Faktoren liegen, andererseits kann auch der Gebrauch von Text in der Musik eine negative Rolle spielen (28). Studien zeigen, dass die Ergänzung von Textgesang zur instrumentalen Musik andere Hirnregionen aktiviert und zu unterschiedlichen Empfindungen führen kann. Bei trauriger Musik wirkt der Einsatz von Text verstärkend auf die Emotion, bei fröhlicher Musik ist das Empfinden ohne Text größer (9, 10). Unabhängig von der qualitativen Beeinflussung muss an die verstärkte zentralnervöse Aktivierung gedacht werden, die durch die Verarbeitung des Textes hervorgerufen wird. Die Kompositionsidee, Linearität und Melodik der Tonfolge sind durch die Textverteilung beeinflusst und gegebenenfalls gestört (27). Dass auch die künstliche Klangerzeugung des ABBA-Sounds eine Rolle spielt, ist denkbar und möglicherweise entscheidend für die beobachteten Phänomene (28).

Bernardi berichtete 2009 in einer kleinen randomisierten kontrollierten Studie über messbare Effekte auf das Gefäßsystem und den Blutdruck durch klassische Musik (7). Allerdings war die Musikperzeption nur kurz und es wurden nur wenige Probanden untersucht. Die Autoren konnten zeigen, dass eine Gefäßdilatation und eine Blutdrucksenkung unter klassischer Musik zu erreichen war. Dabei wurden die günstigen Effekte bei Musik von Bach beobachtet, wohingegen bei Beethoven solche positiven Effekte nicht zu sehen waren. Als Erklärung für diese Phänomene wurden unterschiedliche Wechsel der Tempi, der Lautstärken und der Dynamik bei Beethoven herangezogen (7). Klassische Musik führte in unserer Studie zu Senkungen von Blutdruck und Herzfrequenz. Diese Blutdrucksenkungen waren bei Mozart und Strauss deutlich ausgeprägt, bei ABBA wurde kein wesentlicher Effekt gesehen. Auch in der Kontrollgruppe bewirkte das Ruhen in liegender Position eine Senkung des Blutdrucks. In der Studie von Bernardi wurde auf die Kompositionsform als wesentlicher Einflussfaktor hingewiesen und besonders die Musik von Bach wurde als günstig beurteilt (7). Dennoch gibt es keine spezifischen Merkmale, wie die Musik Bachs wirkt (10). Hinweise, dass Rhythmen mit sechs Zyklen pro Minute günstig seien, wurden ebenso beschrieben wie positive Effekte bei gleichförmiger Musik (11, 12). Ruhige Musik mit langsamen Tempo, langen Legatophasen und wenig ausgeprägter Dynamik gelten als günstig für das Herz-Kreislauf-System (13).

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