Experte im Gespräch: Palliativmediziner Dr. Matthias Gockel über den Umgang mit dem Tod

Das Thema Sterben wird in unserer Gesellschaft häufig verdrängt, obwohl der Tod eigentlich ein natürlicher Bestandteil des Lebens ist. Der Palliativmediziner Dr. Matthias Gockel hat ein Buch darüber geschrieben, warum wir einen anderen Umgang mit dem Tod brauchen – und was das konkret für die Medizin bedeutet.

Dr. Matthias Gockel ist Palliativmediziner und Autor des Buches "Sterben Sterben – warum wir einen anderen Umgang mit dem Tod brauchen" | © Claudia Burger

Herr Dr. Gockel, was hat Sie dazu motiviert, ein Buch mit dem Titel „Sterben“ zu schreiben?

Dr. Matthias Gockel: Das war vor allem das Drängen von Freunden, „endlich das ganze Wissen mal aufzuschreiben“. Ich hatte schon länger den Eindruck, dass der Tod auch innerhalb der Medizin ein Tabu ist. Beim Tod meiner Schwiegermutter habe ich dann aus der Perspektive des Angehörigen erlebt, dass ich damit nicht ganz falsch liege. Im Freundeskreis gab es ähnliche Geschichten, das war dann der Auslöser, dieses Buch zu schreiben.

Warum scheuen wir Menschen uns so sehr, über den Tod zu sprechen?

Dr. Matthias Gockel: Ich bin Arzt, kein Philosoph oder Psychologe, von daher ist es nur eine Beobachtung eines „Laien“: Ich glaube, es ist die Unvorstellbarkeit der eigenen Nichtexistenz und das Verdrängen, wieviel in unserem Leben fremdbestimmt ist und gar nicht von uns selbst kontrolliert wird. Und dieses ungute Gefühl verleitet dann dazu, das ganze Thema möglichst weit wegzuschieben.

Gerade Mediziner sind ja noch viel stärker mit dem Tod und der Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens konfrontiert – trotzdem haben Sie eben schon gesagt, dass der Tod auch innerhalb der Medizin ein Tabu ist. Wie erleben Sie Ihre Kollegen im Umgang mit dem Thema Tod und Sterben?

Dr. Matthias Gockel: Das ist sicher hoch individuell und von Arzt zu Arzt unterschiedlich. Aber ich habe vor Jahren bei einem Vortrag mal beiläufig erwähnt, dass wir Ärzte letztlich ja auch nur eine Diagnose von der Verwandlung in einen Patienten entfernt sind. Und ich war überrascht, wie erschrocken ein nicht unerheblicher Teil der zuhörenden Mediziner auf diese banale Selbstverständlichkeit reagiert hat, als wäre ihnen dieser erschreckende Gedanke noch nie gekommen. Das stimmt ja vielleicht sogar. Ich habe keine Zahlen dazu, aber ich denke, dass die Entscheidung, in die Medizin zu gehen, überdurchschnittlich oft auch etwas mit der Abwehr von Tod und Leiden zu tun hat.

Welche Art von Umgang mit dem Tod wünschen Sie sich? Von anderen Ärzten, aber auch in der Gesellschaft?

Dr. Matthias Gockel: Das ist etwas paradox: Einerseits wünsche ich mir einen selbstverständlicheren Umgang, gleichzeitig aber auch eine Wertschätzung, wie existentiell bedrohlich der Tod auf uns wirkt. Er ist eben genauso banal wie unvorstellbar. Und ich sehe eben da, wo Gespräche offen darüber stattfinden, oft eine Erleichterung, ein Gefühl von Verbundenheit. Spätestens in der Medizin, wo der Tod viel häufiger und wahrscheinlicher ist, würde ich mir wünschen, dass Ärzte viel selbstverständlicher darüber reden, statt es zu verharmlosen.

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Wird der Umgang mit dem Tod aus Ihrer Sicht im Medizinstudium in ausreichendem Umfang thematisiert?

Dr. Matthias Gockel: Ich bin jetzt schon ein paar Jahre aus dem Studium raus, aber wenn ich mit jungen Kollegen rede, habe ich das Gefühl: Da ist noch Luft nach oben. Inzwischen wird die Palliativmedizin verpflichtend gelehrt. Das ist ein gewaltiger Fortschritt, aber ich glaube, was generell fehlt, ist die subjektive Seite. In vielen anderen therapeutischen Berufen gibt es in der Ausbildung verpflichtende Selbsterfahrung, Supervision, Hinterfragung und Reflektion der eigenen Person und Motive – beispielsweise bei Psychotherapeuten. Nur in der Medizin, dem Bereich, der am invasivsten behandelt, und wo es ganz elementar um Leben, Tod und die Art und den Ort des Sterbens geht, da findet das nicht statt.

Sie geben selbst Workshops für Studierende und junge Ärzte, aber auch für medizinische Laien. Was wollen Sie den Teilnehmern vermitteln und wie gehen Sie dabei vor?

