Dr. Umes Arunagirinathan: "Wir Ärzte werden ausgepresst"

Dr. Umes Arunagirinathan, Herzchirurg aus Bremen, übt heftige Kritik am deutschen Gesundheitssystem und liefert gleichzeitig pragmatische Lösungsvorschläge. Sein Buch „Der verlorene Patient“ kam auf die „Spiegel“-Bestsellerliste und sorgt seitdem für Zündstoff.

Dr. Umeswaran Arunagirinathan

Dr. Umeswaran Arunagirinathan ist Facharzt für Herzchirurgie und Funktionsoberarzt am Klinikum Links der Weser in Bremen. | © Sughanthy Puvaneswaran

Wie geht es Ihnen? 

Dr. Umes Arunagirinathan: Ich fühle mich wie eine ausgepresste Zitrone. Wer im Alter von 30 Jahren einen 24-Stunden-Dienst hinter sich hat, ist noch in der Lage am nächsten Tag normal zu arbeiten. Ich bin jetzt 43… Und vielen Kolleginnen und Kollegen aus anderen Häusern geht es genauso. Wir Klinik-Ärzte sind einfach überlastet. Und das liegt an vielen großen, wie auch kleinen Dingen, über die aber niemand spricht. Dabei könnte man einige sogar leicht ändern.

Haben Sie sich Ihren Traumberuf so vorgestellt?

Dr. Umes Arunagirinathan: Mein Wunsch, Arzt zu werden, entstand während des Bürgerkriegs in Sri Lanka, wo ich geboren bin. Meine Schwester war schwer nierenkrank und hätte vielleicht gerettet werden können. Doch einem Arzt zu begegnen, war damals ein Wunder, und leider trat es bei uns nicht ein. Für mich stand bei diesem Beruf immer der Mensch im Mittelpunkt. Doch heute verbringen wir kaum Zeit mit den Patienten. Stattdessen sind wir in der Klinik viel zu sehr mit Organisatorischem beschäftigt. Ich ahnte zu Beginn meines Studiums nicht, dass ich später auch für die Bettenbelegung zuständig sein würde. Ich finde es auch unglaublich, dass wir in einem Land wie Deutschland immer noch mit Papier arbeiten und keine elektronische Patientenakte haben. Uns gehen so viele kostbare Ressourcen verloren, um irgendwelche Befunde und Briefe nachzufordern. Sogar in Notfallsituationen. Diese nicht-medizinischen Aufgaben ließen sich doch gut delegieren. Damit würden wir sogar zusätzliche Arbeitsplätze schaffen. Das wären schon einige der lockeren Schrauben, die man wieder festziehen könnte.

Was wären weitere Punkte?

Dr. Umes Arunagirinathan: Wir müssen endlich die Pflege qualitativ aufwerten. Wie soll man sonst junge Leute bewegen, diesen Job zu wählen? Auf Sri Lanka kann eine Krankenschwester mehr medizinische als pflegerische Maßnahmen durchführen, so wie in zahlreichen anderen Ländern auch. Warum sollen gut ausgebildete Kräfte nicht mal einen Zugang legen oder in Akutsituationen ein Blutdruckmedikament verabreichen dürfen? Und mit mehr Verantwortung stiege automatisch die Bezahlung. Der Fachkräftemangel in der Pflege geht die Ärzteschaft unmittelbar an. Denn dadurch sind Tätigkeiten wie Pflaster- oder Verbandswechsel teilweise zu unseren Aufgaben geworden.

Auch die Visite findet inzwischen nicht selten allein statt. Manchmal haben wir auch kein Stammpersonal mehr auf Station, sondern Honorarkräfte aus anderen Fachrichtungen. Die können natürlich nicht die volle fachliche Leistung erbringen. Hier muss der diensthabende Arzt dann ein noch wachsameres Auge auf die Patienten haben. Etliche Kollegen aus anderen Kliniken berichten zudem, dass sie besonders im Bereitschaftsdienst nicht mehr die normale unter 50 Prozent Gesamtzeit leisten, sondern deutlich mehr. Zum Teil sind sie sogar 80 Prozent der 24 Stunden im Einsatz. Auch weil sie halt alles machen müssen. Manchmal transportieren Ärztinnen und Ärzte ja sogar die Blutentnahmeröhrchen zum Labor, weil das keiner sonst erledigt.

