Dr. Eckart von Hirschhausen: Die BWLer haben im Gesundheitswesen die Macht

Wenn Politik auf Virologen hören kann, warum dann nicht auch auf Klimawissenschaftler?, fragt Eckart von Hirschhausen. Im Interview spricht er über sein Erweckungserlebnis zum grünen Botschafter, über Betriebswirtschaftler im Krankenhaus und seine Karrierepläne als Medizinstudent.

Einsatz für das Klima: Dr. Eckart von Hirschhausen | © Dominik Butzmann

Sie haben vor Kurzem Ihre erste Rede vor EU-Abgeordneten gehalten. Worüber lachen Brüsseler Spitzenpolitiker?

Dr. Eckart von Hirschhausen:
Das wüsste ich auch gerne! Als Bühnenkünstler hatte ich schon eine Menge Politiker im Publikum. Aber wegen Corona musste die Veranstaltung online stattfinden, und außer meinen beiden Gesprächspartnern konnte ich all die anderen Teilnehmer nicht sehen. Ich war auch nicht zur Belustigung eingeladen, sondern als Impulsgeber. Wobei für mich ja oft eine Erkenntnis mit einem Perspektivwechsel und mit Humor einhergeht. Ein Beispiel: Viele haben sich über die Regeln geärgert, dass wir lange zu Hause bleiben sollten. Aus dem Weltall betrachtet sind wir Menschen immer schon im „Homeoffice“ – weil es nur ein „Home“, ein Zuhause, einen Ort gibt, wo es Wasser, Luft und erträgliche Temperaturen gibt. Unsere Mutter Erde! Und die ist schwer krank, gehört auf die Intensivstation – und das war mein Thema in Brüssel, wie eng die Klimakrise mit unser Gesundheit zusammenhängt. Wenn Politik auf Virologen hören kann, warum dann nicht auch auf Klimawissenschaftler, Physiologen und Pflegekräfte, die alle wissen: Der Unterschied von zwei Grad ist in der Körpertemperatur zwischen 41 und 43 Grad der Unterschied zwischen Leben und Tod.
 
Sie setzen sich seit einigen Jahren verstärkt dafür ein, dass die Gesundheitsaspekte bei der Klimawandel-Diskussion berücksichtigt werden, Stichwort Planetary Health – die Gesundheit des Planeten hat Einfluss auf die individuelle Gesundheit. Gab es ein initiales Ereignis, das Sie zum grünen Botschafter werden ließ?

Dr. Eckart von Hirschhausen:
Ja, ich hatte im wahrsten Sinne des Wortes einen Weckruf: eine Begegnung mit Jane Goodall. Ich traf sie vor fast zwei Jahren für ein Interview beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis, und diese Dame von über 80 Jahren ist eine der charismatischsten Menschen, denen ich jemals begegnet bin. Sie ging als junge Frau in den Dschungel und revolutionierte unser Bewusstsein für die Menschenaffen. Heute ist sie die weltweit bekannteste Umweltaktivistin. Sie stellte mir eine ganz einfache Frage: Wenn der Mensch die intelligenteste Art auf dem Planeten ist – warum zerstört er dann sein eigenes Zuhause? Diese Frage hat mich schlucken lassen und mir aufs Eindringlichtes gezeigt, dass wir handeln müssen. Jetzt.
 
„Wenn die Erde Fieber hat, müssen wir Ärzte politischer werden“, sagen Sie. Was genau meinen Sie damit?

Dr. Eckart von Hirschhausen:
Mein wichtigstes Anliegen ist, die Gesundheitsberufe zu aktivieren. Letztes Jahr habe ich beim globalen Klimastreik vor dem Brandenburger Tor zu 270.000 Menschen sprechen dürfen, warum die Klimakrise ein medizinischer Notfall ist. Als Arzt habe ich gelernt, dass der Mensch maximal 41 Grad Körpertemperatur aushalten kann. Wir hatten letztes Jahr bereits 42 Grad in Deutschland. Es starben Tausende Menschen durch die Hitzewellen, wir bekommen Malaria, West-Nil-Fieber und andere Tropenkrankheiten zurück, und der ganze Wahnsinn der fossilen Brennstoffe von Braunkohle bis Diesel kostet enorm viele Lebensjahre durch den Dreck, den wir einatmen. Die eigene Gesundheit ist den Menschen viel näher als der Eisbär. Und Ärzten und Pflegekräften wird mehr geglaubt als Politikern. Deshalb spielt „healthforfuture“ eine zentrale Rolle, um viele Menschen aufzuwecken. Und deshalb bin ich stolz, dass wir zusammen mit der Allianz Klimawandel und Gesundheit vor der Charité demonstriert haben, dass ich für das Auswärtige Amt über „One Health“ sprechen durfte, dass auf dem World Health Summit eine Pressekonferenz viele erreicht hat und dass die Ärzteverbände vom Weltärztebund, dem Lancet Climate Count Down bis zum Deutschen Ärztetag jetzt Klimakrise und Gesundheit voran bringen. Höchste Zeit, denn uns bleiben nur wenige Jahre, die Erde für Menschen bewohnbar zu halten. Und die Idee von „Planetary Health“ ist dabei zentral. Wenn wir mehr Pflanzen als Tiere essen und mehr Radfahren als gestresst im Stau zu stehen, tut das dem Planeten und vor allem unserer eigenen Gesundheit gut – warum war der Gesundheitsminister eigentlich nicht Teil des Klimakabinetts?
 
