Experte im Gespräch: PD Dr. Tobias Maurer über Prostatakrebs

Operation Karriere: Auch radioaktive Substanzen werden seit kurzem eingesetzt, um Patienten mit Prostatakrebs besser zu behandeln. Mit der PSMA-radioguided surgery können kleine metastatische Ansiedlungen aufgrund ihrer radioaktiven Strahlung erkannt werden. Wie bewerten Sie diese Methode?

PD Dr. Tobias Maurer: Zunächst ist hier etwas zu der Positronen-Emission-Tomografie zu sagen. Mithilfe winziger radioaktiv markierter Teilchen, die gegen das Prostataspezifische Membranantigen (PSMA) gerichtet sind, werden Tumorabsiedelungen sichtbar gemacht. Dadurch sehen wir Tumorherde sehr viel früher und genauer als mit der MRT oder der CT. Dies ermöglicht eine präzisere Behandlung. Zunächst konnten diese Tracer nur in der Bildgebung verwendet werden, also bei der Positronen-Emissions-Tomografie. Seit einigen Jahren können diese Tracer in modifizierter Form nun auch bei Operationen angewendet werden. Die Patienten bekommen vor der OP die radioaktive Substanz gespritzt und dann kann man bei der Operation mit einer Gammasonde ähnlich einem Geigerzähler die kleinen Tumorherde auffinden und sicher resezieren. Dabei muss man aber auch betonen, dass keine dieser Methoden zu hundert Prozent perfekt ist. Die einzelne Tumorzelle werden wir damit nicht entdecken können. Aber es ist auf jeden Fall besser als früher, als man nur anhand der Bilder operiert hat.  

Operation Karriere: Wird diese Operationsmethode vor allem angewandt, wenn die Lymphknoten betroffen sind oder auch bei einem lokal begrenzten Prostatakarzinom?

PD Dr. Tobias Maurer: Vor Primärtherapie bei einem lokalisierten Prostatakarzinom glaube ich nicht, dass diese Technik viel nützt. Für die lokale Prostataentfernung selbst bringt es eigentlich nicht viel. Da ist es wichtiger, während der Operation einen Schnellschnitt zu haben, um zu wissen, dass die Ränder der Prostata „sauber“, also tumorfrei sind. Wenn in der Primärdiagnostik ein PSMA-PET verdächtige Lymphknoten zeigt, dann benötigen diese Patienten sowieso eine ausgedehnte Lymphknotenentfernung, wenn sie operiert werden. In der Regel kommt dieses Operationsverfahren somit erst bei einem Rückfall zum Einsatz, wenn die PSMA-PET einzelne kleine Lymphknoten zeigt. Dabei ist die PSMA-radioguided surgery immer wie so eine kleine spannende Schatzsuche.

Operation Karriere: Bei Prostata-OPs wird häufig das Da Vinci System eingesetzt. In der S3-Leitlinie zu Prostatakrebs steht, dass bislang keine Studie bewiesen hat, dass Operationen mit dem Da Vinci Roboter wirksamer sind als klassische offene OPs. Wieso wird dennoch mit dem Da Vinci Roboter gearbeitet? 

PD Dr. Tobias Maurer: Es ist so, dass Patienten vielleicht etwas schneller entlassen werden können, kleinere Schnitte haben – es geht hier auch um Kosmetik. Der Blutverlust ist etwas geringer und der Blasenkatheter kann meist früher wieder entfernt werden. Letztendlich ist es auch für den Operateur entspannter, an einer Konsole zu sitzen, als stehend am Tisch zu operieren. Aber Sie haben Recht, es gibt erst eine prospektive Studie aus Australien zu diesem Thema. Sie hat gezeigt, dass es keinen signifikanten Unterschied hinsichtlich des onkologischen Outcomes, hinsichtlich der Kontinenz- und der Potenzraten gibt. Auch wir an der Martini-Klinik sehen hier keinen entscheidenden Vorteil.  

Das Operationssystem Da Vinci ist im Klinikalltag angekommen. In rund 100 Kliniken wird es bereits eingesetzt. Auch Assistenzärzte sind oft Teil des Teams.

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Operation Karriere: Sprechen wir über Ihre Vita. Sie sind Facharzt für Urologie. Wie sind Sie zu diesem Fachgebiet gekommen? 

PD Dr. Tobias Maurer: Eigentlich wollte ich Hämatoonkologe werden, habe dann aber schnell gemerkt, dass ich gerne chirurgisch und händisch mit Gewebe arbeiten möchte. Es ist einfach schön, wenn man gezielt erkranktes Gewebe entfernen und danach wieder alles sauber aneinander fügen kann, so dass Patienten danach von ihrem Leiden befreit sind. Und dann war mir relativ schnell klar, dass die Urologie eigentlich als „kleines“ Fach sehr vielseitig ist. Man kann sich auch auf ein Teilgebiet fokussieren, zum Beispiel nur die onkologischen Krebserkrankungen operieren. Man kann sagen, man fokussiert sich auf endoskopische Eingriffe. Man kann auch sehr gut in die Niederlassung gehen. Es gibt sehr viele Facetten. Und nicht zuletzt habe ich im Studium festgestellt: Die lustigsten Dozenten kommen immer aus der Urologie. 

Operation Karriere: Gab es ein persönliches Highlight in Ihrer Karriere als Urologe?

PD Dr. Tobias Maurer: Ich kann mich noch gut daran erinnern, als wir im Jahr 2012 den ersten Patienten mit einem PSMA-PET untersuchten. Das war, als ob jemand Licht angemacht hätte. Ich kriege immer noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. In diesem Moment haben wir verstanden, dass sich die Prostatakrebsmedizin gerade schlagartig geändert hat. 

Operation Karriere: Gibt es Charaktereigenschaften, die Sie bei sich und ihren Kollegen beobachten, die man auf jeden Fall benötigt, wenn man in diesem Fachbereich arbeiten möchte? 

PD Dr. Tobias Maurer: Egal, was man beruflich machen will, man braucht Begeisterungsfähigkeit und natürlich Interesse an dem Fachgebiet und den Menschen, mit denen man zu tun hat. Das wichtigste ist aber, dass man Feuer für etwas hat!

PD Dr. Tobias Maurer ist Facharzt für Urologie und Leitender Arzt der Martini-Klinik des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Zuvor war er Leitender Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Urologie der Technischen Universität München, Klinikum rechts der Isar.