Sie kritisieren auch die Facharztausbildung…

Dr. Umes Arunagirinathan: Ja, deren Neuregelung ist überfällig. Ich habe mehr als elf Jahre gebraucht, um Herzchirurg zu werden. Fünf Jahre mehr als notwendig, weil ich komplett abhängig war von einer einzigen Person, dem Chefarzt. Solche Machtpositionen und diktatorische Strukturen muss man abschaffen. Wir sollten stattdessen für junge Ärztinnen und Ärzte eine schriftliche Vereinbarung erstellen, damit alle wissen, sie können es bei entsprechender Leistung innerhalb von sechs Jahren schaffen. Viele Assistenzärztinnen und -ärzte arbeiten heute 60 bis 70 Stunden, die aber oft nicht dokumentiert werden. Denn sie haben Angst, ihren Facharzt nicht zu bekommen. Wir müssen aufpassen, dass wir unseren Ärztenachwuchs nicht bereits auspressen. Denn die sollen sich in zehn und zwanzig Jahren, wenn wir krank sind, um uns kümmern.

Was ist für Sie am System Krankenhaus nicht in Ordnung?

Dr. Umes Arunagirinathan: Ich bin gar nicht dagegen, dass Krankenhäuser wirtschaftlich arbeiten. Aber wir verschwenden auf der einen Seite Milliarden an Geldern wie Infrastruktur und sparen auf der anderen, falschen Seite. Beispiel Pflege. Ich finde, dass auch ein kleines Städtchen die Grundversorgung gewährleisten sollte. Und dazu gehört eben ein Krankenhaus, wie die Schule oder der Bäcker. Aber wir müssen nicht an jeder Ecke eine orthopädische Knie- oder Hüft-OP durchführen können oder ein Transplantationszentrum haben. Das sind ja planbare Maßnahmen. Zudem bin ich überzeugt, dass wir mindestens 20 Prozent der Operationen reduzieren könnten, ohne die Lebensqualität oder -erwartung der Patienten zu beeinträchtigen. Stichwort Fallpauschalen. Wenn wir uns auf die wirklich notwendigen Therapien und vor allem Diagnostik reduzieren würden, bräuchten wir keinen Cent mehr, um richtig gute Medizin zu machen. Da geht es nur um Strukturveränderung.

Wie soll die ärztliche Ausbildung ab 2025 aussehen? Das Bundes-Gesundheitsministerium (BMG) hat dazu jetzt einen Entwurf vorgelegt. Das Feedback von Marburger Bund, Hartmannbund und Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. (bvmd) enthält Lob, aber auch einige Kritik.

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Was liegt noch im Argen?

Dr. Umes Arunagirinathan: Wer behauptet, wir hätten keine Zweiklassenmedizin, lügt. Es kann doch nicht sein, dass ich mit 40 Jahren als privat Versicherter selbst in der Corona-Krise noch einen Routine-Kontroll-Termin beim Kardiologen bekomme, aber ein 60-jähriger Kassenpatient, der eine Beschwerdesymptomatik hat, drei Monate warten muss. Ich habe kein Problem damit, wenn jemand sein Essen auf einem goldenen Teller serviert haben möchte oder viel Geld für ein Einzelzimmer bezahlt, aber OP- oder vor allem Diagnostik-Terminvergaben, die doch sehr relevant sein können, dürfen nicht am Versichertenstatus liegen. Darüber hinaus braucht es mehr Aufklärung, wenn wir die Gesellschaft langfristig gesünder erhalten wollen. Gesundheitsbewusstsein müsste ein Schulfach sein, das neben Ernährung und Lebensweise auch über Volkskrankheiten aufklärt. Jeder, der die letzte Klasse verlässt, sollte schon mal gehört haben, was der Blutdruck oder Diabetes ist. Diese Investition würde sich schon in wenigen Jahrzehnten auszahlen.

Welchen Blickwinkel haben Sie aufgrund Ihrer Herkunft?