Vor zwei Wochen haben Sie mit Ihrer Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“ den Healthy Recovery Letter unterschrieben. Mit diesem Brief werden die Staats- und Regierungschefs der G20 aufgefordert, bei den Corona-Erholungsprogrammen die Umwelt nicht zu vergessen; so würden zum Beispiel durch Luftverschmutzung 7 Millionen Menschen pro Jahr sterben. Dass Luftverschmutzung gesundheitsgefährdend ist, weiß man schon lange, und trotzdem ist wenig passiert. Warum sollte die COVID-19-Pandemie zu einem Umdenken führen?

Dr. Eckart von Hirschhausen:
Die Pandemie zeigt doch, wie ohnmächtig Medizin sein kann. Wir haben weder Medikamente noch Impfstoffe. Das wirksamste Mittel ist Abstand halten – auf gut deutsch: die Fächer, die ich im Studium lästig fand wie Hygiene, Public Health und Statistik sind plötzlich entscheidend. There is no glory in prevention – aber wenn wir Ursachen bekämpfen wollen, dann sollten wir doch bitte auch endlich den perversen globalen Wildtierhandel stoppen, der entscheidend dazu beiträgt, dass Viren von Tieren auf Menschen übertragen werden. Solche Aspekte höre ich viel zu wenig aus ärztlicher Sicht.

Im Healthy Recovery Letter werden auch die Sparzwänge im Gesundheitssystem angesprochen. Junge Klinikärzte bewerten den Klinikalltag zum Teil kritisch. Max Tischler, Sprecher vom Bündnis für junge Ärzte, hat vor kurzem in einem Interview gesagt, dass er keinen Chefarztposten anstrebt und sich lieber niederlässt, weil ihm der ökonomische Druck im Klinikum zu groß ist. Wie bewerten Sie das Vergütungssystem nach Fallpauschalen?

Dr. Eckart von Hirschhausen:
Dazu habe ich ausführlich in meinem Buch „Wunder wirken Wunder“ im Kapitel „Rettet das Gesundheitswesen – aber nicht dieses“ geschrieben. Als ich Medizin studieren durfte, war es eine Ehre, Arzt zu werden. Und die nicht ganz so hellen Kerzen am Leuchter meines Jahrgangs haben allesamt BWL studiert. Wer hat heute im Gesundheitswesen die Macht? Die BWLer! Die späte Rache der Mittelbegabten. Warum lassen Ärzte sowas mit sich machen? Da ist etwas schrecklich schief gegangen, wenn ein Verwaltungsmensch den jungen Ärzten sagt: "Der OP ist heute nicht ausgelastet, schaut mal auf den Stationen, ob sich da noch was verkaufen lässt." Das ist ein Bruch mit den Grundsätzen der medizinischen Ethik: mehr zu nutzen als zu schaden und das Wohl des Kranken an erste Stelle zu setzen.
 
Schon jetzt hat die Corona-Krise die Gesundheitsversorgung geändert, die Telemedizin ist mit einem Schlag populär geworden. Haben Sie den Arzt Ihres Vertrauens auch per Videosprechstunde konsultiert?

Dr. Eckart von Hirschhausen:
Ich habe meine Urinprobe direkt eingescannt. Und an die Praxis ein Pipi-Fax geschickt.
 
Im Bereich der digitalisierten Medizin tut sich viel in Deutschland. Das gerade verabschiedete Digitale Versorgungsgesetz ermöglicht die „App auf Rezept“, also eine digitale Anwendung, die über die Kasse bezahlt wird. Ist sie Segen oder Flucht für das Gesundheitssystem?

