Substitutionstherapie – „Positiv denken und negativ abpinkeln“

Am Wochenende wechseln sich die neun Ärzte reihum ab und geben das Substitutionsmittel in einem gemeinsamen Raum aus. Das Ganze hat bereits Anfang der 90er-Jahre begonnen, als Pilotprojekt. Die Ärzte sind im Kölner Arbeitskreis Sucht gut vernetzt. Hier wirken Mitglieder von Selbsthilfegruppen, ambulante und stationäre Suchthilfeeinrichtungen, Betriebe und Ausbildungsstätten sowie Dienste der Gesundheits- und Suchtprävention zusammen. Regelmäßig trifft sich der Arbeitskreis zum fachlichen Austausch, zu Fortbildungen, Planungen und zur Sicherung der Versorgung Suchtkranker und ihrer Angehörigen. Wer kommt zur Substitutionstherapie und woher? „Wir bekommen Patienten von den städtischen Auffangstationen in der Innenstadt, über Mundpropaganda oder auch über die Selbsthilfe im Arbeitskreis Sucht. Und wer da kommt, ist ganz verschieden“, erläutert Busch. Das Spektrum reicht vom obdachlosen Junkie – dem Klischeebild des Heroinabhängigen – bis zum Angestellten, der voll im Berufsleben steht. Es ist schon ein Erfolg, wenn jemand im Alltag zurechtkommt und keinen Beikonsum mehr hat – zum Beispiel mit Benzodiazepinen, Kokain und natürlich mit Opiaten.

Genügt dazu die Substitutionstherapie?

„Sie schafft den Raum dafür, überhaupt Lebensperspektiven und Therapieziele zu entwickeln“, erläutert Busch. „Aber natürlich benötigen die Patienten psychosoziale Unterstützung.“ Die erhalten sie auch. Sie reicht von einer intensiven Begleitung im Rahmen des sogenannten ambulant betreuten Wohnens bis zu Gesprächen, die nur noch einmal im Monat stattfinden – je nachdem, wie intensiv der Bedarf ist. Die psycho-soziale Begleitung ist sogar Voraussetzung dafür, in das Substitutionsprogramm aufgenommen zu werden. Busch zeigt den Vertrag, den jeder Patient vor der Aufnahme in das Therapieprogramm gründlich lesen und dann unterschreiben muss. Er geht dann an die Kassenärztliche Vereinigung, denn die Substitutionstherapie ist eine Kassenleistung, sie wird also von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Ungewöhnlich: Der Vertrag beginnt mit einem Gedicht. „Wer noch lebt, sage nicht niemals“, ist der Titel. „Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein?“,fragt der Autor – es ist Bertold Brecht – darin. Der Text stimmt darauf ein, den Kampf mit der Sucht aufzunehmen. „Aus niemals wird: heute noch!“ Der übrige Vertrag umreißt die Bedingungen der Therapie und was der Suchtkranke dafür tun muss. „Sorgen Sie dafür, dass Sie clean aussehen und nicht alkoholisiert sind. Stichprobenkontrollen auf Alkohol: bis 0,5 Prozent halbe Dosis, darüber nix!“ heißt es wörtlich im Vertrag. Wichtig ist außerdem: „Der Konsum anderer suchterzeugender Substanzen und die Einnahme von Medikamenten ist nicht erlaubt, ausgenommen sie wurden vom Arzt verordnet oder abgesegnet“, heißt es im Vertrag weiter. Dort wird auch klargestellt, dass die Behandlung abgebrochen wird, wenn der Patient drei Tage am Stück unentschuldigt fehlt oder nicht an der psycho-sozialen Betreuung teilnimmt, zum Beispiel die Gespräche verweigert.

„Apropos Beikonsum“, sagt Busch und zeigt auf den Dosierautomaten. „Positiv denken und negativ abpinkeln!“ steht auf einem angeklebten Zettel. „Viermal im Quartal machen wir Urintests“, erläutert er, „natürlich unangekündigt. Manchmal auch direkt hintereinander. Das zweite Mal ist dann für manche sehr überraschend.“ Jetzt hat Sartoris eine Pause in seiner Sprechstunde und kommt herüber in den Substitutionsraum. Die Patienten, die morgens ihr Polamidon abholen, sind alle fertig und haben die Praxis wieder verlassen. „Alles in Ordnung?“ Er bespricht einzelne Patienten mit seinem Praxisteam, macht Termine. „Vor der Aufnahme in das Programm wird natürlich jeder Patient gründlich untersucht. Auch ein Laborscreening findet statt“, erläutert er. Die Dosierung des Substitutionsmittels richtet sich auch nach dem früheren Konsum des Patienten. Außerdem werden die Patienten geimpft, manchmal starten zusätzliche Therapien, zum Beispiel gegen eine Hepatitis. „Dann laufen sie hier im normalen Praxisbetrieb mit“, erläutert Sartoris. Gegenüber der Betreuung in reinen Ambulanzen für Drogenkranke sieht er darin deutliche Vorteile: „Die Patienten müssen sich in den Ablauf der Praxis integrieren, anständig gekleidet und gewaschen sein, Termine machen, diese einhalten und so fort“, meint er. Die übrigen Patienten der Praxis – die rein hausärztlichen – begegneten auf diese Weise den Suchtpatienten, zum Beispiel im Wartezimmer, das baue Vorurteile und Stigmatisierungen ab. „Das Ganze funktioniert erstaunlich gut“, ist sich das Praxisteam einig.

Natürlich gibt es auch Rückschläge: „Häufig erleben die Patienten mit dem Start der Therapie eine Phase der schnellen körperlichen Erholung. Oft folgt dem eine Depressionsphase, wenn sie sich oft erstmals seit Jahren wieder ihrem Leben zuwenden können und feststellen, vor welch einem Scherbenhaufen sie stehen. Das braucht dann Zeit und Begleitung“, erläutert Sartoris. Aber er ist sich aus seiner  langjährigen Arbeit mit den Suchtkranken sicher: „Die Arbeit lohnt!“

„Zunächst möchte ich mich bei der ehemaligen Praxisinhaberin Frau Busch bedanken, dass sie mir das Leben gerettet hat! Die Therapie erlaubt mir, meinem Beruf als Musiker nachzugehen und als normaler Mensch zu leben.“
Patient, 40 Jahre

„Wegen der Therapie kann ich wieder arbeiten. Aber es ist doch oft schwer. Man wird anders behandelt, auch im Krankenhaus. Alle schreien sofort nach Handschuhen und häufig heißt es: ‚Ach, das ist doch nur ein Drogi!‘.“
Patient, 47 Jahre

Quelle: Dieser Artikel ist erschienen in Medizin Studieren 1/2018, S.18f

Dieser Artikel wurde uns zur Verfügung gestellt von
Operation Karriere auf Instagram