Experte im Gespräch: Prof. Dr. Riccardo Giunta über Plastische Chirurgie

Die Ästhetische Chirurgie profitiert wie keine andere medizinische Fachdisziplin von ihrer Bildhaftigkeit. Anders gesagt: Vorher-Nachher-Bilder kommen in den Sozialen Medien gut an. Erleben Sie in den letzten Jahren einen Patientenzustrom? Haben Sie bereits Instagram-Patientinnen oder Patienten kennengelernt?

Prof. Dr. Giunta: Vorher-Nachher-Bilder von operativen Eingriffen sind vom Heilmittelwerbegesetz her verboten. Das wird in der Realität in vielen Fällen leider nicht geahndet, aber es ist grundsätzlich verboten. Das betrifft natürlich auch die sozialen Medien. Ich habe heute gerade einen Brief an unseren Bundesgesundheitsminister Jens Spahn geschrieben und auch an Prof. Dr. Frank U. Montgomery von der Bundesärztekammer, und gefordert, dass wir gemeinsam dem Wildwuchs in diesem Bereich Einhalt gebieten müssen. Da werden teilweise unethische Darstellungen veröffentlicht. Das verharmlost ästhetische Operationen und ist vor allem für Jugendliche ein Problem, die das zu oft sehr unkritisch sehen und sich oft nicht bewusst sind, welche möglichen Komplikationen Operationen zur Folge haben können. Sowohl kommerzielle Institute als auch einige Ärzte betreiben hier ganz praktisch Werbung, ohne sie als solche kenntlich zu machen. Hier muss man fordern, dass die Flut an Vorher-Nachher-Bildern massiv eingedämmt wird und Beiträge von kommerziellen Instituten und Ärzten für jeden ersichtlich als Werbung gekennzeichnet werden. Dies folgt in etwa der generellen Diskussion bei sogenannten „Influencern“ in den sozialen Medien.

Abgesehen davon, ob diese Bilder nun als werblich zu betrachten sind oder nicht, führen sie bei einer Verbreitung in den sozialen Medien zu mehr Patienten in Ihrem Haus?

Prof. Dr. Giunta: Natürlich wird mit den Bildern ein Bedarf erzeugt. Vor zwanzig, dreißig Jahren war die Ästhetische Chirurgie ein Tabu-Thema. Heutzutage ist es genau anders herum, auch weil solche Bilder öffentlich verbreitet werden. Es spricht nichts gegen Informationen in der Öffentlichkeit, aber sie muss sachlich und vernünftig gehalten werden und kann nicht darauf abzielen, dass man irgendwelche B- oder C-Promis, die auch einen persönlichen Nutzen davon haben, vor und nach ihrer Operation zeigt und dies als Spektakel verkauft. 

Sie arbeiten in der Uniklinik, viele Chirurgen für Ästhetische und Plastische Chirurgie sind aber an Privatkliniken angestellt oder führen Privatpraxen. Wie unterscheidet sich der Alltag eines Plastischen Chirurgen von demjenigen eines Chirurgen mit einer anderen Spezialisierung? 

Prof. Dr. Giunta: Das ist nicht anders als in anderen Disziplinen, wie in der Orthopädie zum Beispiel, wo der im Großklinikum angestellte Orthopäde sich vielleicht mit Tumorerkrankungen und schweren Wirbelsäulen-OPs beschäftigt und der niedergelassene Orthopäde sich eher mit Spritzenbehandlung bei Arthrose oder Rückenschmerzen auseinandersetzt. So ist es auch bei uns in der Plastischen Chirurgie. Unsere Hauptaufgabe an einem Großklinikum wie dem Klinikum der Ludwig-Maximilians Universität München besteht in der Wiederherstellung nach Tumorerkrankungen, nach Verletzungen oder eben bei Fehlbildungen. Der niedergelassene Plastische Chirurg kann die einfachen ästhetischen Operationen, wie zum Beispiel Lidstraffung oder Fettabsaugung anbieten, die oft natürlich auch lukrativer sind als die wiederherstellenden Operationen. 

Wie akquirieren Sie in Ihrer Fachrichtung neue Ärztinnen und Ärzte? Haben Sie in der Plastischen Chirurgie ein Nachwuchsproblem? 

Prof. Dr. Giunta: Wir haben überhaupt kein Nachwuchsproblem. Ich bekomme jeden Tag drei, vier Bewerbungen. Plastische Chirurgie ist immer noch attraktiv. Für uns ist eher das Problem auch die richtigen Leute auszuwählen. Wir haben natürlich kein Interesse daran, Schönheitschirurgen auszubilden. Wir wollen Chirurgen ausbilden, die rekonstruktive, plastische Chirurgie leisten können. Wir müssen also jene Bewerber auswählen, die sich von der Perspektive her für eine akademische Ausbildung zum Plastischen Chirurgen eignen. Es macht keinen Sinn, jemanden zum Jetpiloten auszubilden, der dann einen Drachen steigen lässt. Auch deutschlandweit haben wir kein Problem mit Nachwuchs für unseren Fachbereich. Es gibt auch aus anderen Fachgebieten genügend Interessenten, die sich für die Plastische Chirurgie interessieren. 

Wieso ist das so? Spielt der monetäre Aspekt eine Rolle? Anders gefragt: Wollen junge Ärzte als „Schönheitschirurgen“ mit einer Privatpraxis das große Geld verdienen?

Prof. Dr. Giunta: Ja, es gibt viele, die denken, dass es sehr lukrativ ist. Aber mittlerweile ist der Markt in vielen Bereichen gesättigt. In München mussten auch schon wieder viele Praxen schließen, weil sie ökonomisch nicht erfolgreich sind. Auch hier setzt sich natürlich die Qualität durch. Wenn man sich als junger Arzt direkt nach seinem Facharzt niederlässt und sein Glück als Ästhetischer Chirurg sucht, dann hat man oft noch wenig Erfahrung mit eigenverantwortlichen Operationen. Das kann dann nicht funktionieren. Wenn jemand aber etwa eine komplette Brust bei einem Mammakarzinom als Plastischer Chirurg wiederherstellen kann, dann ist er auch in der Lage, eine Brustvergrößerung oder eine Brustverkleinerung zu machen.

4 von 5 Ärzten sind mit ihrem Job unzufrieden und würden gerne wechseln, hat eine Leserbefragung des Deutschen Ärzteblatts ergeben. Wie ist Ihre Einschätzung: Ist das in der Plastischen Chirurgie auch so?

Prof. Dr. Giunta: Hier haben wir es mit einem generellen Problem der gesamten Ärzteschaft zu tun: Ein immer größerer Verwaltungsapparat kostet immer mehr. Das hat gemeinsam mit der generellen Preisentwicklung dazu geführt, dass in vielen Bereichen der Medizin Arbeitnehmer in Relation zu früheren Generationen schlecht bezahlt werden. Denken Sie an die Diskussion um den Pflegekräftemangel der vielerorts zu Leerständen, auch in neu erbauten OP Sälen und Intensivstationen führt und damit eine reelle Bedrohung der Gesundheitsversorgung gerade in Ballungsräumen zur Folge hat: Mancherorts verdienen Pflegekräfte in Relation so wenig, dass sie sich wie in München nicht einmal eine Wohnung leisten können und zusätzliche Zweitjobs annehmen müssen. Ähnlich ist die Entwicklung bei Ärzten. Da fehlt die Relation. Man hat sich dazu verleiten lassen, die finanziellen und immateriellen Anerkennungen von Ärzten immer weiter hinunterzuschrauben und den Verwaltungsapparat überdimensional zu stärken. Obwohl die Leistungserbringer im Krankenhaus der Arzt gemeinsam mit den Pflegekräften sind. Kein einziger Patient kommt wegen der Verwaltung ins Klinikum, die Patienten kommen immer immer wegen des Arztes.