Dr. Matthias Gockel: Ich möchte vor allem anstoßen, dass wir eben nicht nur rationale Wesen sind, die nur mit dem Kopf entscheiden. Unsere ganz eigenen Ängste beeinflussen unser Handeln viel mehr, als wir denken. In meinen Workshops geht es mir darum, direkte Erfahrungen mit diesen Gefühlen zu machen. Durch einen befreundeten Choreographen habe ich gelernt, wie intensiv und unerwartet das unmittelbare Körperempfinden beim Lernen helfen kann – das habe ich in meine Workshops einfließen lassen. Dazu kommen Aspekte, die ich selbst in Palliativ Care-Kursen gelernt habe. So gibt es zum Beispiel Übungen, bei denen man sich symbolisch, aber unmittelbar körperlich von liebgewonnenen Dingen trennen muss oder Abschied nehmen muss, ohne alles gesagt zu haben. Es geht um die Erfahrung, als Letzter übrigzubleiben oder auch andere nach ihrer Vorstellung von ihrem Tod zu befragen. Die Rückmeldungen, gerade von Studierenden, zeigen mir, dass das oft langfristiges Nachdenken auslöst.

Warum sind Sie Palliativmediziner geworden?

Dr. Matthias Gockel: Gute Frage, eigentlich wollte ich ja Landwirt werden. Aber für Agrarwissenschaften hätte ich ein Jahr aufs Land gemusst. Das hat mich direkt nach 18 Monaten Schichtdienst im Zivildienst zu sehr abgeschreckt. Deshalb habe ich Medizin studiert. Durch Zufall lernte ich die Palliativmedizin kennen, war begeistert und blieb. Davon haben mir vorher alle abgeraten – und jetzt ist die Palliativmedizin ein Fachgebiet, das in der Medizin immer wichtiger wird. Vielleicht ein Hinweis, dass es auch in Zeiten von Karriereoptimierung gut sein kann, auf sein Gefühl und Berufung zu hören.

Was kann die Palliativmedizin für Menschen am Ende ihres Lebens tun?

Dr. Matthias Gockel: Sie kann und muss an erster Stelle dafür sorgen, dass die körperlichen Beschwerden so behandelt und gelindert werden, dass für die sozialen, psychischen und spirituellen Aspekte des Lebensendes überhaupt Kraft und Reserven da sind. Wenn Sie vor Schmerzen nicht schlafen, vor Luftnot keinen Gedanken ohne Panik treffen können, dann können Sie auch nicht Abschied nehmen. Das macht die Arbeit auf einer Palliativstation gelegentlich paradox und belastend. Ich erlebe immer wieder Menschen, die so starke Symptome haben, dass sie nur noch sterben wollen, damit es aufhört und ein Ende hat. Eine gute palliativmedizinische Versorgung kann dann zur Folge haben, dass dem Tod wieder mit Angst und Trauer begegnet wird, weil das Leben jetzt wieder lebenswert erscheint.

Sie erleben Patienten und Angehörige in extremen Situationen. Wie gehen Sie selbst damit um?

Dr. Matthias Gockel: Ein befreundeter Chirurg hat mich das auch einmal gefragt, wie ich mit der „Frustration umgehe, dass fast alle meine Patienten sterben“. Meine Antwort war, dass ich denke, dass mindestens 95 Prozent der Patienten, die ich betreue, am Ende „besser“, also weniger leidend gestorben sind, als wenn ich nicht da gewesen wäre. Das gibt mir eine gewisse Befriedigung und Sinn in meinem Tun. Auf die Frage, wie viele seiner „kurativ intendiert“ operierten Krebspatienten er denn langfristig geheilt hat, wurde er sehr nachdenklich. Ich glaube, wir brauchen in unserem Leben Sinn, um zufrieden und glücklich zu sein. Und diese Sinnfindung ist ein aktiver Prozess – das sind die Geschichten, die wir uns über unser Leben erzählen.

Was sollten junge Mediziner aus Ihrer Sicht mitbringen, wenn Sie Palliativmediziner werden wollen?

Dr. Matthias Gockel: Ich glaube, sie sollten sich über ihre Motive im Klaren sein und sich dabei auch durchaus Hilfe suchen. Das gilt für eigentlich jeden Bereich der Medizin, aber gerade die Palliativmedizin berührt die eigenen Ängste stärker und ist dadurch emotional fordernder als andere Fachgebiete. Dadurch, dass die Palliativmedizin aktuell eine Zusatzbezeichnung ist, müssen junge Mediziner zunächst ihren Facharzt in einem anderen Bereich machen. Das sehe ich auf der individuellen Ebene sehr positiv. Auf diesem Weg ist Palliativmedizin keine Einbahnstraße, die man nur unter dem Opfer des „von vorne Anfangens“ aufgeben kann. Denn das ist das Zweite, was es braucht: Das Wissen, dass es für jeden ein „zu viel Tod, zu viel Leid“ gibt und es dann sinnvoll sein kann und möglich sein muss, auch wieder etwas anderes zu tun. Bei einigen kommt der Punkt nach ein paar Monaten, bei anderen nach ein paar Jahren, aber er kommt oft. Und diesen Moment zu erkennen, ist eine Kompetenz und kein Zeichen von Scheitern – genauso wenig, wie der Tod eines Patienten ein Scheitern ist.

Buchtipp:

Matthias Gockel: Sterben – warum wir einen anderen Umgang mit dem Tod brauchen
© Piper Verlag GmbH, München, 2019
272 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-8270-1354-5
Preis: 22,00 Euro