Kindesmisshandlungen erkennen: Online-Fortbildungen für Ärzte gestartet

Wenn Kinder mit Verletzungen zum Arzt kommen, stellt sich die Frage: Ist das beim wilden Spielen und Toben passiert? Oder steckt etwas anderes dahinter? In Bayern können Ärzte jetzt online lernen, Kindesmisshandlung leichter zu erkennen.

Durch die Online-Schulungen sollen Ärzte lernen zu erkennen, ob ein Kind Opfer von Gewalt geworden ist – und wie sie den kleinen Patienten am besten helfen können. | Irina - stock.adobe.com

Gewalt gegen Kinder kann viele verschiedene Formen annehmen: Da geht es nicht nur um körperliche Misshandlungen oder sexuellen Missbrauch – auch Vernachlässigung oder subtilere seelische Gewalt können das Kindeswohl gefährden. „All diese Gefährdungen sind allerdings nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen", erklärte Bayerns Familienministerin Kerstin Schreyer zum Start des zertifizierten Online-Schulungsangebots zum Kinderschutz.

Die Fortbildungen wurden gemeinsam mit der Bayerischen Kinderschutzambulanz am Institut für Rechtsmedizin der LMU München sowie weiteren Experten aus dem medizinischen Bereich erstellt und von der „FortbildungsAkademie im Netz“ umgesetzt. Inhalte sind unter anderem die verschiedenen Gewaltformen, das individuelle Fallmanagement und die Gesprächsführung mit Kindern und Eltern. Außerdem werden aktuelle Rechtsgrundlagen zum Kinderschutz aufgegriffen und erklärt.

Der kleine Patient wirkt verstört und hat auffällige blaue Flecken: Mit Symptomen, die auf Kindesmisshandlung hinweisen, werden nicht nur Kinderärzte konfrontiert. Wie reagiert man als Arzt, wenn so ein schwerwiegender Verdacht im Raum steht? Darüber klärt die bvmd-Initiative „Viola“ auf. Im Interview erklärt Projektleiterin Débora-Michèle Grote Urtubey, wie man Misshandlung erkennt und warum das Thema kein Tabu sein darf.

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Um Kinder effektiv vor Gewalt zu schützen, sei eine enge Zusammenarbeit von Gesundheitswesen und Jugendhilfe wichtig, erklärte Schreyer. „Ärztinnen und Ärzte haben sehr früh und regelmäßig Kontakt zu Eltern und ihren Kindern und können dadurch bereits in einem sehr frühen Stadium erkennen, ob etwas schiefläuft". Oft könne den Familien durch gezielte Unterstützung geholfen werden. Wenn das Kindeswohl trotz der Unterstützung gefährdet sei, müsse aber schnell und konsequent gehandelt werden, forderte die Ministerin – notfalls auch gegen den Willen der Eltern. „Hier stehe ich eindeutig auf der Seite der Kinder!“, stellte Schreyer fest.

Gewalt gegen Kinder: Die Dunkelziffer ist hoch

Im Jahr 2018 waren nach Angaben der Polizei mehr als 12.000 Kinder in Deutschland von sexueller Gewalt betroffen, mehr als 4.000 Kinder wurden körperlich schwer misshandelt.  Allerdings gehen die Ermittler davon aus, dass ein Großteil der Fälle nie angezeigt wird und die Dunkelziffer sehr hoch ist. Der Grund: Die Taten werden häufig innerhalb der Familie verübt, außerdem können vor allem kleinere Kinder noch nicht auf sich und ihr Leid aufmerksam machen. Ältere misshandelte Kinder schweigen zudem oft aus Scham, weil sie glauben, sie seien zu Recht bestraft worden, beispielsweise für Bettnässen oder schlechte Leistungen in der Schule.

Die Polizei warnt in dem Zusammenhang auch vor den langfristigen Auswirkungen von Gewalt: Kindesmisshandlung prägt diese Kinder oft ein Leben lang. Mögliche Folgen sind zum Beispiel ein höheres Suchtrisiko oder eine größere Gewaltbereitschaft bei Menschen, die in ihrer Kindheit Opfer von Missbrauch oder Misshandlung wurden. Dabei kommt Gewalt in allen sozialen Schichten vor – Männer und Frauen treten ähnlich oft als Täter in Erscheinung. 

Quellen: Bayerisches Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales (18.10.2019), Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes