Experte im Gespräch: Prof. Dr. Riccardo Giunta über Plastische Chirurgie

Nachwuchsprobleme? Die kennt man in der Plastischen Chirurgie nicht. Es geht für Prof. Dr. Riccardo Giunta von der Universitätsklinik München eher darum, Bewerber auszuwählen, die nicht nur an dem schnellen Euro interessiert sind.

Univ-Prof. Dr. med. Riccardo Giunta: "Ich bekomme jeden Tag drei, vier Bewerbungen." | Klinikum der Universität München

Die Plastische Chirurgie hat einen schlechten Ruf. Zu Unrecht, wie Prof. Dr. Giunta findet. Er leitet die Abteilung für Hand-, Plastische und Ästhetische Chirurgie am Klinikum der Universität München (LMU) und ist außerdem Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktion und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC). Im Interview spricht über über den Arbeitsalltag eines Plastischen Chirurgen, über Instagram-Patienten und warum Münchner Praxen für Schönheitschirurgie wieder schließen mussten. 

Operation Karriere: Was haben Ihre Freunde aus der Studienzeit gesagt, als sie ihnen damals eröffnet haben, Sie werden eine Facharztweiterbildung in der Plastischen Chirurgie absolvieren? Gab es Häme oder Unverständnis, weil die Plastische Chirurgie ja nicht unbedingt den besten Ruf hat?

Prof. Dr. Giunta: Ich habe mich erst relativ spät dazu entschieden, Plastischer Chirurg zu werden. Ich habe meine Weiterbildung als Handchirurg begonnen, Handchirurgie ist aber noch kein Fachgebiet in Deutschland. Man kann Handchirurgie als Zusatzbezeichnung entweder als Plastischer Chirurg, als Allgemeinchirurg oder als Unfallchirurg machen. Ich habe mich früh mit Wiederherstellung und Lappenplastiken an der Hand beschäftigt. Da diese Eingriffe am ehesten zur Plastischen Chirurgie passen, habe ich mich für diesen Fachbereich entschieden. 

Sie haben nach kritischen Stimmen gefragt: Bei der Plastischen Chirurgie hat man immer das Problem, dass diese in der Öffentlichkeit fälschlicherweise nur als Ästhetische Chirurgie wahrgenommen wird. Dabei ist die Ästhetische Chirurgie, die sogenannte Schönheitschirurgie, nur ein kleiner Teilbereich der Plastischen Chirurgie. Das Fachgebiet Plastische Chirurgie beschäftigt sich in erster Linie mit der Wiederherstellung von Körperform und Funktion nach Trauma oder Tumor.  Aber es stimmt: Ästhetische Chirurgie führt zu häufigen Diskussionen. 

Führt es auch unter Kollegen zu Diskussionen oder nur in der breiteren Öffentlichkeit? 

Prof. Dr. Giunta: Er führt überall zu Diskussionen. Wir müssen ständig um Anerkennung kämpfen. Auch an den Unikliniken werden wir Plastische Chirurgen oft als Fettabsauger oder Lidstraffer abgetan. Das trifft den Inhalt der Plastischen Chirurgie, wie sie sich insgesamt darstellt, nicht. 

Plastische und Ästhetische Chirurgie

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Wie Sie bereits angedeutet haben, gibt es in der Plastischen Chirurgie nicht nur den Bereich der Ästhetischen Chirurgie. Sondern auch die Bereiche Rekonstruktive Chirurgie, Handchirurgie und Verbrennungschirurgie. Mit allen Bereichen beschäftigen Sie sich an der LMU. Welcher Eingriff hat Sie in jüngster Zeit mit einem besonderen Stolz erfüllt?

Prof. Dr. Giunta: Wir haben eine ganze Reihe von Operationen in verschiedenen Körperregionen, die meist eine sehr individuelle Lösung erfordern. Es sind zum einen Schwerverletzte, Tumorerkrankungen, Erkrankungen des alten Menschen wie chronische Wunden, Druckgeschwüre oder der diabetische Fuß, auf der anderen Seite auch angeborene Fehlbildungen, so dass die Bandbreite sehr weit ist. Sie haben mich nach einem Einzelfall gefragt. Im Januar hatten wir hier einen neunjährigen Jungen, der vom Bus überfahren wurde und wegen des Verlustes der Weichteile über dem Kniegelenk und am Unterschenkel fast sein Bein verloren hätte. Wir konnten mit mikrochirurgischen Gewebetransplantationen sein Bein retten. Heute habe ich ein Bild bekommen, das zeigt, wie er wieder auf eigenen Beinen und ohne Gehhilfen läuft. Sein Bein musste letztlich dank der PlastischenChirurgie nicht amputiert werden und er wird es noch viele Jahrzehnte seines Lebens nutzen können. So eine Operation bringt viel ärztliche Zufriedenheit mit sich.  

Die Leitlinie für Lipödem ist kaum zehn Seiten lang, verglichen etwa mit der Leitlinie für Prostatakrebs, in der aus viele Studien zitiert wird und die über hundert Seiten umfasst. Ist die Plastische Chirurgie ein forschungsarmes Fach? 

Prof. Dr. Giunta: Nein, überhaupt nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Es ist nur ein Fach, das in vielen Aspekten Grenzbereiche der Medizin betrachtet. Beim Lipödem ist es so, dass sich eine Behandlung in dem Grenzbereich zwischen medizinischer Leistung und nicht medizinischer Leistung bewegt. Und hier müssen von den Plastischen Chirurgen mit Kollegen und mit der Öffentlichkeit Kriterien erarbeitet werden, die festlegen, wo die Erkrankung anfängt und wo ein Übergewicht vorliegt. Diese Diskussionen sind bislang nicht geführt worden. Das Prostatakarzinom ist dagegen eine isolierte Entität, die schon seit Jahrzehnten bekannt ist. Das Lipödem wird erst seit kurzem als Erkrankung betrachtet, ist also auch für Mediziner ein völliges Neuland, so dass man hier den gesellschaftlichen Diskurs vorantreiben muss. Das hat nichts mit den Forschungsaktivitäten zu tun, die exzellent sind. Wir beschäftigen uns mit allen Regenerationsvorgängen und Gewebeverpflanzungen des Körpers. 

Wir haben nur den Nachteil, dass wir im Vergleich zu anderen Fachrichtungen, wie etwa der Urologie, die an allen 37 Universitätskliniken mit einem eigenen Lehrstuhl vertreten ist, nur über vollwertige Lehrstühle an elf Universitätsklinika verfügen. Das führt dazu, dass die Infrastruktur bei der Plastischen Chirurgie in Bezug auf Forschung geringer ist als in anderen, schon lange akademisch etablierten Fachgebieten der Chirurgie.