Öffentlicher Gesundheitsdienst: Nicht nur „Plan B“

Özden Doğan absolviert in Fulda ein Trainee-Programm zum Facharzt für Öffentliches Gesundheitswesen. Die Entscheidung hat er noch keinen Tag bereut.

Patientenkontakte sind für Özden Doğan auch am Gesundheitsamt Alltag – wenngleich sein Fokus mehr auf Gesunderhaltung und Prävention liegt anstatt auf Therapiekonzepten. | Nadja Moalem

Bereits während seines Medizinstudiums entdeckte Özden Doğan sein Interesse an der Bevölkerungsmedizin und der Gesundheitspolitik. „Da man im Studium allerdings wenig darüber erfährt, famulierte ich zum ,Reinschnuppern‘ in das Öffentliche Gesundheitswesen in einem Gesundheitsamt im Rhein-Neckar-Kreis“, erläutert er dem Deutschen Ärzteblatt Medizin studieren. Inspiriert durch die dabei gewonnenen Eindrücke sowie durch seine Mitarbeit in der Fachschaft Medizin an der Universität Heidelberg bewarb sich der gebürtige Kölner nach seinem Medizinstudium folglich auch nicht für eine Weiterbildung an einer Klinik wie die meisten seiner Kommilitonen, sondern für eine Weiterbildung beim Gesundheitsamt in Fulda. Hier absolviert der 27-Jährige seit einem Jahr ein Trainee-Programm des Landkreises, das ihn in fünf Jahren zum Facharzt für Öffentliches Gesundheitswesen (ÖGW) weiterbildet.

Die Entscheidung für eine Laufbahn im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) ist somit für Doğan – anders als für so manchen seiner Kolleginnen und Kollegen – nicht bloß „Plan B“. „Ich will meinen Fokus bewusst mehr auf die Gesundheit und die Prävention sowie Gesundheitsförderung legen anstatt auf die Erkrankungen selbst“, erklärt er. „Jetzt arbeite ich daran mit, Krankheiten zu verhindern, bevor sie therapiert werden müssen. Das ist ein völlig anderer Denkansatz, aber genauso erfüllend.“ Es fehle zwar der unmittelbare Therapieerfolg, aber: „Für mich sind Gesundheitsförderung, Prävention und Bevölkerungsmedizin die Zukunft der Gesundheitsversorgung“, sagt Dogan.

Untersuchen, begutachten, testen, beraten

Patienten- beziehungsweise genauer gesagt Klientenkontakt hat der junge Arzt bei seiner Rotation im Gesundheitsamt dennoch reichlich: Er untersucht, begutachtet, testet und berät. Zudem stellt er Kontakte her, muss medizinisch, sozialwissenschaftlich, politisch und juristisch denken. „Kein Tag ist wie der andere“, schwärmt der junge Arzt, „Die Arbeit im ÖGD ist ungeheuer vielfältig. Es gibt sehr viele Sachgebiete.“

Eines davon ist der Amtsärztliche Dienst. Dort untersucht er beispielsweise, ob eine Person erwerbsfähig/dienstfähig ist, ob sie aus gesundheitlichen Gründen berechtigt ist, bestimmte Sozialleistungen zu beantragen, oder ob sie in der Lage ist, eine Prüfung abzulegen. Auch die kostenlose Beratung zu sexuell übertragbaren Krankheiten ist ein Angebot des Gesundheitsamts. Im Bereich Hygiene und Infektionsschutz ist es die Aufgabe von Dogan, in medizinischen Einrichtungen für die Einhaltung von Hygienestandards zu sorgen oder beim Ausbruch von Infektionskrankheiten wie Masern, Röteln oder Grippe die Infektionsketten zu ermitteln und durch geeignete Maßnahmen zu unterbrechen. Zudem befasst er sich mit der Überwachung des Trinkwassers und umweltmedizinischen Fragestellungen.

Wie wird man ÖGW-Facharzt?

