HERZINFARKT - Wenn sich die Brust zusammenzieht

»Jetzt muss es schnell gehen!«, sagt er zu Herrn Müller, und zu dem ihn begleitenden Rettungsassistenten: »Besorg uns schon mal einen Platz im Katheter-Labor.« Als Nächstes legt der Arzt eine ­Infusion an. Dabei führt er mittels einer Nadel einen ungefähr 4 cm langen Schlauch in eine Vene an der Hand oder am Arm ein. Über diesen Schlauch werden nun Medikamente verabreicht, die verhindern, dass der Infarkt weiterwächst. Zwar kann man das Problem allein dadurch leider nicht beheben, jedoch erkaufen diese Medikamente Herrn Müllers Herz ein kleines bisschen Zeit. Und die wird nun dafür genutzt, so schnell wie möglich und mit Tatütata in die nächste Herzklinik zu düsen. Tatsächlich kann es sein, dass nicht das nächstgelegene Krankenhaus Ziel der Reise ist. Oft gibt es in kleineren Häusern nämlich nicht die nötigen Spezialgeräte, um das Herz und damit das Leben zu retten.

Als Herr Müller nach zehn Minuten im Krankenhaus ankommt, geht es ihm schon wieder etwas besser, denn unter den Medikamenten, die der Notarzt gespritzt hat, waren auch ein paar Schmerzmittel, die den Druck auf der Brust mindern. Die Ärzte und Pfleger im Krankenhaus wurden durch die Rettungsleitstelle bereits über den neuen Patienten informiert und stehen schon Spalier. Herr Müller wird sofort in einen großen Raum gebracht, der ein bisschen aussieht wie ein Operationssaal. In der Mitte steht ein großer Tisch, der an eine Menge kompliziert aussehender Apparate angeschlossen ist. Hier wird der diensthabende Kardiologe (Herzarzt) das verschlossene Herzkranzgefäß nun wieder öffnen. Dafür wird Herrn Müller ein kleiner Draht über eine Arterie im Arm oder in der Leiste bis vor zum Herzen geschoben. Mit einem speziellen Medikament und mit einem Röntgengerät können die Ärzte nun die Herzkranzgefäße sichtbar machen und das Herz auf diese Weise sogar beim Schlagen beobachten.

Ist der Verschluss im Gefäß gefunden, wird der dünne Draht durch die Engstelle geschoben. Mithilfe eines Ballons können die Ärzte diese dann im wahrsten Sinne des Wortes wegsprengen und, damit sich das Gefäß nicht erneut verschließt, eine kleine Drahtbrücke – einen sogenannten Stent – darübersetzen. Gelingt es den Ärzten nicht, den winzigen Draht durch die Engstelle zu schieben, so muss wohl oder übel eine Bypass-Operation durchgeführt werden. Bei dieser langen und komplizierten Operation am offenen Herzen wird das verschlossene Gefäß mittels einer »Prothese« überbrückt, für die meist eine Vene aus dem Bein entnommen wird.

Klingt doch alles ziemlich schwerwiegend, was? Tatsächlich ist es das auch, denn ein Herzinfarkt ist ja keine Kleinigkeit. Herr Müller hat Glück und übersteht das Ganze halbwegs unbeschadet. Eine Ultraschalluntersuchung des Herzens, eine sogenannte Echokardiographie, zeigt ein paar Tage später, dass sein Herz noch ganz ordentlich schlägt. Jetzt ist es für unseren Patienten aber wirklich an der Zeit, seinen Lebensstil zu ändern. 

Vita 

Geboren 1984, arbeitet Falk Stirkat seit 2010 als Arzt. Seiner anfänglichen Tätigkeit in einer großen chirurgischen Klinik ging das Studium der Humanmedizin an der Karls-Universität in Prag voraus. Es folgten Ausbildungszeiten in Notaufnahme und Intensivstation. Heute arbeitet der Autor als Leiter einer großen Notarztwache. Von seinen Erfahrungen als Notarzt erzählt er in seinen Büchern ich kam, sah und intubierte und 111 Gründe, Arzt zu sein. Im März 2017 ist sein neues Buch "Was uns krank macht" im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag erschienen. 

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