Dr. Eckart von Hirschhausen:
Mit meiner Stiftung "Humor hilft heilen" entwickeln wir gerade selber eine App für Pflegekräfte, bei der es um Seelenhygiene, Resilienz und Achtsamkeit geht. Aber das ist ein zusätzlicher Baustein zu den Seminaren in den Pflegeschulen und den Workshops mit Stationsteams, damit dieses Wissen aufrechterhalten wird. Allein durch eine App ist noch kein Mensch schlauer, gesünder oder menschlicher geworden. Seit wir alle Navigationsdienste nutzen, kann sich kaum noch jemand offline in einer Stadt in die richtige Richtung bewegen. Noch nicht mal Taxifahrer. Wir verlieren im wahrsten Sinne die Orientierung, wenn wir nicht wissen, wohin wir wollen. Wir brauchen mehr Humanität in der Humanmedizin. Wenn die Digitalisierung dabei hilft – fein. Bislang wird sie aber oft eingesetzt, um noch mehr menschliche Interaktion einzusparen.
 
Sie sind für eine WDR-Doku über Covid-19 an Ihre ursprünglich angedachte Wirkungsstätte zurückgekehrt: ins Krankenhaus. Was hat Sie beim Dreh am meisten überrascht?

Dr. Eckart von Hirschhausen:
Natürlich denkt man zuerst einmal an die Ärzte und Pflegekräfte, aber es war erstaunlich, wie so ein Virus in ganz viele Gewerke einbricht, an die man erst einmal gar nicht denkt: Reinigungskräfte, Virologen, Krankenhausapotheker. Die Berichterstattung der letzten Wochen war sehr orientiert auf Zahlen, Verläufe, Strategien. Dem wollten wir einen Film entgegensetzen über die Menschen hinter den Fallzahlen, die ein Krankenhaus in Krisenzeiten am Laufen halten. Und natürlich gab es auch berührende Begegnungen mit Patienten und ihren Angehörigen. Eine Familie hat mich persönlich sehr berührt. Der Mann war aus dem prallen Leben schwer erkrankt und über Wochen an der ECMO – also an der höchsten Stufe der Beatmung, wo der Sauerstoff aufgrund von Lungenversagen außerhalb des Körpers ins Blut gebracht wird. Die Frau und die beiden Kinder standen jeden Abend im Hof vor der Station, hatten Kerzen dabei, hielten inne und hatten mit Freunden verabredet, hunderte von Lichtern für ihn anzuzünden. Ich bin froh, dass sie der Veröffentlichung dieser intimen Situation zugestimmt haben, um andere zu ermuntern, denen es jetzt gerade so geht.
 
Wussten Sie eigentlich schon als Medizinstudent, dass Sie nicht in der Patientenversorgung bleiben werden?

Dr. Eckart von Hirschhausen:
Nein, mit so einem Gedanken fängt man doch kein Studium an… Oder etwas poetischer: „Leben kann man nur vorwärts. Verstehen kann man es nur rückwärts“. Auch wenn man das vielleicht erwartet, gab es keinen dramatischen Wendepunkt, sondern eher einen schleichenden Wechsel der Schwerpunkte. Ich habe ja nach meinem Medizinstudium zunächst im Krankenhaus gearbeitet. Damals gewann ich die Erkenntnis, dass man viele Krankheiten, mit denen ich dort konfrontiert wurde, leicht verhindern könnte. An diesem Wendepunkt habe ich mich gefragt, ob ich nicht besser früher ansetze, bevor die Menschen erkranken. Wenn ich heute auf der Bühne stehe und an einem Abend 3.000 Menschen erreiche, dann ist das inhaltlich gar nicht so viel anderes, als wenn ich etwas den Patienten in einer Klinik für Psychosomatik erzählen würde. Doch dort müsste ich mit jedem einzeln reden, wofür ich einfach viel zu ungeduldig bin. Und wenn mir heute im Fernsehen Millionen Menschen zuhören, dann hätte ich für den gleichen Effekt in der Klinik sehr viele Jahre gebraucht. Insofern habe ich nicht den Beruf gewechselt, sondern nur die Darreichungsform.

Zur Person:

Dr. Eckart von Hirschhausen (Jahrgang 1967) studierte Medizin und Wissenschaftsjournalismus. Seit über 20 Jahren ist er als Komiker, Autor, Moderator, Redner und Impulsgeber unterwegs. Er ist Mitglied von "Scientists for Future", Unterstützer der „Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit“ (KLUG) und hat 2020 die Stiftung „Gesunde Erde –  Gesunde Menschen“ gegründet, um die wissenschaftlichen Grundlagen und den engen Zusammenhang von Klimaschutz und Gesundheitsschutz zu erforschen.