Mediziner auf Abwegen – Teil 5: Die Patientenbeauftragte Prof. Claudia Schmidtke

Prof. Dr. Claudia Schmidtke ist eigentlich Herzchirurgin. Seit 2017 sitzt sie als CDU-Abgeordnete für den Wahlkreis Lübeck im Bundestag. Mit medizinischen Themen hat die Politikerin aber trotzdem noch zu tun: als Patientenbeauftragte der Bundesregierung.

Prof. Dr. Claudia Schmidtke (CDU) ist seit 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages. Im Januar 2019 wurde sie zur Patientenbeauftragten der Bundesregierung ernannt. | © Jan Kopetzky

Frau Prof. Schmidtke, Sie sind seit 2019 Patientenbeauftragte der Bundesregierung. Was genau ist das für ein Amt und was sind Ihre Aufgaben?

Prof. Dr. Claudia Schmidtke: Das Amt, die Aufgaben und die Befugnisse sind im § 140h des Fünften Buches Sozialgesetzbuch verankert. Meine Aufgabe als Patientenbeauftragte ist es, darauf hinzuwirken, dass die Belange von Patientinnen und Patienten in der Gesetzgebung und im gesamten Gesundheitssystem berücksichtigt werden. Wie wichtig das Amt ist, zeigt sich unter anderem daran, dass ich an allen Gesetzgebungsvorhaben zu beteiligen bin, soweit sie Fragen der Rechte und des Schutzes von Patientinnen und Patienten berühren. Zudem sind alle Bundesbehörden dazu aufgefordert, mich bei der Erfüllung meiner Aufgaben zu unterstützen.

Wie sieht ein normaler Arbeitstag für Sie aus?

Prof. Dr. Claudia Schmidtke: Die Tage und Wochen sind aufgrund meiner parlamentarischen Verpflichtungen als Mitglied des Deutschen Bundestages und meiner Aufgaben als Patientenbeauftragte mit Beratungen, Abstimmungen, Gesprächen und Veranstaltungen – viele davon derzeit bedingt durch das Coronavirus per Video oder Telefon bzw. mit stark beschränkter Personenzahl – außerordentlich ausgelastet. Lange Arbeitstage bin ich aus dem Klinikalltag gewöhnt. Wie in einem chirurgischen Fachgebiet gibt es keine „klassischen normalen Arbeitstage“. Ich pendele zwischen Berlin und meiner Heimatstadt Lübeck, um auch den mir sehr wichtigen Aufgaben als direkt gewählte Abgeordnete meines Wahlkreises in Schleswig-Holstein nachkommen zu können. Als Patientenbeauftragte nehme ich häufig Termine in ganz Deutschland wahr. Insgesamt empfinde ich es als Privileg, einer abwechslungsreichen, herausfordernden und erfüllenden Tätigkeit nachgehen zu können.

Wie wird man überhaupt Patientenbeauftragte? Muss man dafür zwingend Medizinerin sein?

Prof. Dr. Claudia Schmidtke: Ich bin von der Bundesregierung bestellt, d. h. die Entscheidung ist vom Kabinett auf Vorschlag von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn getroffen worden. Ein medizinischer Beruf ist dabei keine zwingende Voraussetzung – tatsächlich bin ich die erste Ärztin, die diese Funktion innehat–, in jedem Fall aber eine wertvolle Qualifikation, die es mir ermöglicht, verschiedene Perspektiven einzubringen. Ich profitiere natürlich von meiner langjährigen Tätigkeit als Herzchirurgin, meinem gesundheitswirtschaftlichen MBA-Studium und meinen parlamentarischen Erfahrungen als Mitglied des Gesundheitsausschusses. Der Umgang mit Patientinnen und Patienten und das Verständnis für deren Bedürfnisse sowie die ihrer Angehörigen haben mich geprägt. Das ist für die Arbeit als Patientenbeauftragte von großem Vorteil.

Was macht Ihnen an Ihrer Aufgabe als Patientenbeauftragte am meisten Freude?

Prof. Dr. Claudia Schmidtke: Als Patientenbeauftragte motiviert mich natürlich das, was mich auch als Ärztin stets angetrieben hat: der Einsatz für die Patientinnen und Patienten. Es ist schön zu sehen, wenn das Engagement für Menschen Früchte trägt.

In welchen Situationen haben Sie das Gefühl, für die Patienten wirklich etwas erreichen zu können?

Prof. Dr. Claudia Schmidtke: Das Gefühl habe ich immer dann, wenn ich aus Patientensicht notwendige Veränderungen im Gesundheitssystem anstoßen kann. Wenn ich dazu beitragen kann, dass Patientinnen und Patienten die Leistungen erhalten, die ihnen zustehen, dass sie auf Augenhöhe mit ihren Behandelnden kommunizieren und sich informiert und selbstbestimmt durch das Gesundheitswesen bewegen können.

Neben dieser gelegentlich etwas abstrakteren Ebene gibt es reichlich Fälle, in denen ich Menschen ganz konkret unterstützen kann, zum Beispiel, wenn es um grundsätzliche Probleme bei der Kostenübernahme bestimmter Leistungen durch die Krankenkasse geht. Hier vermittle ich zwischen Patient, Kostenträger oder auch dem Leistungserbringer und dränge auf eine Lösung im Sinne der Patientinnen und Patienten.

Warum haben Sie sich entschieden, von der Medizin in die Politik zu wechseln?