Dr. Umes Arunagirinathan: Persönlich habe ich ein ganz anderes Verantwortungsbewusstsein meiner Familie gegenüber. Ich verstehe beispielsweise nicht, dass eine Mutter von vier Kindern die Woche zwischen der Entlassung aus dem Akutkrankenhaus und der Anschlussbehandlung in einer anderen Klinik überbrücken muss. Wenn da jemand aus ihrer Familie sagen würde: „Hey, ich nehme jetzt eine Woche Urlaub für meine Mutti, oder mein Bruder und ich kümmern uns abwechselnd bei uns zu Hause um sie“, wäre das doch auch eine Entlastung für das Gesundheitssystem. Als jemand, der nicht in Deutschland geboren ist, konnte ich noch nie begreifen, warum es hier für erwachsene Kinder die Verpflichtung nicht gibt, sich um ihre Eltern zu kümmern. Die haben das doch auch getan.

Wie war die bisherige Resonanz auf Ihr Buch „Der verlorene Patient“?

Dr. Umes Arunagirinathan: Sehr viele Kollegen haben sich über Facebook oder Instagram bei mir gemeldet, sogar einige Chefärzte, und gesagt „danke, dass du die Themen ansprichst. Ich kann das nämlich nicht, ich habe mit der Geschäftsführung schon eine Zielvereinbarung unterschrieben.“ In dem Buch stecken ja nicht nur meine Gedanken. Darin sind auch reichlich Erfahrungen von Kolleginnen und Kollegen verarbeitet. Viele, die eigentlich von einer großen Karriere in der Chirurgie geträumt haben, kommen jetzt so oft total fertig aus der Klinik und sagen „ich habe keinen Bock mehr auf diese Dienste, die rauben mir so viel Energie. Wenn das so weitergeht, möchte ich lieber als Allgemeinmediziner arbeiten.“ Ich wollte all denen eine Stimme geben.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Dr. Umes Arunagirinathan: Ich habe mich schon immer mit gesellschafts-politischen Themen auseinandersetzt und zwar mit solchen, die mich unmittelbar berührt haben. Mein erstes Buch handelt von meiner Flucht. Mir war es wichtig, aufzuklären, warum ich hergekommen bin und wie. Mein zweites Buch befasst sich mit Integration. Dieses, mein drittes Buch, behandelt die vielen Defizite, denen ich tagtäglich begegne. Allerdings hätte ich als Assistenzarzt nicht gewagt, das zu veröffentlichen. Selbst jetzt ist es nicht gerade förderlich für die Karriere. Als Herzchirurg kann man nicht leicht überall eine Stelle finden. Ich bin froh, dass ich hier in Bremen ein Umfeld gefunden habe, in dem ich sehr offen sprechen kann. Generell bin ich froh, in einer Demokratie zu leben, in der ich meinen Mund aufmachen darf. Und trotz aller Kritik mache ich meinen Job gern und bin auch dankbar, dass dieses Land mit Steuergeldern meine Ausbildung finanziert hat – und das möchte ich auch zurückgeben. Daher bin ich trotz eines attraktiven Angebots auch nicht in die Schweiz gegangen.

Ihr Resümee?

Dr. Umes Arunagirinathan: Wir haben in Deutschland eines der stabilsten Gesundheitssysteme der Welt – diese Qualität können wir halten. Nicht durch Veränderungen von heute auf morgen oder einen Schwenk um 180 Grad, sondern indem wir eine der lockeren Schrauben nach der anderen langsam wieder anziehen. Es ist wichtig, dass wir Ärztinnen und Ärzte uns stärker politisch engagieren. Die Corona-Krise hat den Blick auf das Gesundheitssystem gelenkt. Wir sollten das nutzen, damit die Politiker uns hören und unsere Themen auf die Agenda nehmen.

Der Experte

Weil sein Leben als Tamile im Bürgerkrieg bedroht war, verließ Dr. Umeswaran Arunagirinathan mit 13 Jahren Sri Lanka. Als unbegleiteter Flüchtling kam er nach achtmonatiger Odyssee 1991 in Hamburg an. Beim Abschied hatte er seiner Mutter versprochen, Arzt zu werden. Auslöser war die Nierenkrankheit der älteren Schwester, die mit 12 Jahren starb. Er finanzierte sein Studium als Tellerwäscher und Pflegehelfer. Heute nennt er sich Dr. Umes, ist Facharzt für Herzchirurgie und Funktionsoberarzt am Klinikum Links der Weser in Bremen. 2020 erschien „Der verlorene Patient: Wie uns das Geschäft mit der Gesundheit krank macht“, bei rowohlt.

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