Um Facharzt für das Öffentliche Gesundheitswesen (ÖGW) zu werden, müssen approbierte Ärztinnen und Ärzte entsprechend der Musterweiterbildungsordnung der Bundesärztekammer insgesamt 60 Monate an Weiterbildungsstätten absolvieren. Während dieser Zeit müssen sie 36 Monate in Gebieten der unmittelbaren Patientenversorgung arbeiten, davon sechs Monate in der Psychiatrie/Psychotherapie. Weitere 18 Monate sollen sie in einer Einrichtung des Öffentlichen Gesundheitswesens tätig werden. Diese Zeit wird ergänzt durch die Teilnahme an einer sechsmonatigen theoretischen Kurs-Weiterbildung für Öffentliches Gesundheitswesen.

Einige Landkreise (wie zum Beispiel Fulda) bieten Trainee-Programme für die Weiterbildung zum Facharzt für ÖGW an und vermitteln sowohl qualifizierte Weiterbildungsstellen in den Kliniken des Landkreises als auch die Teilnahme an einem Amtsarztkurs. Abgeschlossen wird die Weiterbildung mit einer Facharztprüfung an der zuständigen Landesärztekammer.

Im Kinder- und Jugendärztlichen Dienst nimmt der Arzt in Weiterbildung mit seinen Kollegen die gesetzlich vorgeschriebenen Schuleingangsuntersuchungen vor, mit denen bei Kindern die Förderbedarfe festgestellt werden können. Ein weiteres Aufgabenfeld im Gesundheitsamt ist der Sozialpsychiatrische Dienst: ein kostenloses Beratungsangebot für alle Bürger mit seelischen Problemen, psychischen oder Suchterkrankungen, das auch Angehörige von Betroffenen nutzen können. Die Umsetzung des Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetzes fällt ebenfalls in diesen Bereich. „Zusätzlich hat das Gesundheitsamt noch weitere Aufgaben, wie die Berufsaufsicht verschiedener Gesundheitsberufe und vieles andere mehr“, erklärt Doğan.

Im Fuldaer Gesundheitsamt ist er aktuell einer von acht Ärztinnen und Ärzten und rotiert durch die Sachgebiete. „An meiner Arbeit hier schätze ich vor allem das kollegiale Arbeitsklima. Toll ist auch, dass ich ausreichend Zeit für die von mir betreuten Menschen habe und dass ich mit vielen verschiedenen Berufsgruppen oft sogar interdisziplinär zusammenarbeite und im Team nach Strategien suche“, erzählt Doğan. Ein zusätzliches Plus seien die geregelten Arbeitszeiten.

Ein Problem: Nachwuchsmangel

Dennoch leidet der ÖGD unter Nachwuchsmangel. Viele offene Stellen können bundesweit bereits jetzt nicht besetzt werden – Tendenz steigend. Denn mehr als die Hälfte aller Fachärzte für Öffentliches Gesundheitswesen sind älter als 50 Jahre und werden somit in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen. Für junge Ärztinnen und Ärzte bestehen in diesem Bereich also glänzende Berufsaussichten. Doch nur wenige zieht es in den ÖGD. Warum? Ein Grund dafür ist für Dogan der Lohnunterschied zwischen Klinikärzten und Ärzten im ÖGD, der beseitigt werden müsse.

Aber auch am Image hapere es: „Kaum ein Medizinstudierender weiß, was im Öffentlichen Gesundheitsdienst und im Gesundheitsamt im Speziellen passiert und dass man mit dem Facharzt für Öffentliches Gesundheitswesen quasi „Public Health-Facharzt“ werden kann“, bedauert er. „Es gibt in Deutschland keinen einzigen Lehrstuhl für die Fachrichtung. Damit ist das Öffentliche Gesundheitswesen der einzige fachärztliche Weiterbildungsgang in Deutschland ohne akademische Vertretung in Form von eigenen Lehrstühlen oder Instituten an den medizinischen Fakultäten.“ Auch die Weiterbildung sei nicht überall so gut organisiert wie in Fulda. „Das muss sich dringend ändern“, fordert er. Bislang kämen viele Ärzte in Praxen und Kliniken sowie Medizinstudierende mit dem Amt nur in Berührung, wenn sie ansteckende Krankheiten melden müssten.

