Interview mit einem Überzeugungstäter - Tankred Stöbe von Ärzte ohne Grenzen

Die Tätigkeit ist ehrenamtlich. Gibt es dennoch eine Aufwandsentschädigung?

Ja, im ersten Jahr gibt es 1609 Euro bruttomonatliche Aufwandsentschädigung, zudem übernimmt die Organisation Impf- und Reisekosten, die Unterbringung und Verpflegung vor Ort sowie ein Versicherungspaket. 

Sie haben im vergangenen Jahr auch auf einem Such- und Rettungsschiff von Ärzte ohne Grenzen in dem Mittelmeer gearbeitet. Hat dieser Einsatz Ihre Einstellung zur europäischen Flüchtlingspolitik beeinflusst?

Die Geschichten der Flüchtenden waren erschütternd: ein junger Mann aus Ghana wurde in Tripolis angeschossen und verlor sein rechtes Augenlicht sowie seinen Bruder, der grundlos erschossen wurde. Keine Geschichte ist gleich und das Leid dieser Menschen darf nicht pauschalisiert werden, sondern muss individuell gehört werden und ich traf keinen, der nicht existentiell hilfsbedürftig war. Wirtschaftsflüchtlinge oder Schlepper traf ich auf den Booten nie.

Welche Organisationen/Initiativen waren während Ihres Einsatzes noch auf Schiffen im Mittelmeerraum unterwegs?

Neben Ärzte ohne Grenzen gibt es weitere private Rettungskräfte, die schiffsbrüchige Flüchtende aufnehmen, außerdem hilft die italienische Küstenwache. Die Marineeinheiten der europäischen Länder kreuzen ebenfalls im Mittelmeer, greifen aber bei Rettungsaktionen seltener ein.

Würden Sie sagen, es gibt eine hohe Dunkelziffer, was die Anzahl der tatsächlich Ertrunkenen betrifft?

Wie hoch die Dunkelziffer ist, kann nur schwer geschätzt werden. Immer wieder berichten Flüchtende, dass sie zusammen mit anderen Booten von der Küste ablegten, aber nur ihr Boot gerettet wurde. Mit fast 3800 Ertrunkenen (Stand 11. November 2016) sind nun im dritten Jahr in Folge mehr Menschen auf der zentralen Fluchtroute zwischen Libyen und Italien ertrunken. Das Mittelmeer wird ein immer größeres Massengrab und die europäische Politik sieht tatenlos zu - das ist unerträglich.

Bei all diesen dramatischen Entwicklungen, angesichts der vielen Krisenherde auf der Welt und der oft unzureichenden medizinischen Versorgung vor Ort – wie motivieren Sie sich für einen nächsten Einsatz? 

Jeder Einsatz konfrontiert mich zwar mit Leid aber auch mit Freude, herzlicher Menschlichkeit und wunderbaren Begegnungen fremder Kulturen und Bräuche. Bisher bin ich immer beglückt zurückgekehrt, auch weil ich durch die humanitäre Hilfe daran erinnert werde, warum ich Arzt bin und wie schön dieser Beruf ist.

Sie waren inzwischen stolze 16 Mal für Ärzte ohne Grenzen im Einsatz. Welche Einsatzgeschichte von Ihnen kursiert im Verwandten- und Freundeskreis?

Lange wollte ich in Afghanistan arbeiten, aber meine Frau war nicht begeistert. Als es dann klappen sollte, brach über Ostafrika eine Hungersnot ein und ich wurde gebeten, dort zu helfen - das unterstützte auch meine Frau. Ostafrika bedeutete 2011 entweder Äthiopien oder Kenia und nachdem ich zugesagt hatte und nachfragte, wo konkret denn der Einsatzort wäre, hieß die Antwort: Mogadischu, die Hauptstadt Somalias. Als ich das meiner Frau erzählte, meinte sie: Willst du nicht lieber doch nach Afghanistan? Der Einsatz war dann sehr spannend, wir eröffneten eine Klinik für schwer mangelernährte Kinder und haben aus Sicherheitsgründen über Wochen praktisch nie die Klinik verlassen, in der wir auch schliefen.

Herr Stöbe, vielen Dank für das Interview.