Die Welt zu Gast in deutschen Kliniken

Bei dem Schlagwort "Auslandspatient" denken manche an den reichen Scheich, der sich in die Luxussuite eines Klinikums eingebucht hat. Dabei kommen die meisten ausländischen Patienten aus unseren Nachbarländern. Interview mit dem Experten für Medizintourismus Jens Juszczak.

Die meisten ausländischen Patienten kommen aus Polen. | Hochschule Bonn-Rhein-Sieg

"Die Welt zu Gast bei Freunden", das war das Motto der WM 2006 in Deutschland. Die Fans sind nun zwar nach Russland weitergezogen, um bei der dortigen Fußballweltmeisterschaft ihre Nationalteams anzufeuern, aber ausländische Patienten kommen noch immer in großer Anzahl nach Deutschland. Denn die deutsche Medizin hat weltweit einen ausgezeichneten Ruf. Jens Jusczak beschäftigt sich als Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg seit vielen Jahren mit Medizintourismus. Wir sprachen mit ihm über ausländische Patienten, unseriöse Patientenvermittler und häufig nachgefragte Behandlungen. 

Operation Karriere: Als Medizintouristen bezeichnet man Gäste aus dem Ausland, die nach Deutschland kommen, um sich hier behandeln zu lassen. Wie viele ausländische Patienten kommen pro Jahr?

Jens Juszczak: Die Zahl von Patienten aus dem Ausland in Deutschland liegt stationär bei etwa 101.000 und ambulant bei ungefähr 151.000 Patienten. Lange Zeit hatten wir einen Positivtrend von jährlich mehreren Prozent. In diesem und im nächsten Jahr gehen wir von einem Nullwachstum oder gar einem leichten Rückgang aus. Man muss bei den Patientenzahlen allerdings zwischen geplanten und ungeplanten Krankenhausaufenthalten unterscheiden. Auch ausländische Gäste, die während eines Urlaubs oder auf der Durchreise verunglücken oder erkranken, werden statistisch als ausländische Patienten erfasst. 

Patienten aus dem Ausland müssen betreut werden. Die Befunde müssen an das Klinikum verschickt werden, der Flug muss gebucht werden und in Deutschland müssen die Arzt-Patienten-Gespräche übersetzt werden. Die Betreuung übernehmen zum Teil Patientendienstleister, also Agenturen oder Einzelpersonen, die sich auf die Betreuung von Patienten aus einem bestimmten Kulturkreis spezialisiert haben. Diese Patientenbetreuer stehen vielfach in der Kritik. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk, in dem auch Sie zu Wort kommen, schätzt ein russischsprachiger Patientenvermittler, dass 80 bis 90 Prozent der Vermittler unseriös sind. Wieso gibt es hier so viele schwarze Schafe?

Jens Juszczak: Eine Patientenvermittlung gegen Entgelt ist seit vielen Jahren gesetzlich untersagt, nur das Erbringen patientennaher Dienstleistungen wie das Dolmetschen oder die Betreuung ist rechtlich möglich. Problematisch sind in diesem Geschäftsfeld das Hoffen auf das schnelle Geld und die fehlenden Kenntnisse über das deutsche Gesundheitssystem, die Medizin und die Prozesse im Krankenhaus oder das Abrechnungssystem. Es gibt keinerlei Vorgaben, jeder kann als Patientenbetreuer tätig werden. Häufig ist ein mehrjähriger Aufenthalt in Deutschland das einzige Kriterium, das derjenige vorweisen kann. Es fehlt vor allem an staatlicher Regulierung und Kontrolle in diesem Bereich, wie der Skandal um das Klinikum Stuttgart zeigt.

Nun kann man sich als ausländischer Patient ja auch an die International Unit (IU) eines Klinikums wenden, denn hier wird zum Teil ebenfalls das Versorgungsgesamtpaket von der Visa-Beantragung bis zum Shuttle-Service angeboten. Aber wie der Fall des Stuttgarter Klinikums zeigt, wird auch von Krankenhäusern z.T. Misswirtschaft betrieben. Der ehemalige Leiter der International Unit des Klinikums, Andreas Braun, sitzt inzwischen in Untersuchungshaft. Es besteht der Verdacht, dass u.a. bei der Behandlung von 371 libyschen Kriegsversehrten im Jahr 2012 Gelder veruntreut wurden, weil für vergleichsweise einfache Behandlungen astronomische Summen abgerechnet wurden. Wie war es überhaupt möglich, dass hier ganz andere Kosten in Rechnung gestellt wurden als für deutsche Patienten?

