Leben aus dem Rucksack statt 24-Stunden-Dienst: Sabbatical für Ärztinnen und Ärzte

Ein Jahr lang auf Weltreise gehen und nicht an die Klinik denken? Viele Ärztinnen und Ärzte können sich inzwischen vorstellen, ein Sabbatical zu nehmen. Dr. Luisa Rüter und Dr. Johannes Jansen haben diesen Traum wahr gemacht. Im Beitrag berichten sie von ihren Erfahrungen.

Ein Großteil der Ärztinnen und Ärzte legt heute Wert auf eine gute Life-Work-Balance. Für viele von ihnen wird auch ein Sabbatical immer interessanter. Ein Sabbatical – also eine mehrmonatige berufliche Auszeit – kann helfen, neue Kräfte zu sammeln, sich weiterzubilden oder neu zu orientieren. Nicht zuletzt kann ein Sabbatjahr als eine vorbeugende Maßnahme gesehen werden, um ein drohendes Burn-out zu verhindern. Bisher besteht in Deutschland kein tarifliches oder vereinigungstechnisches Recht auf ein Sabbatjahr. Allerdings kam bereits 2017 auf dem 120. Deutschen Ärztetag 2017 der Wunsch auf, Klinikträger aufzufordern, mehr Spielräume für die Gestaltung der Arbeitszeit zu ermöglichen.

Ärzte, die sich die Auszeit nehmen, berichten von guten Erfahrungen. So auch Dr. Luisa Rüter und Dr. Johannes Jansen. 2017 kündigten die jungen Mediziner ihren Jobs und machten sich auf eine einjährige Weltreise, die sie auf vier Kontinente und durch 17 Länder führte. Über ihre Erlebnisse haben sie das Buch „Vom 24-Stunden-Dienst zum Leben aus dem Rucksack – 2 Ärzte auf Weltreise" geschrieben. Außerdem betreiben sie eine Webseite mit dem wohlklingenden Namen „Diagnose Fernweh“.

Im Interview sprechen sie über ihre Beweggründe für das Sabbatical und ihre schönsten Erlebnisse auf der Reise.

Warum habt ihr euch entschlossen, gemeinsam ein Sabbatical einzulegen?

Dr. Luisa Rüter: Wir sind beide reisebegeistert und hatten schon seit langer Zeit den Traum, einmal für längere Zeit die Welt zu erkunden. Uns geht es beim Reisen vor allem um das Kennenlernen anderer Kulturen und das Erweitern unseres Horizontes. Durch unsere 1,5-jährige Tätigkeit als Assistenzärzte konnten wir ein Startkapital ansparen, sodass unsere 13-monatige Reise möglich war. Zusätzlich stand bei uns beiden ein Klinikwechsel im Rahmen unserer Facharztweiterbildung an, sodass der Zeitpunkt perfekt war.

Wie habt ihr euer Sabbatical vorbereitet?

Dr. Johannes Jansen: Ein so langer Auslandsaufenthalt wie bei uns bedarf einiger Planung. Vieles davon ist Bürokratie – Krankenkassen, Arbeitsamt, Wohnungsaufgabe etc. –, was etwa ein halbes Jahr Vorlauf benötigt hat. Die Planung einer groben Route, Beantragung der Visa und Recherche zu den einzelnen Ländern ließ die Vorfreude immer weiterwachsen. Einer der letzten Schritte war die Kündigung unserer Stellen. Auch wenn die bürokratischen Hürden zeitweise sehr groß erscheinen, lohnt sich der Aufwand allemal.

Seid ihr dabei von der Klinik unterstützt worden?

Dr. Luisa Rüter: Da für uns beide ein Klinikwechsel anstand, haben wir uns nicht um eine Unterstützung der Klinik bemüht. Nach Berichten anderer Reisender wissen wir aber, dass Modelle wie z.B. unbezahlter Urlaub oder Wechsel von Teilzeit auf Vollzeit und dann Freistellung manchmal möglich sind. Beim Wunsch eines Sabbaticals sollte man nicht zögern, die verschiedenen Optionen mit dem Arbeitgeber zu besprechen.

Frederik Schramm

Der Urologe Frederik Schramm arbeitet dort, wo andere – wenn überhaupt – nur Urlaub machen: Er ist mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Töchtern auf die französische Tropeninsel La Réunion im Indischen Ozean ausgewandert. Im Beitrag berichtet er von seinen Erfahrungen.

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Was waren eure Highlights der Weltreise?

Dr. Johannes Jansen: Unsere persönlichen Highlights waren die vielen tollen Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen. Wir haben viel von fremden Kulturen lernen dürfen. So haben wir z.B. 24 Stunden schweigend in einem buddhistischen Kloster in Nordthailand verbracht und sind so zum ersten Mal intensiv in Kontakt mit Meditation gekommen. In unserem Buch „Vom 24-Stunden-Dienst zum Leben aus dem Rucksack – 2 Ärzte auf Weltreise“ beschreiben wir noch viele andere Anekdoten.

Dr. Luisa Rüter: Daneben gab es aber natürlich auch eine ganze Reihe touristischer Highlights für uns wie beispielsweise die beeindruckende Inkastätte Machu Picchu, das kulturelle Zentrum der Aborigines, der Ayers Rock in Australien oder auch die geheimnisvollen Steinköpfe, die Moai, auf den Osterinseln.

Was habt ihr nach der Auszeit in Ihren Alltag mitgenommen?

Dr. Johannes Jansen: Wir haben auf unserer 13-monatigen Reise viele Erfahrungen machen dürfen, die bis heute unser tägliches Denken beeinflussen. Durch das Kennenlernen vieler Perspektiven auf das Leben haben wir unser eigenes Denken zunehmend reflektiert: Was zählt wirklich im Leben? Was sind unsere eigenen Prioritäten?

Dr. Luisa Rüter: Durch das Leben mit allen Habseligkeiten in einem Rucksack auf dem Rücken und ständig wechselnden Situationen und Herausforderungen lernt man flexibler und anpassungsfähiger zu werden. Eigenschaften, die uns auch in unserem Berufsalltag zugutekommen.

Apropos Berufsalltag - wie reagieren eigentlich Kollegen und Vorgesetzte darauf? Nehmt ihr wahr, dass diese sich so eine Auszeit auch wünschen?

Dr. Luisa Rüter: Überstunden und eine hohe Arbeitsbelastung sind bei den meisten Ärzten Berufsalltag. Den Wunsch nach einer Auszeit haben daher viele Kollegen. Allerdings fehlt oft der Mut, den Schritt zu gehen. Wir sind froh, es gewagt zu haben. Auch von Vorgesetzten haben wir nie etwas Negatives gehört. Die von uns befürchtete „Lücke im Lebenslauf“ war bei der Stellensuche bisher kein Problem.

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