Eine wachsende Herausforderung: Demenz als Nebendiagnose

Zwei von fünf älteren Allgemeinkrankenhauspatienten sind von kognitiven Störungen betroffen. Bei schweren Beeinträchtigungen wie Demenz und Delir besteht häufig ein besonderer Betreuungsbedarf. Wie lässt sich die Versorgung dieser Patienten verbessern?

Demente Patienten stellen Ärzte und Pflegekräfte vor besondere Herausforderungen. | Ocskay Bence - stock.adobe.com

Im Jahr 2016 wurden in Deutschland 8,56 Millionen ältere Patienten stationär in allgemeinen Fachabteilungen behandelt. Das entspricht einem Anteil von 44,7 Prozent der Behandelten aller Altersstufen. Der Klinikaufenthalt der mindestens 65-Jährigen war weitaus länger als der Aufenthalt der jüngeren Patienten (8,1 Tage versus 4,9 Tage), sodass sie 57,1 Prozent der Behandlungstage in Anspruch nahmen. Damit machten sie die Mehrheit der zu versorgenden Patienten aus.

Nicht wenige der älteren, stationär aufgenommenen Patienten mit körperlichen Erkrankungen leiden zugleich an einer Demenz und verwandten kognitiven Störungen. Wie viele Patienten von diesen Störungen betroffen sind, lässt sich gegenwärtig jedoch nicht genau beziffern. Bisherige Studien waren aufgrund methodischer Unterschiede kaum miteinander vergleichbar, beruhten überwiegend auf kleinen, nicht repräsentativen Stichproben und kamen zu stark divergierenden Prävalenzschätzungen, die für die demenzspezifische Versorgungsplanung nur eingeschränkt brauchbar sind.

Klinikaufenthalt ist für Betroffene besonders belastend

Der Klinikaufenthalt kann für Betroffene mit komorbider Demenz sehr belastend und mit Komplikationen verbunden sein. Häufig kommt es zu einem beschleunigten Verlust kognitiver und funktioneller Kompetenzen. Das Risiko für Institutionalisierung und Mortalität ist bei Demenzkranken ungefähr doppelt so hoch wie das kognitiv nicht beeinträchtigter Patienten. Die unzureichenden Kenntnisse über Häufigkeit und Verteilung kognitiver Störungen stehen einer verbesserten und den besonderen Versorgungsbedürfnissen der Patienten angemessenen Betreuung im Krankenhaus entgegen.

Ziel der vorliegenden Studie war es, die Punktprävalenz von komorbiden kognitiven Störungen und Demenz anhand einer repräsentativen Stichprobe von 65-jährigen und älteren Allgemeinkrankenhauspatienten zu ermitteln. Zudem sollte die Verteilung der Demenzen nach demografischen Merkmalen, medizinischen Fachbereichen und Behandlungsanlässen beschrieben werden. In Baden-Württemberg und Bayern wurden Allgemeinkrankenhäuser und zugehörige Stationen per Zufallsverfahren ausgelost.

Das Alter der untersuchten Patienten reichte von 65 bis 105 Jahren, im Mittel lag es bei 78,6 Jahren (s = 7,4). Etwas mehr als die Hälfte der Teilnehmer waren Frauen (53,8 Prozent). Die meisten Patienten wurden auf Stationen der Inneren Medizin behandelt (50,2 Prozent), gefolgt von der Unfallchirurgie (20,1 Prozent), der Allgemeinchirurgie (17,0 Prozent) und sonstigen Fachbereichen wie Orthopädie, Urologie, Gynäkologie und HNO mit Anteilen von jeweils weniger als 4 Prozent. Ein Drittel der Patienten war zum Zeitpunkt der Untersuchung seit bis zu zwei Tagen im Krankenhaus, ein Drittel seit drei bis sieben Tagen und ein weiteres Drittel seit acht oder mehr Tagen. Der Median der vorangegangen Aufenthaltsdauer lag bei fünf Tagen.

Heneka

Prof. Heneka ist seit 2010 leitender Neurologe des Klinischen Behandlungs- und Forschungszentrums (KBFZ) für neurodegenerative Erkrankungen am Uniklinikum Bonn. Im Interview spricht er über Demenz und verrät, auf welche Prüfungsfrage zur Alzheimererkrankung man sich in der Examensprüfung vorbereiten sollte.

