Traumabewältigung per Mausklick

Eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) kann durch vielerlei Erlebnisse ausgelöst werden. Besonders die Berufsgruppe der Ärztinnen und Ärzte ist häufig davon betroffen. Eine neue Studie des Universitätsklinikums Leipzig (UKL) will zeigen, wie das Internet eine wirksame Therapie sein kann.

Ärzte erleben in ihrem Berufsalltag viele traumatische Situationen, die ihr Risiko erhöhen, an PTBS zu erkranken. | WavebreakMediaMicro - stock.adobe.com

Ein Trauma wird durch ein Ereignis von außergewöhnlicher Bedrohung ausgelöst, das die betroffene Person nicht verarbeiten kann und somit extreme Angst und Hilflosigkeit auslöst. Die Folgen äußern sich durch sozialen Rückzug, Schwierigkeiten bei der Bewältigung des Alltags, Albträume und Flashbacks, Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafstörungen oder Wutausbrüche. Durch posttraumatische Stresssymptome wird das Erlebte zu einer belastenden Erinnerung. Betroffene meiden Orte, Menschen oder Situationen, die sie an das Ereignis erinnern und die gesamte Gefühls- und Gedankenwelt kehrt sich ins Negative.

Risikogruppe (junge) Ärzte

Besonders Ärzte und Ärztinnen – auch diejenigen, die gerade in den Beruf starten – haben ein erhöhtes Risiko dafür, an PTBS zu leiden. Das liegt daran, dass sie durch ihren Beruf täglich mit Schmerz, Leid, schweren Erkrankungen, Gewalterlebnissen, Verletzungen und Tod konfrontiert werden. Außerdem tragen sie eine große Verantwortung, was das Wohl ihrer Patienten angeht. So können Fehlentscheidungen schnell zu erheblichen Konsequenzen führen. 

Generell wirken konventionelle Psychotherapien gut gegen posttraumatischen Stress. Jedoch gibt es bei Ärzten als Betroffene einige Schwierigkeiten. Sie haben oft lange und unregelmäßige Arbeitszeiten, was es erschwert, eine herkömmliche Therapie einzubinden. Hinzu kommt häufig die Angst vor negativen Auswirkungen auf die Karriere.

Neue Wege mit der Internettherapie

Diesem Problem hat sich nun das UKL angenommen. Prof. Anette Kersting, Direktorin der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am UKL, will in einer Studie zeigen, wie wirksam eine internetbasierte Schreibtherapie für Ärzte und Ärztinnen mit PTBS ist. Denn im Vergleich zum Durchschnitt der Bevölkerung leide diese Berufsgruppe viermal häufiger an PTBS, erklärt Kersting. Die internetbasierten Therapien lassen sich gut und flexibel in den jeweiligen Alltag integrieren und bieten zudem ein hohes Maß an Anonymität im Vergleich zu herkömmlichen Therapien.

Sprechstunde

Jeder vierte Medizinstudierende leidet einer Meta-Analyse im US-ameri­kanischen Ärzteblatt zufolge unter Depressionen, jeder zehnte hatte sich sogar mit dem Gedanken an einen Selbstmord beschäftigt. Nur die wenigsten begaben sich jedoch in Behandlung.

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Die Studie besteht aus zehn Schreibaufgaben, die die Teilnehmer über fünf Wochen hinweg bearbeiten sollen, wobei jede Woche zwei Aufgaben auf dem Plan stehen. Insgesamt teilt sich die Studie in drei Phasen. Die 1. Phase „Selbstkonfrontation“ hat zum Ziel, dass sich der Betroffene mit den traumabezogenen Gedanken und Gefühlen auseinandersetzt. In der 2. Phase „Kognitive Umstrukturierung“ sollen neue Perspektiven auf das Erlebte und den Umgang damit entwickelt werden. Die schließlich letzte 3. Phase „Social Sharing“ fasst die Erkenntnisse aus dem Therapieprozess zusammen und soll zu einer neuen Zukunftsperspektive führen.

Ab Oktober können Interessierte an der Studie teilnehmen und ihre Erfahrungen einfließen lassen. Teilnehmen können Ärzte oder Medizinstudenten im Praktischen Jahr, die im beruflichen Kontext ein traumatisches Ereignis erlebt haben, das sie seit mindestens einem Jahr sehr belastet. Außerdem brauchen sie für die Teilnahme einen ruhigen, privaten Ort mit Internetzugang. Mehr Infos und Anmeldung zur Studie unter www.belastung-im-arztberuf.de

Quelle: Uniklinikum Leipzig (20.09.2019)