Mediziner auf Abwegen – Teil 6: Die Weltraum-Forscherin Dr. Dr. Jennifer Ngo-Anh

Dr. Dr. Jennifer Ngo-Anh plant die Experimente, die von Astronauten auf der internationalen Raumstation ISS durchgeführt werden: Nach ihrem Medizinstudium in Tübingen und der Promotion in Neurowissenschaften in den USA hat sie sich gegen den Arztberuf und für eine Karriere bei der Europäischen Raumfahrtagentur ESA entschieden.

Dr. Dr. Jennifer Ngo-Anh mit einem Modell des europäischen ISS Columbus-Forschungsmoduls | ESA

Frau Dr. Ngo-Anh, Sie arbeiten seit 2006 bei der ESA in den Niederlanden. Wie genau sind Sie als Medizinerin und Neurowissenschaftlerin dort gelandet?

Dr. Dr. Jennifer Ngo-Anh: Ich habe mein Promotionsstudium in den USA relativ schnell abgeschlossen und mich dann im Forschungsbereich bei der amerikanischen Raumfahrtagentur NASA als Wissenschaftlerin beworben, weil mich die Luft- und Raumfahrt schon immer fasziniert hat. Ursprünglich wollte ich mal Pilotin werden und eine eigene Airline namens Jennif-air gründen (lacht). Bei der NASA konnte ich nicht eingestellt werden, weil ich keine US-amerikanische Staatsbürgerin bin. Mir wurde aber empfohlen, es mal bei dem europäischen Pendant zur NASA zu versuchen – der ESA. Bis dahin wusste ich nicht, dass es so etwas auch in Europa gibt… Bei der ESA wurden genau zu diesem Zeitpunkt auf ein Jahr befristete Trainee-Stellen in verschiedenen Bereichen ausgeschrieben – auf eine dieser Stellen habe ich mich beworben und wurde auch genommen, weil man meinen medizinisch-neurowissenschaftlichen Hintergrund spannend fand. Eigentlich wollte ich also nur ein Jahr bleiben – daraus sind inzwischen 15 Jahre geworden.

Was genau sind Ihre Aufgaben bei der ESA?

Dr. Dr. Jennifer Ngo-Anh: Ich arbeite bei der ESA im Direktorat für bemannte Raumfahrt. Dort unterstützt unser Team verschiedene Forschungsvorhaben. Die Projekte auf der ISS sind dafür die prominentesten Beispiele. Wir sind selbst keine aktiven Wissenschaftler, sondern wir koordinieren die Forschungsprojekte verschiedener Institutionen und Universitäten. Das bedeutet, wir helfen engagierten europäischen Wissenschaftlern dabei, Experimente z.B. auf der Raumstation durchzuführen. Wir suchen die besten Experimente aus und helfen dabei, die Experimente so zu gestalten, dass sie auch wirklich auf der ISS durchgeführt werden können.

Was für Experimente werden denn auf der Raumstation durchgeführt?

Dr. Dr. Jennifer Ngo-Anh: Grob kann man die Forschungsbereiche Biologie, Physik und Physiologie bzw. Medizin unterscheiden. Dabei nutzen wir die Raumstation für Grundlagenforschung: Wie verhalten sich bestimmte Organismen, Stoffe und Materialien im Weltraum? Speziell im medizinischen Bereich geht es darum, welchen Belastungen die Astronauten durch Schwerelosigkeit und Strahlung ausgesetzt sind. Wir versuchen aber auch, Langzeitmissionen vorzubereiten.

Welches Ziel verfolgen diese Forschungsprojekte?

Dr. Dr. Jennifer Ngo-Anh: Das übergeordnete Ziel aller Weltraum-Agenturen ist ja aktuell, eine menschliche Crew wohlbehalten zum Mars und zurück zu bringen – die Astronauten sollen dort für eine Weile bleiben und dann zur Erde zurückkehren. Bis das gelingt, muss aber noch viel geforscht werden. Denn wir wissen: Nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft würden die Astronauten diese Mission nicht überleben. Sie wären einfach einem zu hohen Risiko durch Strahlung ausgesetzt. Außerdem hat Schwerelosigkeit Auswirkungen auf den menschlichen Körper: Menschen im Weltraum verlieren Muskel- und Knochenmasse, der Stoffwechsel verändert sich, die Augen werden schwächer und Gleichgewichtsstörungen treten auf. Wir wollen herausfinden, wie sich diese gesundheitlichen Probleme verhindern lassen.

Erkrankungen, die bei der Raumfahrt im Fokus stehen, sind zugleich auch wesentliche Themen des alternden Patienten. Besonders bei weltraummedizinischen Untersuchungen zum muskuloskelettalen System ist der Bezug zur Alltagsmedizin vorhanden.

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Was ist bei Weltraum-Experimenten anders als in einem Labor auf der Erde?

Dr. Dr. Jennifer Ngo-Anh: Die ISS ist im Prinzip ein Forschungslabor, das um die Erde kreist. Aber bei Experimenten im Weltraum müssen wir mit viel weniger Instrumenten und Material auskommen. Außerdem stehen die Astronauten uns nur für eine begrenzte Zeit zur Verfügung: Sie haben viel damit zu tun, die Raumstation am Laufen zu halten, zu reparieren und zu putzen. Und sie müssen zwei Stunden am Tag Sport treiben, um die negativen Auswirkungen auf Muskeln und Knochen möglichst gering zu halten. Die Experimente müssen daher so effizient wie möglich gestaltet werden. Wir haben auch immer nur einen Versuch: Wenn etwas nicht klappt, können wir es nicht einfach nochmal probieren, weil der Aufwand zu groß ist und die Zeit fehlt. Das bedeutet, dass im Vorfeld schon viel getestet werden muss.

