Experte im Gespräch: Prof. Hamelmann über Asthma

Eine Krankheit, mit der es jeder Internist früher oder später zu tun bekommt, ist Asthma bronchiale, eine der häufigsten chronischen Erkrankungen weltweit und besonders bei Kindern und Jugendlichen verbreitet. Prof. Dr. Hamelmann hat viel Erfahrung mit dieser Erkrankung, denn im Jahr 2016 wurden in seiner Kinderklinik die meisten Patienten mit Asthma behandelt.

Prof. Dr. Hamelmann ist Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI) und Autor/Koautor der nationalen Leitlinien zu Asthma (NVL) und Asthmaprävention (AWMF). | Evangelisches Klinikum Bethel Bielefeld

Prof. Hamelmann arbeitet als Chefarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Evangelischen Bethel-Krankenhauses Bielefeld. Im Interview spricht er über die Zukunft der Asthma-Behandlung, zeitgemäße Arbeitsformen und worauf er bei Bewerbern auf ausgeschriebene Stellen achtet. 

Operation Karriere: Asthma ist gerade bei Kindern und Jugendlichen weit verbreitet. Wie kommt es zu dieser Entwicklung?

Prof. Dr. med. Hamelmann: Grundsätzlich sind allergische Erkrankungen in den letzten Jahrzehnten stark angestiegen. Asthma ist eine der häufigsten chronischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Die neueste KIGGS-Studie des Robert-Koch-Instituts zeigt, dass 4 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen 3 und 17 Jahren an Asthma leiden. Wir sind also auf einem hohen Niveau angekommen.

Obwohl auch die Anzahl von stationär aufgenommen Patienten größer wird, ist Asthma eigentlich kein stationäres, sondern ein ambulantes Problem. Wir behandeln Asthma überwiegend im ambulanten Setting. Nur dann, wenn es bei Asthma-Patienten zu schweren Problemen kommt, werden die Patienten stationär aufgenommen. Das ist in der Regel bei Patienten in Kombination mit Infekten der Fall. Bei größeren Kindern kann eine Aufnahme aufgrund einer allergischen Reaktion oder im Rahmen einer Nahrungsmittelallergie plus Asthma auftreten.

Operation Karriere: Welche Maßnahmen werden bei der Behandlung von stationären Asthma-Patienten in Zukunft wichtiger werden?

Prof. Dr. med. Hamelmann: Weit voraus geschaut, in 10 bis 20 Jahren, werden wir Asthma anders behandeln als jetzt. Zukünftig werden wir versuchen, den Asthma-Patienten früher zu phänotypisieren, das heißt festzustellen, was für eine Art Asthma er hat. Ist es ein Asthma aufgrund von Infekten, ist es ein Asthma aufgrund von Allergien oder Übergewicht, usw. Dann werden wir entsprechend dieser Einteilung der Patienten in die verschiedenen Asthma-Untertypen eine gezieltere Therapie auswählen können. Chronisches, schweres Asthma wird im Erwachsenenalter zu einer Limitation der Lungenfunktion führen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit in COPD übergeht. Insofern haben diese Patienten schlechte Aussichten, wenn sie bereits im Kindesalter chronisches Asthma aufweisen. Das müssen wir in Zukunft viel frühzeitiger verhindern.

Als Internist hat man die Möglichkeit, sich zu spezialisieren: zum Beispiel im Bereich der Lungenheilkunde (Pneumologie). Welche Fähigkeiten muss man nachweisen, um zum Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie zu werden?

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Operation Karriere: Sie leiten eine sehr große Kinderklinik und in ihrem ärztlichen Team gibt es auch junge Ärztinnen und Ärzte, die auf dem Arbeitsmarkt derzeit sehr umworben werden. Im Vorfeld des 121. Deutschen Ärztetags hat Prof. Dr. med. Jakob R. Izbicki, Direktor der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, mit folgender Aussage die rund 200 jungen und zuhörenden Ärzte provoziert: „Ein guter Chirurg zu sein ist nicht mit Familie vereinbar.“ Wie bewerten Sie dieses Zitat?

Prof. Dr. med. Hamelmann: Dieses Zitat passt nicht nur zur Chirurgie. Wenn Sie an der Klinik arbeiten, ist es immer schwierig, Familie und Beruf zusammen zu bringen. Das ist eine der großen Herausforderungen, der wir uns in den nächsten Jahren und Jahrzehnten stellen müssen. Die Medizin wird immer weiblicher. Wir haben eine hohe Anzahl an Medizinstudentinnen. Zudem haben wir in der Pädiatrie eine sehr hohe Anzahl an Ärztinnen. Die Kolleginnen haben Kinder und darüber sind wir auch sehr glücklich und es ist verständlich, dass sie dann nicht immer in Vollzeit arbeiten wollen. Aber im Moment haben wir nicht die geeigneten Modelle, um diese Ärztinnen an der Klinik zu halten. Ärztinnen mit Kindern verlassen zu früh die Krankenhäuser, weil hier keine Dienstmodelle angeboten werden, die eine Zukunft bieten. Ich glaube, neue Dienstmodelle zu erarbeiten ist eine Aufgabe und Herausforderung, die wir angehen müssen.

Operation Karriere: In Bielefeld am Klinikum bieten Sie also keine Teilzeitstellen an?

Prof. Dr. med. Hamelmann: Doch, natürlich machen wir das. Wir bieten im Moment für Teilzeitkräfte Wochenmodelle an. Man hat eine Woche Dienst in Vollzeit und danach eine Woche frei.

Operation Karriere: Worauf achten Sie beim Bewerbungsgespräch für neu zu besetzende Stellen? Was ist ein Ausschlusskriterium?

Prof. Dr. med. Hamelmann: Wichtig ist, dass die Bewerberin die eigene Motivationslage gut erklären kann. Warum bewerbe ich mich für dieses Fach? Da will ich in der Pädiatrie nicht hören: „Weil ich Kinder liebe!“, das ist mir zu wenig. Es muss eine fachspezifische Motivation herauskommen. Dann möchte ich wissen: Warum bewerbe ich mich für dieses spezielle Haus? Warum habe ich mich in Bielefeld beworben? Mir ist klar, dass Bielefeld nicht die Stadt ist, wo alle hinziehen wollen; aber wir haben hier eine sehr gut aufgestellte Kinderklinik und ein sehr großes, modernes Klinikum, die beide sehr attraktiv sind. Man will verstehen: Warum bewirbst du dich bei uns? Dann ist interessant bei Bewerbern: Sie sollen einen nachvollziehbaren Lebenslauf haben mit nicht zu vielen Lücken und Ausreißern. Sie dürfen sehr gerne Auslandserfahrungen oder andere Nachweise von besonderer Motivation oder Engagement haben. Gut ist nach wie vor eine abgeschlossene Doktorarbeit, auch weil die Universität Bielefeld anstrebt, eine medizinische Fakultät aufzubauen und, klar, die Examensnoten sollten nicht ganz schlecht sein. Aber letztendlich ist die persönliche Vorstellung das Entscheidende. Wenn die gut verlaufen ist, biete ich immer eine zweitätige Hospitation an, so dass man sieht, ob es für beide Seiten passt. 

Herr Prof. Dr. Hamelmann, vielen Dank für das Gespräch!