Jens Juszczak: Nur wenige internationale Abteilungen bieten solche Servicepakete wie in Stuttgart an. Eine Vielzahl von rechtlichen und steuerlichen Gründen spricht dagegen. Das Thema der Leistungsabrechnungen ist in Deutschland eindeutig durch das Krankenhausentgeltgesetz geregelt. Hier steht in § 8 Absatz 1 Satz 1, dass man bei Patienten nicht nach der Herkunft unterscheiden darf. Der ausländische Patient muss folglich genauso abgerechnet werden wie der deutsche Patient. Wie zusätzlich erbrachte Aufwendungen abgerechnet werden sollen, hat der Gesetzgeber allerdings nicht geregelt. Daher werden diese oftmals über Pauschalen oder eine erhöhte Baserate und GOÄ-Steigerungsfaktoren dem Auslandspatienten in Rechnung gestellt. Dies war wohl auch in Stuttgart so. Allerdings geht die Höhe der gestellten Rechnungen in den von uns geprüften Fällen oft weit über ein nachvollziehbares Maß hinaus. 

Mit ausländischen Patienten kommen Menschen mit anderen kulturellen Vorstellungen und Werthaltungen in die Klinik. Gibt es bestimmte Herausforderungen für Ärzte, von denen Ihnen immer wieder berichtet wird?

Jens Juszczak: Je nachdem, aus welchen Kulturkreisen die Patienten kommen, gibt es viel zu beachten. Anzuführen sind andere Ernährungsgewohnheiten, religiöse Besonderheiten oder bestimmte Kommunikations- und Verhaltensmuster. Insbesondere die Kommunikation mit dem Patienten oder dessen Angehörigen erfordern sehr viel Zeit und Geduld vom Arzt. Beispielsweise ist ein Arzt in Deutschland gesetzlich verpflichtet, sicherzustellen, dass die Patientin oder der Patient den medizinischen Eingriff und dessen mögliche Risiken versteht. Bei arabischen Familien muss dies zusätzlich alles noch mit dem Familienoberhaupt besprochen werden. Die bilateralen Übersetzungen verlängern die Gesprächsdauer im Vergleich zu deutschen Patienten noch einmal deutlich. 

All dies sind Anforderungen, die in dem ohnehin sehr eng getakteten Arbeitstag eines Arztes nicht geleistet werden können. 

Jens Juszczak: Patienten aus dem Ausland werden nur angenommen, wenn die Klinik auch die Kapazitäten dafür zur Verfügung stellen kann. Zudem unterstützen klinikeigene Patientenbetreuer und Fallmanager die Ärzte. So hat z.B. Vivantes International Medicine ein rund 30-köpfiges Team, das nur für Patienten aus dem Ausland zuständig ist. Deren Serviceleistungen sind zudem durch den TÜV-Rheinland nach einem speziellen Medizintourismusstandard zertifiziert

Die Ärzte welcher Fachrichtungen sind im Medizintourismus besonders gefragt? Gibt es Eingriffe, die bei einer bestimmten Patientengruppe häufig durchgeführt werden?

Jens Juszczak: Patienten aus den Golfstaaten reisen häufig aufgrund von Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes nach Deutschland, die durch Fehlernährung und wenig Bewegung verursacht wurden. Patienten aus dem GUS-Raum interessieren sich oft für die Behandlung von Tumorerkrankungen, die in den Heimatländern oft nur eingeschränkt behandelt werden können. Aber auch andere Fachbereiche wie Orthopädie, Kardiologie, Neurologie, Augenheilkunde, Unfallchirurgie oder Pädiatrie werden nachgefragt. 

Herr Juszczak, vielen Dank für das Interview!