Erfahrungsbericht: Forschungsaufenthalt in Boston

Den Blickwinkel verändern, ein wenig Frischluft schnuppern und neue Ideen für den weiteren Karriereweg gewinnen – das, und noch viel mehr, kann ein Forschungsaufenthalt im Ausland alles bewirken. PD Dr. Vinodh Kakkassery aus Rostock teilt seine Erfahrungen und gibt Karger Kompass im Interview einen spannenden Einblick.

Ein Auslandsaufenthalt ist sicher für neugierige Menschen und für die, die noch Antworten im Leben suchen, eine absolute Bereicherung. | CC0 Creative Commons, Skyline Boston

Herr Dr. Kakkassery, was hat Sie dazu bewogen, ihre Forschung im Ausland fortzusetzen?

Meine Promotionsarbeit habe ich in einem experimentellen Labor in einer Augenklinik in Deutschland durchgeführt. Der Beginn war einfach ein Sprung ins kalte Wasser mit wenig Vorwissen. Ich habe dort einen Assistenzarzt kennengelernt, der zwei Jahre in England im Forschungslabor verbracht hat. Das war ein anderes Niveau, der konnte mit den gestandenen Leuten im Labor diskutieren. Mir war klar, dass man während eines Forschungsaufenthalts schneller und qualitativ hochwertiger lernt. Das hat einen unheimlichen Reiz auf mich ausgeübt. Ich wollte ins Ausland.

Beschreiben Sie, wie Sie den Aufenthalt im Ausland vorbereitet haben.

Der Bewerbungsverlauf war sicher ein wenig untypisch. Eine Arbeitskollegin aus der Klinik in Berlin hat mich ihrem «alten» Labor empfohlen – dann habe ich lange nichts mehr gehört. Aber drei Wochen vor Weihnachten erhielt ich von meiner zukünftigen Chefin eine E-Mail, dass sie mich gerne kennenlernen würde, aber im Sommer erst wieder in Europa wäre. Deswegen bin ich in den fast nächsten Flieger gestiegen und habe mich vorgestellt. Das hat wohl Eindruck gemacht. Außerdem hat es auch menschlich gepasst.
Das Labor hatte die Möglichkeit meine Position zu finanzieren. Auch die Anträge für das Visum sowie die Arbeitserlaubnis sind von der Personalabteilung des Instituts koordiniert worden. Da viele ausländische Postdocs in Boston und im Institut tätig sind, lief das sehr routiniert ab. Der Name Harvard hat da vieles auch leichter gemacht. Insgesamt bin ich eineinhalb Jahre in Boston gewesen.
Eine Unterkunft für die ersten zwei Wochen hatte ich bei dem Bruder eines Schulfreundes sicher. Der Rest wurde vor Ort jeden Tag neu organisiert. Im Flieger nach Boston habe ich mir schon Gedanken darübergemacht, was ich mir da schon wieder eingebrockt habe…

Was waren Ihre Erwartungen für Ihre Zeit in Boston und wurden diese erfüllt?

Ich wollte mich als Wissenschaftler und als Mensch weiterentwickeln und ich wollte auch stolz auf mich sein. Als Wissenschaftler habe ich verschiedene neue molekularbiologische Methoden gelernt und war in der Lage beim Versuchsaufbau die Strukturen weiter zu verbessern. Ebenso konnte ich nach dem Aufenthalt Forschungsprojekte planen, durchführen und die Ergebnisse analysieren und bewerten. Und ich habe publiziert – das hätte allerdings mehr sein dürfen.
Als Mensch war die Zeit eine absolute Bereicherung. Ich habe einen neuen Blickwinkel erhalten und war danach besser in der Lage, Systeme zu bewerten und Abläufe und Ereignisse in der Karriere einzuordnen und zu verstehen.

Wie unterscheidet sich die Arbeit in den USA von den Gegebenheiten in Deutschland?

Da ich in Deutschland hauptsächlich in der Klinik tätig war und nur nebenbei geforscht habe, in Boston dagegen die Forschung im Mittelpunkt stand, ist beides nicht wirklich miteinander zu vergleichen. Die Zeit in Boston hat mir sehr viel Spaß bereitet und die Fokussierung auf die Forschung war der wesentliche Unterschied, die einfach wertvoll für meine Entwicklung war.

Was hat Sie am meisten während Ihres USA-Aufenthalts herausgefordert?

Sicherlich im ersten halben Jahr eine gewisse Einsamkeit, da man sich in einem fremden Land mit einer relativ ungewohnten Sprache erstmal zurechtfinden und Leute kennenlernen muss. Außerdem das tägliche ungewohnte Leben an sich sowie die kulturellen Unterschiede, die sich im Umgang mit Menschen beruflich und auch privat gezeigt haben.

Was haben Sie aus dem Auslandsaufenthalt für Ihre jetzige Arbeit an der Augenklinik in Rostock mitnehmen können?

Das eigenständige Denken und der Wunsch zu gestalten sind mir in Boston «eingepflanzt» worden. Ebenso bin ich als Wissenschaftler «geschliffen» worden und habe mich da zu einer autarken Person entwickelt. Auch neue Arbeitsumfelder zu erfassen und zu verstehen ist eine während des Auslandsaufenthalts erlernte Eigenschaft, die immer hilft.

Würden Sie Ihren Kollegen einen Auslandsaufenthalt empfehlen? Wenn ja, warum?

Die Chance, sich menschlich weiterzuentwickeln, ist einfach sensationell. Sehr wichtig ist, dass man sich parallel dazu beruflich entfaltet. Ein Auslandsaufenthalt ist sicher für neugierige Menschen und die, die noch Antworten im Leben suchen, eine absolute Bereicherung.

Welche Empfehlungen würden Sie jemandem mit auf den Weg geben, der sich für einen Auslandsaufenthalt interessiert?

Sich zu trauen und sich auf seinen Instinkt zu verlassen. Und sich in schwierigen Situationen an dem roten Faden im Leben orientieren, den man von seinen Eltern mitbekommen hat.

Wir danken Ihnen herzlich für das Interview!

Kontaktadresse: PD Dr. Vinodh Kakkassery, Klinik und Poliklinik für Augenheilkunde, Universitätsmedizin Rostock, Doberaner Straße 140, 18057 Rostock, vinodh.kakkassery@gmail.com.

PD Dr. Vinodh Kakkassery arbeitet heute als Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Augenheilkunde in Rostock. Seine Weiterbildung zum Facharzt für Augenheilkunde leistete er am Zentrum für Augenheilkunde des Universitätsklinikums Essen ab. Neben dem Postdoctoral Fellowship am Schepens Eye Research Institute an der Harvard Medical School, Boston, USA sammelte PD Dr. Kakkassery als Schiffsarzt auf dem Toppsegelschoner «Thor Heyerdahl» weitere Auslandserfahrungen. Während all dieser Schritte auf seinem Lebensweg konnte er sich immer auf die Unterstützung und weisen Rat seiner Eltern verlassen.

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