Experte im Gespräch: Dr. Kästner über Risikogeburten und die Anforderungen für Fachärzte in der Geburtshilfe

Als Oberarzt beaufsichtigen Sie Fachärzte in Ausbildung. Worauf achten Sie bei Bewerbern für die Assistenzarztausbildung? Welche Fähigkeiten muss man auf jeden Fall mitbringen?

In erster Linie sollten die Bewerber Lust auf dieses Fach und diese Beschäftigung zeigen. Viele meiden ja die Geburtshilfe, weil es ein Bereich ist, der sehr viel Geduld erfordert und ungünstige Arbeitszeiten mit sich bringt. Auch hohe forensische Risiken. 

Mir gefällt sehr gut, wenn Bewerber nicht nur wissenschaftliches Interesse für fetomaternale Pathophysiologie bekunden, sondern zum Ausdruck bringen, dass Schwangerschaft und Geburt für sie auch Vorgänge sind, bei dem körperliche und seelische Faktoren in ihrem Zusammenspiel beachtet werden sollen. Und zum Beispiel Bindung und Geburtserleben Begriffe sind, die die Bewerber wichtig nehmen.

Gibt es Aufgabenbereiche, die neu sind und in die man sich vor der Bewerbung einarbeiten sollte?

Vielleicht die soeben erwähnten. Früher hatte man die Vorstellung, die Geburt sei ein rein mechanistisches Geschehen und in manchen Köpfen ist dies auch heute noch so. Es geht darüber hinaus auch um Liebe und davor sollten die Bewerber sich nicht scheuen. Auch die Bereitschaft, die eigene Gegenübertragung zu beachten und dafür ein gutes Maß an Selbstreflexion aufzubringen, hilft, die komplexen Aufgaben bei der Betreuung von Familien in Situationen mit starken Gefühlen gut zu bewältigen.

Leider hat sich in den vergangenen Jahren eine Neigung verstärkt, medizinisches Handeln wirtschaftlichen Aspekten und organisatorischen Bedürfnissen unterzuordnen. Es wird nun von den Ärzten erwartet sich in betriebswirtschaftliche Mechanismen einzudenken. Mir würde besser gefallen, wenn sich Betriebswirtschaftler mit ihren Fähigkeiten an den medizinischen Notwendigkeiten orientieren und die Ärzte in ihrer Arbeit unterstützen. 

Können Sie etwas über den Alltag im Allgemeinen erzählen? Wie ist beispielsweise die Aufgabenverteilung bei einer Entbindung. Wer übernimmt welche Aufgaben?

Es gibt verschiedene geburtshilfliche Settings. Grob gesagt zwischen den Polen der Hausgeburtshilfe einerseits und einem Perinatalzentrum der höchsten Versorgungsstufe, wie zum Beispiel unsere Klinik, andererseits. Letztendlich zielt Ihre Frage auf die Abgrenzung zwischen den Hebammen und den Ärzten ab.

Trotz vorliegender Leitlinien über diese Zusammenarbeit ergibt sich in jeder einzelnen geburtshilflichen Abteilung diese Abgrenzung aus den menschlichen Faktoren und vor allem der Erfahrung der jeweiligen Mitarbeiter. Im günstigen Fall profitieren beide Berufsgruppen voneinander und ergänzen sich. 

Dabei kommt es nicht selten vor, dass erfahrene Hebammen viel geburtshilfliches Wissen an junge Assistenzärzte weitergeben. Letztlich ist aber meistens der Arzt für die Geburt verantwortlich – mindestens wenn er in Kenntnis gesetzt wird – und leitet aus dieser Verantwortlichkeit eine Entscheidungsvormacht ab. Dies kann umso unglücklicher sein, je weniger Erfahrung er hat und je mehr er das Wissen der erfahrenen Hebammen unberücksichtigt lässt.

Grundsätzlich sind Hebammen kompetent für die Betreuung einer risikofreien normalen Geburt und müssen Ärzte hinzuziehen, sobald Abweichungen vom normalen Geburtsverlauf eintreten. Dieses zu erkennen liegt in ihrer Verantwortung. Woher soll aber ein Arzt wissen was normal und was pathologisch ist und was dann zu tun ist, wenn er keine Erfahrung bei normalen Geburten sammeln konnte?

Insofern tun die Vertreter beider Berufsgruppen gut daran, wenn sie in einer respektvollen Art und Weise miteinander arbeiten. In vielen Abteilungen spürt man die Teamkonflikte zwischen beiden Berufsgruppen, es geht ja auch um Macht und Geld. Wenn diese Konflikte nicht konstruktiv gelöst werden, leidet die geburtshifliche Qualität erheblich.

Herr Dr. Kästner, vielen Dank für das Interview.