Wenn man sich für eine Facharzt-Weiterbildung entscheidet, gibt es viele Möglichkeiten. In der Serie "Überblick" stellen wir die einzelnen Fachgebiete und ihre Weiterbildungsmodalitäten vor. Dieses Mal unter der Lupe: das Öffentliche Gesundheitswesen.

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Tatsächlich ist nur wenigen bewusst, wie viele Maßnahmen der öffentlichen Gesundheit in der Vergangenheit zur Vermeidung von Krankheit und vorzeitigem Tod beigetragen haben. Der ÖGD nimmt in der Gesellschaft durchaus eine Schlüsselstellung ein, auch heute noch – diese Erkenntnis wird erst in den letzten Jahren wieder vermehrt in die Öffentlichkeit getragen. 2014 beschäftigte sich sogar der Deutsche Ärztetag in einem eigenen Tagesordnungspunkt mit der Rolle des ÖGD und trat für dessen Stärkung ein. 2015 legte die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina ihre Stellungnahme „Public Health in Deutschland“ vor, in deren Folge 2016 das Zukunftsforum Public Health eingerichtet wurde. Und schließlich beschloss die Gesundheitsministerkonferenz der Länder 2016 eine umfassende Stärkung des ÖGD und initiierte einen Konsultationsprozess für ein neues Leitbild.

„Die essenzielle Bedeutung des Fachs für die Gesundheit der Bevölkerung steht in einem paradoxen Gegensatz zu seiner Attraktivität unter Studierenden sowie Ärztinnen und Ärzten in Weiterbildung“, betonten Karin Geffert, Franziska Hommes, Simon Drees, Juliane Springer und Jan Stratil, Studierende und Absolventen der Medizin aus München, Würzburg, Aachen, Berlin und Mainz, Anfang dieses Jahres in einem Artikel im Deutschen Ärzteblatt. Dabei wiesen sie auch auf das Berufsmonitoring Medizinstudierende, eine von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und dem Medizinischen Fakultätentag durchgeführte repräsentative Befragung, hin. Sie brachte es nämlich vor drei Jahren auf den Punkt: Der ÖGD habe ein nachhaltiges Imageproblem und werde eher als Verwaltungseinrichtung denn als Institution der Gesundheitsversorgung wahrgenommen.

ÖGD kommt im Studium zu kurz

Um die Nachwuchsprobleme zu lösen, mahnten auch sie Reformen im Medizinstudium, in der ärztlichen Weiterbildung und der Organisation des ÖGD an. Zwar sei die öffentliche Gesundheit ein Querschnittsfach im Medizinstudium und auch der Nationale Kompetenzbasierte Lernzielkatalog Medizin (NKLM) erwähne Inhalte mit Bezug zur öffentlichen Gesundheit an verschiedenen Stellen. Doch die Staatsexamensfragen enthielten maximal nur eine einzige Frage mit unmittelbarem Bezug zum ÖGD. Zudem würden die Landesprüfungsämter im ÖGD absolvierte Famulaturen und Wahltertiale des Praktischen Jahres bislang nur in einigen Bundesländern anerkennen.

Dogan hatte Glück: Seine Famulatur im ÖGD wurde anerkannt. Und das erste Jahr seiner Weiterbildung bestätigte ihn in seinem Plan A, der Entscheidung, Facharzt für das öffentliche Gesundheitswesen zu werden. „Das Thema Prävention von Krankheiten wird gerade im Hinblick auf die Finanzierung von Gesundheitssystemen künftig noch eine weit größere Rolle spielen“, ist der junge Arzt überzeugt. In diesem Bereich für Verbesserung zu sorgen, ist sein Ziel. Bereits jetzt steht für ihn fest: „Die Facharzt - weiterbildung im ÖGD anzustreben, war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte.“

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