Sind Sie denn bei den Experimenten zwingend auf die Raumstation angewiesen? Oder lassen sich die Bedingungen dort zumindest teilweise auch auf der Erde simulieren?

Dr. Dr. Jennifer Ngo-Anh: Es lässt sich tatsächlich relativ viel auf der Erde machen. Wir können beispielsweise in sogenannten Bettruhe-Studien simulieren, welche Auswirkungen der Verlust von Muskel- und Knochenmasse auf die Probanden hat. Wir können Isolationsstudien durchführen, in denen wir bis zu sechs Probanden sozusagen wegsperren, um so einen Flug zum Mond oder Mars zu simulieren. Und in Parabelflügen können wir kurzzeitig eine Art Schwerelosigkeit herstellen. Das entspricht natürlich immer nur in einigen Aspekten dem Erleben der Astronauten auf der ISS – deshalb lassen sich manche Experimente auch tatsächlich nur dort durchführen.

Inwiefern profitieren Sie bei Ihrer aktuellen Aufgabe von Ihrem medizinischen Fachwissen?

Dr. Dr. Jennifer Ngo-Anh: In unserem Team bin ich die einzige Medizinerin. Mein Vorteil ist, dass ich speziell bei medizinischen Experimenten verstehe, was die Wissenschaftler von den Astronauten erfahren wollen. Meistens können die geplanten Experimente nicht eins zu eins umgesetzt werden. weil die Bedingungen auf der ISS das nicht hergeben. Meine Aufgabe ist es in so einem Fall, die Experimente so umzustrukturieren, dass sie durchführbar sind und die gewünschten Ergebnisse liefern. Auf der ISS haben wir beispielsweise kein Ultraschall-Gerät – um trotzdem die entsprechenden Daten zu erheben, müssen wir den Ablauf des Experiments verändern. Wir sind das Bindeglied zwischen den Wissenschaftlern und den Astronauten. Mein Hintergrund hilft mir auch, den Astronauten zu erklären, um was es in den Experimenten geht.

Wie sieht für Sie ein normaler Arbeitstag aus? Und was mögen Sie an Ihrer Arbeit besonders?

Dr. Dr. Jennifer Ngo-Anh: Jeder Tag ist anders. Ich beschäftige mich etwa die Hälfte meiner Arbeitszeit damit, mit Wissenschaftlern zu sprechen. Die andere Hälfte verbringe ich in Meetings oder Diskussionen mit unseren internationalen Partnern. Das ist etwas, was ich an meiner Arbeit besonders mag. Die Internationale Raumstation ist ja das größte internationale Projekt der Menschheit. Mehr als 18 Länder haben sich daran beteiligt; die ISS wird von fünf großen Agenturen wie der ESA und der NASA gemeinsam betrieben. Da ist natürlich der Austausch ganz wichtig. Dabei machen sich auch die kulturellen Unterschiede bemerkbar: Die Amerikaner kommen schnell zum Punkt, mit denen kann man Tacheles reden. Die Japaner sagen im Meeting nicht sehr viel und nicken meistens – die meisten Diskussionen gibt es dann hinterher per Mail. Die Russen liegen mit ihrer Art irgendwo dazwischen. Die Zusammenarbeit mit Menschen aus verschiedenen Kulturen macht mir einfach Spaß.

Vermissen Sie die Arbeit in der Klinik manchmal?

Dr. Dr. Jennifer Ngo-Anh: Mein Traum ist es schon, irgendwann noch einen Facharzt zu machen – ich kann mir gut vorstellen, dass ich auch eines Tages wieder in die Klinik wechsle. Ich vermisse die handfeste Arbeit in der Klinik: Als Ärztin weiß man nach seinem Arbeitstag, wie viele OPs man durchgeführt oder wie viele Knochenbrüche man gerichtet hat – und die Patienten wissen, was die Ärzte geleistet haben. Dieses direkte Feedback fehlt mir in meiner aktuellen Arbeit.

Waren Sie selbst auch schon auf der ISS?

Dr. Dr. Jennifer Ngo-Anh: Im Weltraum war ich noch nie – wenn es sich ergeben würde, würde ich aber gern mal für eine Woche auf die ISS fliegen, da wäre ich sofort dabei. Normalerweise sind die Astronauten ja für ein halbes Jahr da oben – das wäre mir ehrlich gesagt zu lange. Aber ich bin schon bei zwei Parabelflügen mitgeflogen und habe das Gefühl der Schwerelosigkeit selbst erlebt. Das war sehr spannend.

Welche Nachwuchsprogramme bietet die ESA an – auch für junge Mediziner?

Dr. Dr. Jennifer Ngo-Anh: Bei uns gibt es Kurzzeitprogramme für einige Wochen für alle, die einfach mal bei uns reinschnuppern möchten. Es gibt aber auch immer noch das Trainee-Programm für Uni-Absolventen, an dem ich selbst auch teilgenommen habe, das dauert ein Jahr. Wer sich dafür interessiert, kann sich auf der Webseite der ESA unter www.esa.int informieren. Ich stehe bei Fragen sehr gern persönlich zur Verfügung. Wer möchte, darf mir gern eine Mail an Jennifer.Ngo-Anh@esa.int schreiben.