Fragen an den deutschen Dr. House – Prof. Dr. Jürgen Schäfer

Sie raten Patienten davon ab im Zentrum für unerkannte Krankheiten vorstellig zu werden. Vor einer Behandlung sollen zunächst alle bisherigen Befunde zugesandt werden, damit Sie diese intensiv mit Kollegen diskutieren können. Das klingt nach einer sehr arbeitsintensiven Patientenbetreuung. Wie viele Patienten können Sie ungefähr im Jahr behandeln?

Letztendlich schaffen wir die große Flut von Anfragen und Hilfeersuchen als kleines Zentrum alleine nicht und bekommen auch nur einen Bruchteil der mehr als 6.000 Anfragen abgearbeitet. Hier sind die heimatnahen Versorger gefordert, die oftmals auch exzellente Zentren vorhalten, so dass es nicht notwendig ist, quer durch die Republik nach Marburg zu fahren. Aber für uns – wie für die anderen Zentren gleichermaßen – ist nicht nur die große Zahl von Anfragen eine Herausforderung, auch die Komplexität der einzelnen Fälle macht eine sehr gewissenhafte und zeitaufwändige Aufarbeitung notwendig. So konnten wir vor kurzem nur deswegen den – sehr seltenen – Fall einer Hypophosphatasie lösen, weil die Kollegin in einem Berg von Arztbriefen einen einmalig bestimmten Wert einer sehr niedrigen alkalischen Phosphatase herausgefischt hat. Beim raschen Querlesen ging dieser Befund bei den vorherigen Kollegen verloren. Das macht aber auch klar, dass für uns das wichtigste – und zugleich knappste – Zeit ist. 

Was war die härteste Nuss bislang, die Sie zusammen mit Ihren Kollegen geknackt haben?

Oh je, das ist schwer zu sagen. Interessant ist, dass im Nachhinein immer alles so einfach aussieht, auch wenn man sich zuvor wirklich die Zähne ausgebissen hat. Sei es eine bislang noch nie beschriebene Mutation an einem Kaliumkanal, die zu intermittierenden Lähmungen führt, eine Bilharziose aus dem Aquarium, was bislang so noch nie beschrieben wurde, im Zeitalter von Internetbestellungen aber möglich wird oder die nicht erkannte Nebenwirkung einer hormonfreisetzenden Spirale zur Kontrazeption, die zu schweren Depressionen und Kopfschmerzen und jahrelanger Krankschreibung führte, – alles Fälle, die uns einiges an Kopfzerbrechen bereitet haben und im Nachhinein so logisch und einfach erscheinen. Jedenfalls wird uns nie langweilig und es stimmt einfach: Medizin ist manchmal spannender als ein Krimi.    

Kann man sich bei Ihnen für eine Assistenzstelle bewerben? Welche medizinischen Fachgebiete bevorzugen Sie?

Da wir nur ein sehr kleines Zentrum sind, haben wir auch nur wenige Ausbildungsstellen zur Verfügung, die derzeit auch mit exzellenten Mitarbeitern besetzt sind, die – trotz vielfältiger Abwerbeangebote – auch noch lange bei uns bleiben werden, so hoffe ich zumindest. Denn trotz allem Stress macht die Arbeit hier bei uns im Team doch sehr viel Spaß. Insofern macht eine Bewerbung bei uns derzeit keinen Sinn, zumal wir bevorzugt Kollegen aus unserem eigenen Mitarbeiter-Pool der kooperierenden Kliniken unseres Hauses annehmen. Da es ja keinen „Facharzt für Seltene Erkrankungen“ gibt, wird je nach Landesärztekammer die Weiterbildungszeit dem entsprechenden Schwerpunkt des Zentrums, bei uns der Inneren Medizin, andernorts evtl. der Humangenetik oder der Pädiatrie, zugerechnet.

Bei der Diagnose von seltenen Erkrankungen muss man hartnäckig sein und flexibel in der Lösungsfindung. Wenn sich angehende Assistenzärzte für eine Weiterbildung in einem der bundesweit 26 Zentren für seltene Krankheiten interessieren, welche Charaktereigenschaften müssen sie noch mitbringen?

Das stimmt, ich denke, wenn Sie unseren Kollegen ein kompliziertes Puzzle hinlegen würden, dann würde keiner aufstehen, bevor es nicht ein klares Bild ergibt. Neben einer exzellenten klinischen Ausbildung und der Bereitschaft alles und jedes zu hinterfragen, ist eine gewisse Hartnäckigkeit erforderlich. Aber auch Neugierde, Teamfähigkeit, Einfühlungsvermögen, Kreativität, einen Faible für High-Tech verbunden mit Innovationsbereitschaft und Begeisterung für Mensch und Medizin. Man braucht zudem eine gewisse Frustrationstoleranz, denn allzu oft dauert es bis zur definitiven Diagnose manchmal lange und auch wir bekommen trotz hohem Einsatz bei weitem nicht immer alles gelöst. Hier hilft ein gewisses Maß an Demut und das Wissen, dass trotz all der enormen Fortschritte, die wir zweifelsohne in der Medizin haben, vieles nicht in des Menschen Hand liegt.  

Herr Prof. Schäfer, vielen Dank für Ihre Antworten!

*Allianz chronischer seltener Erkrankungen