Humanitäre Hilfe mit "Ärzte ohne Grenzen" – darauf kommt es an

Kriege, Erdbeben, Hungersnöte, Überschwemmungen: Die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" ist weltweit dort aktiv, wo Menschen in Krisengebieten medizinische Hilfe brauchen. Aber wie gelingt jungen Ärzten der Einstieg in die humanitäre Hilfe?

Ärzte ohne Grenzen in Afghanistan: Die Organisation hilft unter anderem in diesem Trauma-Zentrum in Kunduz. Waffen sind auf dem Gelände nicht erlaubt, politischer Hintergrund und ethnische Zugehörigkeit der Patienten spielen keine Rolle. | Michael Goldfarb, Ärzte ohne Grenzen

Stefanie Brockt ist inzwischen 50 Jahre alt und hat sich auf die Bereiche Anästhesie, Palliativmedizin, Transfusionsmedizin, Notfallmedizin spezialisiert. Die humanitäre Hilfe hat sie schon immer fasziniert – unter anderem hat sie sich deshalb vor Jahren für das Medizinstudium entschieden. Seit 2015 ist sie für "Ärzte ohne Grenzen" immer wieder weltweit im Einsatz. Unter anderem war sie in Afghanistan, im Jemen und im Süd-Sudan.

Beim Operation Karriere-Kongress in Köln berichtete Stefanie Brockt von ihrer Arbeit für "Ärzte ohne Grenzen". | Hanke

Anhand vieler Beispiele aus ihrer eigenen Arbeit erklärte die erfahrene Ärztin beim Operation Karriere-Kongress in Köln die wesentlichen Schwerpunkte und Prinzipien von "Ärzte ohne Grenzen". "Meine Erfahrungen sind natürlich von meinem Fachgebiet geprägt", erklärte die Anästhesistin und Notärztin, "Kinderärzte und Gynäkologen erleben ganz andere Einsätze".

Zu den Aufgaben der Organisation gehören unter anderem die Basisgesundheitsversorgung, aber auch die Behandlung von Krankheiten wie Ebola, AIDS oder Tuberkulose. Unter anderem gibt es Ernährungsprogramme, Impfkampagnen aber auch psychosoziale Programme. Neu im Programm ist seit Kurzem auch der Bereich Palliativmedizin. Brockt selbst war vor allem in chirurgischen und notfallmedizinischen Projekten eingesetzt.

Insgesamt ist "Ärzte ohne Grenzen" in 60-70 Ländern weltweit aktiv, der Schwerpunkt der Arbeit liegt in Afrika. Aber auch in Europa ist die Hilfe der Organisation immer häufiger nötig – vor allem in den Flüchtlingslagern am Mittelmeer. Allein Deutschland entsendet 250-300 Mitarbeiter, insgesamt arbeiten 2.800 Menschen aus aller Welt bei "Ärzte ohne Grenzen" – neben Medizinern unter anderem auch Logistikexperten, MTA, Pflegekräfte, Wasser- und Sanitärfachleute, Psychologen, Apotheker und Finanzfachleute. Unterstützt werden diese Helfer von etwa 28.000-30.000 lokalen Mitarbeitern aus den Einsatzländern.

Die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen beruht im Wesentlichen auf drei Grundsätzen:

  • Unabhängigkeit: Die Arbeit der Organisation wird fast ausschließlich durch Spenden finanziert. Gelder von Staaten und Organisationen (USA, EU) werden nicht mehr angenommen. Der Hintergrund: Nur so werden die "Ärzte ohne Grenzen" nicht in Kolflikte hineingezogen und kann selbst entscheiden, wo die Hilfe am dringendsten benötigt wird. Dabei ist die Behandlung für die Patienten kostenlos.
  • Unparteilichkeit: Jeder Mensch, der medizinische Hilfe braucht, bekommt sie auch – unabhängig von Religion, Partei oder Zugehörigkeit zu einer Konfliktgruppe. Wichtig ist nur, dass in den Einrichtungen von "Ärzte ohne Grenzen" keine Waffen getragen werden.
  • Neutralität: Innerhalb von Konflikten bezieht die Organisation keine Position und bleibt neutral.