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Insgesamt 60 Prozent der Patienten wurde mit Hilfe der fünfstufigen Clinical Dementia Rating Scale (CDR) als kognitiv nicht beeinträchtigt eingeschätzt, die restlichen 40 Prozent waren zu gleichen Teilen von einer leichten (CDR = 0,5) oder einer schwereren kognitiven Beeinträchtigung betroffen. [...]

Die Heimbewohner und Pflegebedürftigen gehörten zu den Patientengruppen, die am häufigsten von einer Demenz betroffen waren. Von den Heimbewohnern unter den Patienten litten 67,2 Prozent an einer Demenz, von den Patienten mit einer Pflegestufe 43,7 Prozent. Der Fachbereich mit der höchsten Demenzprävalenz war die Innere Medizin mit 21,3 Prozent, gefolgt von der Unfallchirurgie mit 19,7 Prozent. Deutlich geringer waren die Anteile in der Allgemeinchirurgie und den restlichen Disziplinen, in denen sie knapp über 12 Prozent lagen. Alter, Schulbildung, Wohnform und Hilfsbedarf waren mit Demenz assoziiert. Betroffen waren vor allem Patienten, die mehr als 80 Jahre alt oder pflegebedürftig waren, einen niedrigen Schulabschluss hatten, zusammen mit betreuenden Angehörigen beziehungsweise Pflegepersonen oder in einem Seniorenheim lebten. Geschlecht und Familienstand standen mit Demenzen nicht im Zusammenhang.

Der klinische Aspekt

Komorbide Demenzen stellen für die Betroffenen selbst, ihre Angehörigen sowie das Klinikpersonal und die Mitpatienten eine erhebliche Belastung dar. Ein erhöhter Betreuungs- und Kostenaufwand ist die Regel. Es besteht die Gefahr schwerwiegender sekundärer Gesundheitsschädigungen. Zugleich sind die Krankenhäuser nur unzureichend auf die besonderen Anforderungen der wachsenden Zahl von Patienten mit Demenz vorbereitet. Aus Leitlinien und Modellprojekten lassen sich folgende Empfehlungen für eine verbesserte stationäre Versorgung der betroffenen Patienten ableiten:

● Identifikation kognitiver Störungen bei Aufnahme im Krankenhaus und im Behandlungsverlauf mittels geeigneter Screeninginstrumente
● Einsatz von Informationsbögen, die Auskunft über Gewohnheiten, Kompetenzeinschränkungen und verbliebene Fähigkeiten der Patienten geben
● Schulung des ärztlichen und pflegerischen Personals zum Krankheitsbild der Demenz, zur Kontaktaufnahme und angemessenen Kommunikation, auch bei herausforderndem Verhalten
● Etablieren von Programmen zur Delirprävention (zum Beispiel Hospital Elder Life Program) , die von Fachpflegekräften durchgeführt werden können; verbessertes Schlaf-, Schmerz- und Medikamentenmanagement; Sicherstellen ausreichender
Ernährung und Flüssigkeitsaufnahme
● Vermindern von Angst und Desorientiertsein durch orientierungsfördernde Maßnahmen (Uhrzeit- , Ortsangabe, Verfügbarkeit persönlicher Gegenstände wie Brille oder Hörgerät), Strukturieren des Tagesablaufs, persönliches Zuwenden und kontinuierliches Betreuen durch Patientenbegleiter, Schulung von ehrenamtlichen Helfern, Einbinden von Angehörigen (Rooming-in), Schaffen einer vertraut wirkenden, nicht bedrohlichen Umgebung
● Ausbilden und Ernennen von Demenzbeauftragten, verstärkter Einsatz von gerontopsychiatrischen Fachkräften und gerontopsychiatrischen Liaisondiensten, Einrichten von interdisziplinären Stationen für Demenzkranke (an verändertes Erleben
und individuellen Tagesrhythmus angepasste Abläufe, demenzfreundliches Gestalten der Umgebung, gerontopsychiatrisch geschultes Personal)

Gekürzte Fassung. Langfassung, Literatur, eGrafiken, eMethodenteil, eTabellen im Internet: www.aerzteblatt.de/18m0733
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