Interview: Von der Ambulanz über die Klinik zur eigenen Niederlassung

Würden Sie eine Niederlassung empfehlen?

Eine Niederlassung ist sicherlich nicht für jeden der richtige Weg. Ärzte, die gerne wissenschaftlich oder besonders spezialisiert arbeiten, sind sicherlich an einer Klinik oder wissenschaftlichen Institution besser aufgehoben. Ich denke, dass es unbedingt von Vorteil ist, sich beide Arbeitsmodelle anzuschauen. Man hat ja heute die Möglichkeit – und das finde ich auch sehr schön – Teile der Facharztausbildung im niedergelassenen Bereich zu absolvieren. Die Dermatologie ist ja auch zu großen Teilen ein ambulantes Fach. Ich persönlich habe in der Praxis und in der Klinik viel gelernt; beides ergänzt sich. Ich würde jedem empfehlen, Erfahrungen in Praxis und Klinik zu sammeln, dann kann man für sich entscheiden, welches persönlich der richtige Weg ist. Es gibt auch immer mehr Bestrebungen, dass junge Kolleginnen und Kollegen während ihrer Facharztausbildung beide Arbeitsfelder kennenlernen können. Das empfinde ich als sehr positive Entwicklung. Dadurch werden auch gegenseitige Vorurteile abgebaut und die strikte sektorale Trennung zwischen niedergelassener Praxis und Fachklinik aufgelockert. Dies führt langfristig zu einer besseren Kontinuität der Behandlung, die vor allem den Patienten zugutekommt.

Was würden Sie für sich als Fazit nach 1,5 Jahren Niederlassung ziehen?

Als Fazit würde ich ziehen, dass ich sehr zufrieden bin. Ich bereue die Entscheidung nicht und würde es auch wieder so machen. Die Arbeit macht mir viel Spaß und der enge und oft kontinuierliche Patientenkontakt ist auch genau meine Sache. Mir fehlt aber zuweilen die gute Teamarbeit aus der Klinik. In einer Praxis ist man auf sich selbst gestellt und muss oft schnelle Entscheidungen treffen. In einem gut funktionierenden Team gibt es Kollegen, mit denen man sich austauschen kann oder die auch einspringen können, wenn es einem nicht gut geht. Auch die Personalverantwortung war zunächst ungewohnt. Dennoch macht mir die Praxistätigkeit Spaß, da ich fast täglich die ganze Bandbreite meines Faches sehe und die erlernten Schwerpunkte – in meinem Fall die Behandlung von Patienten mit Urtikaria, Psoriasis und ambulante Operationen – gut umsetzen kann. Weiterhin bin ich eigenverantwortlich handlungsfähig, d.h. ich kann selbst bestimmten, wie ich meine Arbeitszeiten gestalte oder wann ich Urlaub nehmen möchte. Das sind große Vorteile, gerade dann, wenn man eine Familie hat.

Was würden Sie jungen Medizinern raten, die über eine Niederlassung nachdenken?

Was sich bei mir bewährt hat, war der Austausch mit Kollegen, die bereits niedergelassen sind. So erfährt man natürlich viel mehr, als man in Kursen erlernen kann. Man muss sich ja mit so vielen Sachen auseinandersetzen, die einem am Anfang vielleicht gar nicht bewusst sind. Außerdem finde ich es ganz wichtig und auch hilfreich, wenn man Praktika oder Hospitationen im niedergelassenen Bereich absolviert hat. Es gibt inzwischen auch Bestrebungen von Kliniken, die Facharztweiterbildung nicht nur an der Klinik zu absolvieren, sondern für einige Zeit in den ambulanten Bereich zu wechseln. Es ist sehr wichtig, dass die Zusammenarbeit nicht nur interdisziplinär, sondern auch zwischen klinischem und ambulantem Bereich gut funktioniert – allein schon zum Wohle des Patienten. Letztendlich gilt aber: Mut zur Veränderung! Denn ich denke, jede Veränderung im Leben, auch beruflicher Natur, bringt einen Menschen immer persönlich ein Stück weiter. Und es ist nie zu spät, noch einmal etwas Neues anzufangen.

Dr. Weber, ganz herzlichen Dank für das Interview!

Kontaktadresse: Dr. med. Anja Weber, Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten, Jakob-Urban-Straße 2a, 64521 Groß-Gerau, Deutschland

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"DermaCampus"

KARGER KOMPASS DERMATOLOGIE stellt den «DermaCampus» vor – eine Rubrik, die dezidiert den Belangen junger Fachärzte und Weiterbildungsassistenten gewidmet ist. Sie gibt der jungen Ärzteschaft eine Plattform, um ihre Anliegen zu formulieren, aber auch um Wissen zu vermitteln und Hilfestellung in beruflichem und wissenschaftlichem Kontext zu geben: Zu Wort kommen die Jungmediziner in fachspezifischen Darstellungen, berufspolitischen Auseinandersetzungen sowie mit aktuellen Projektvorstellungen.