Voraussetzungen: Tropentauglich und hart im Nehmen

Wer bei "Ärzte ohne Grenzen" arbeiten möchte, muss vor allem erstmal Berufserfahrung sammeln, verriet Brockt: "Mindestens zwei Jahre Berufserfahrung sind Pflicht, auch ein Facharzt ist erforderlich. In den Krisengebieten muss man oft heftige Entscheidungen treffen. Dafür ist Erfahrung wichtig." Außerdem müssen die Ärzte teamfähig und hart im Nehmen sein – es kann durchaus sein, dass die Helfer in einem Zeltlager in einem Sumpfgebiet leben müssen oder direkt im Krankenhaus vor Ort untergebracht werden.

"Im Mittelpunkt steht natürlich das Helfen", erklärte Brockt den Kongressteilnehmern, "aber Sie bekommen auch spannende Einblicke in andere Kulturen." So habe sie in Afghanistan unter anderem weibliche Verwaltungsangestellte mit Burka durchs Krankenhaus laufen gesehen, und männliche Ärzte seien zu Patientinnen immer auf Abstand geblieben. "Als Anästhesistin war ich da natürlich gefragt", so die Ärztin.

Tankred Stöbe

Tankred Stöbe ist Internist, Rettungsmediziner und überzeugter Notfallmediziner für Ärzte ohne Grenzen. Im Interview sagt er, wie ein Einsatz abläuft und verrät, warum seine Frau mit seinem vorgeschlagenen Auslandsziel "Afghanistan" letztlich überaus einverstanden war.

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So viel wie in Deutschland verdient man im humanitären Einsatz natürlich nicht: Die Ärzte bekommen kein echtes Gehalt, sondern nur eine Aufwandsentschädigung sowie ein Tagesgeld für Ausgaben vor Ort (per diem). Oft habe man aber gar keine Gelegenheit, dieses Geld auszugeben. Die Ärzte erhalten außerdem:

  • Transport-, Visum- und Impfkosten, Unterkunft und Verpflegung
  • Versicherungspaket
  • einen deutschen, sozialversicherungspflichtigen Arbeitsvertrag
  • Urlaubsvereinbarungen
  • im Krankheitsfall Versorgung nach westlichem Standard

"Ärzte ohne Grenzen" legt außerdem großen Wert auf die Vor- und Nachbereitung eines Einsatzes: So gebe es vor dem Einsatz mehrere Briefings in Europa und in der Landeshauptstadt des Einsatzlandes, ähnlich laufe auch die Nachbereitung auf dem Rückweg nach Deutschland ab.

Die Hälfte bleibt dabei, die andere Hälfte nicht

Insgesamt sollten die Bewerber sechs bis zwölf Monate lang für einen Einsatz verfügbar sein, bei Chirurgen, Anästhesisten und Gynäkologen sind teilweise auch kürzere Einsatzzeiten möglich. Wichtig für die Bewerbung sind außerdem fließendes Englisch und Reiseerfahrung in sogenannten Entwicklungsländern. Auch Berufserfahrung in einer anderen NGO und Erfahrung als Ausbilder sind bei der Bewerbung von Vorteil. Wer einmal auf einen Einsatz bei "Ärzte ohne Grenzen" fährt, macht das entweder (wie Brockt) immer wieder – oder es bleibt eine einmalige Erfahrung: Etwa die Hälfte der Ärzte meldet sich nicht für einen zweiten Einsatz.

Quelle: Operation Karriere Köln, 9.11.2019, Vortrag "Humanitäre Hilfe – Einsatz bei Ärzte ohne Grenzen", Stefanie Brockt, Fachärztin für Anästhesiologie für Ärzte ohne Grenzen, Berlin