Vom Arztdasein in Amerika – die Neue Normalität (Frühsommer 2020)

Dr. Peter Niemann schreibt über seine Ausbildung zum Internisten sowie der Zeit danach, aber auch über die Skurrilität eines Arztlebens in den USA. Dieses Mal geht es darum, wie COVID-19 die ärztliche Normalität verändert hat.

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Es ist Ende Juni 2020 und die Gesellschaft in den USA steht Kopf. Trotzdem geht alles seinen Gang: Trotz sich stetig erhöhender Fallzahlen von SARS-CoV2 positiv getesteten Menschen herrscht im Krankenhaus wieder reguläre Geschäftigkeit. Es gibt zwar weiterhin nur wenige elektive Eingriffe wie Hüft- oder Knieersatzoperationen, dennoch sind die Patientenzahlen in etwa auf dem Niveau der Vor-COVID-19-Pandemie zurückgekehrt.

Das liegt nicht an einer großen Zahl an SARS-CoV2-Infizierten, sondern der Rückkehr der „normalen“ Patienten. Es gibt sie wieder: Die Herzinfarkte, Schlaganfälle, Harnwegsinfekte, aber auch viele psychisch- und suchtkranke Fälle. Daneben natürlich auch COVID-19-Patienten und während ich das hier schreibe, behandeln wir zehn Patienten in einem der größten Krankenhäuser Norddakotas, was etwa 5% aller stationären Patienten entspricht. Das ist nicht allzu viel, auch wenn Norddakota ein ländlicher Bundesstaat ist, der zwar etwa der Hälfte der Fläche Deutschlands entspricht, aber nur 1% dessen Bevölkerungszahl hat.

Die Routine ist also in unseren Alltag zurückgekehrt und nur noch selten tragen wir die Gesichtsmasken im Arztzimmer, auch wenn die Krankenhausvorschriften das vorschreiben. Die Angst ist von uns gewichen – manche hatten tatsächlich noch im Mai um ihr Leben gebangt, jetzt denkt kaum noch einer daran, an COVID-19 zu erkranken.

Was ist eigentlich gerade in den USA los? Unsere Gastautorin Aria hat lange dort gelebt. Der Tod von George Floyd und die Demonstrationen der "Black Lives Matter"-Bewegung beschäftigen sie daher sehr. Im Beitrag schildert sie ihre Gedanken und Gefühle in der aktuellen Situation.

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Während vor wenigen Wochen fast alle Ärzte täglich ihren Arbeitsplatz desinfizierten, macht dies mittlerweile nur noch eine einzige Kollegin. Früher wollte kaum einer meiner Kollegen die COVID-19-Patienten behandeln, heute streiten sie sich darum der designierte COVID-19-Arzt zu sein. Denn die Therapieentscheidungen sind derart leicht, nämlich der Einsatz des Medikamentes Remdesivir in leichten und mittelgradigen und das Serum genesener Patienten in schweren Fällen, dass die Visite auf ein Minimum reduziert werden kann. Alles ist standardisiert und es gibt Schutzkleidung in ausreichendem Maße.

Es könnte also ein ganz normaler Arbeitssommer werden, gäbe es nicht allenthalben diese Probleme. Was ist zum Beispiel mit den steigenden SARS-CoV2-Zahlen? Wo kommt dieser Anstieg her? Einige Ärzte sind der Ansicht, daß eine vermehrte Testung dieses Phänomen verursache, andere wiederum meinen es rühre von der Lockerung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Maßnahmen her. Die erste Meinung ist aber verpönt weil auch Präsident Trump sie äußert, und im Wahljahr 2020 will kaum einer der meistens eher links-liberal orientierten Ärzte mit diesem Republikaner identifiziert werden.

So sind die USA nun in eine weitere Phase der COVID-19-Pandemie eingetreten. Es herrscht zunehmende Normalität auf der einen, aber eine Ausnahmesituation auf der anderen Seite. Wirtschaftliche Schwierigkeiten, Unzufriedenheit bis hin zu Unruhen und sich streitende Politiker verschärfen diese Probleme. Wir Ärzte haben uns zwar an diese neue Situation gewöhnt und werden das umsetzen, was von uns verlangt wird, aber trotzdem wäre uns eine Rückkehr zu den Zuständen des Jahres 2019 lieber, als die größten Probleme noch das Amtsenthebungsverfahren gegen Trump und die prozentuale Steigerung unseres Aktienportfolios waren.

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