Prof. Dr. Claudia Schmidtke: Das war wie so oft im Leben eine Mischung aus einer zufälligen Gelegenheit und dem Wunsch, sich aktiv einzubringen: Verschiedene Ereignisse hatten mich politisiert und zu der Überzeugung gebracht, dass ich mich einbringen muss, wenn ich etwas verändern will. Aus diesem Grund bin ich im Jahr 2015 in die CDU eingetreten. Zwei Jahre später durfte ich in meiner Heimatstadt Lübeck für den Bundestag kandidieren. Das Ergebnis ist Geschichte: Ich konnte den Wahlkreis zur Überraschung vieler gewinnen.

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Was haben Sie in Ihrem Arbeitsleben als Ärztin gelernt, das Ihnen auch in der Politik nützlich ist?

Prof. Dr. Claudia Schmidtke: In meinem Berufsleben als Ärztin musste ich stets zum Teil auch schwierige Entscheidungen unter großem Zeitdruck treffen. Ich kenne ein Leben ohne feste Arbeitszeiten mit Dienstzeiten auch in der Nacht und am Wochenende. Beides findet sich auch im politischen Dasein wieder. Zudem bewähren sich bestimmte chirurgische Herangehensweisen auch für politischen Fragestellungen und Verfahren: Anamnese und Diagnosestellung sind die Grundlage für eine zielgerichtete und individuelle Therapie. Wichtig ist mir dabei, nicht unentwegt über ein Problem zu beraten und zu diskutieren, sondern chirurgisch zu entscheiden und dann auch zu dieser Entscheidung zu stehen.

Fehlt Ihnen die Arbeit als Chirurgin manchmal? Und wenn ja, warum?

Prof. Dr. Claudia Schmidtke: Die Arbeit als Ärztin ist meine Passion. Es fällt mir daher nicht schwer zuzugeben, dass mir die klinische Tätigkeit fehlt. Das betrifft nicht nur die Behandlung von Patientinnen und Patienten, es betrifft genauso die Teamarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus dem ärztlichen und pflegerischen Bereich. Helfen zu können – und dann auch noch so direkt als Herzchirurgin – ist etwas Besonderes und absolut erfüllend. Meine politische Tätigkeit übe ich aber mit genauso viel Herzblut und Engagement aus. Es macht Spaß, Ideen umzusetzen und mitzugestalten. Den Schritt in die Politik bereue ich daher keineswegs. Ich habe das große Glück, mein Hobby auch zu meinem Beruf gemacht zu haben – das gilt für die Medizin genauso wie für die Politik.

Was würden Sie aus der Perspektive der Ärztin gern am Deutschen Gesundheitssystem ändern?

Prof. Dr. Claudia Schmidtke: Als Herzchirurgin engagiere ich mich bereits seit längerem für eine bessere und strukturiertere Versorgung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen – von Prävention über Versorgung bis hin zur Grundlagenforschung. Denn Volkskrankheit Nummer 1 in Deutschland und den westlichen Industrienationen sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Mit den führenden Expertinnen und Experten aus verschiedensten Bereichen des Gesundheitswesens habe ich daher Empfehlungen als Grundlage für eine nationale Herz-Kreislauf-Strategie erarbeitet und vorgelegt. Ziel ist es, die Zahl der Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Deutschland deutlich zu senken und die positiven Behandlungsergebnisse entscheidend zu steigern.

Haben Sie einen Rat für junge Mediziner, die gerade am Anfang ihrer Laufbahn stehen?

Prof. Dr. Claudia Schmidtke: Der Arztberuf beinhaltet so vielfältige Möglichkeiten, Gutes zu tun, wie kaum eine andere Tätigkeit. Die heutige Generation kann sehr frei über die eigene Fachrichtung entscheiden. Meine Empfehlung für junge Kolleginnen und Kollegen lautet: Seien und bleiben Sie mit Herzen dabei, gleichzeitig auch immer offen für Neues. Bleiben Sie neugierig. Das allerwichtigste ist: Hegen Sie Empathie für die Ihnen anvertrauten Patientinnen und Patienten und deren Angehörigen. Etwas Erfüllenderes als Leid zu mildern, Krankheiten zu besiegen, gibt es in meinen Augen kaum. Für diejenigen, die sich der Forschung zuwenden möchten, empfehle ich, auch die Clinician Scientist Programme in den Blick zu nehmen. Hier lassen sich Forschung und Praxis strukturiert miteinander verbinden. Mein abschließender, nicht ganz uneigennütziger Tipp: Die Herzchirurgie gilt nicht umsonst als Königsdisziplin. Ich kann Sie allerdings nur warnen: Nach einer Famulatur oder Hospitation in diesem Fach sind Sie möglicherweise von dieser Fachrichtung fasziniert und infiziert.

Zur Person:

Prof. Dr. Claudia Schmidtke hat Medizin in Hamburg studiert. Sie ist Fachärztin für Herzchirurgie und verfügt außerdem über einen Master of Business Administration (MBA) Health Care Management. Im September 2017 wurde sie als Direktkandidatin der CDU für den Wahlkreis Lübeck in den Deutschen Bundestag gewählt. Vor ihrer politischen Tätigkeit arbeitete sie zuletzt seit 2014 als Chefarztstellvertreterin und  leitende Oberärztin in der Herz- und Gefäßchirurgie des Herzzentrums Bad Segeberg. Seit Januar 2019 ist sie Patientenbeauftragte der Bundesregierung.