Organspende: Eine einfache Entscheidung?

Welche Gründe es für eine Entscheidung gegen die Organspende geben kann und welche Rolle die öffentliche Diskussion in diesem Zusammenhang spielt, untersuchen Wissenschaftler in Göttingen und Nürnberg seit zwei Jahren.

Organspendeausweis

"Organspende wird als sozial erwünschtes Verhalten dargestellt." | Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Das Projektteam des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) und das Institut für Soziologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen Nürnberg (FAU) interviewte 60 Personen aus ganz Deutschland, die einer Organspende skeptisch gegenüber standen. Darüber hinaus analysierten sie mehr als 80 Plakatmotive deutscher Organspende-Kampagnen der vergangenen 20 Jahre sowie deren moralische Botschaften.

Nach einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung stehen die meisten Deutschen einer Organspende nach dem Tod positiv gegenüber. Dieses konkrete Bereitschaft dokumentieren allerdings nur wenige mit einem eigenen Organspendeausweis. Die Gründe für diese Diskrepanz sind bislang wenig erforscht. In der öffentlichen Diskussion wird der Mangel an Spenderorganen meist auf den fehlenden Spendewillen der Bevölkerung zurückgeführt. „Als Gründe für eine Verweigerung werden dabei vor allem mangelnde Informiertheit oder Misstrauen in das Transplantationssystem vermutet, ohne dass dieser Zusammenhang bisher geprüft worden wäre“, sagt Prof. Dr. Frank Adloff vom Institut für Soziologie der FAU.

"Nein" zur Organspende nicht vorgesehen

Gemeinsam mit Prof. Dr. Frank Adloff und Dr. Larissa Pfaller haben Prof. Dr. Silke Schicktanz und Solveig Lena Hansen vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der UMG deutsche Organspende-Kampagnen analysiert. Das Ergebnis: Obwohl es eine freie Entscheidung ist, an der Organspende teilzunehmen, wird ein "Nein" den Bürgern nicht leicht gemacht. „Organspende wird als sozial erwünschtes Verhalten dargestellt. Es wird suggeriert, eine Entscheidung zur Organspende sei leicht und einfach zu treffen. Bedenken werden hingegen gänzlich ausgeblendet. So fühlen sich die Menschen durch die Kampagnen nicht in erster Linie gut informiert und zu einer tieferen Auseinandersetzung aufgerufen, sondern subtil unter Druck gesetzt. Teilweise werden auch Fehlinformationen gegeben. So versprechen Slogans wie ‚Du bekommst alles von mir, ich auch von Dir?‘, dass es von der eigenen Haltung zur Organspende abhängt, ob man im Notfall selbst ein Organ bekommt“, sagt Prof. Dr. Silke Schicktanz.

Organspendeausweis

Nach den Transplatationsskandalen in den Jahren 2010 und 2011 war die Quote der Organspenden teilweise stark rückläufig. Mittlerweile ebbt dieser Trend aber wieder ab: Im Vergleich 2014 zu 2015 ist die Anzahl der Organspenden sogar leicht gestiegen.

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Die Interviews zeigten auch, dass mangelnde Informationen oder Misstrauen nicht die einzigen Gründe sind, für viele hat die zögerliche bzw. ablehnende Haltung tiefergehende Gründe, wie kulturelle Vorstellungen von Tod und Körperlichkeit. So bezweifelten nicht wenige Befragte, dass der Hirntod mit dem endgültigen Tod des Menschen gleichgesetzt werden kann. Der Hirntod gilt als Voraussetzung für Organspenden. Für viele der Befragten stellt die Entnahme von Organen auch nach diagnostiziertem Hirntod einen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit dar. „Das Unbehagen, das mit einer solchen Vorstellung verbunden ist, kann nicht einfach übergangen oder als irrational abgetan werden“, sagt Schicktanz. „In Kampagnen und der öffentlichen Diskussion werden solche Haltungen jedoch nicht angesprochen. Dabei sind der Schutz des eigenen Lebens und der Wunsch nach einem respektvollen Umgang mit dem eigenen Körper nach dem Tod gute Gründe für eine Entscheidung – auch gegen eine Organspende.“

Quelle: Universität Göttingen