Büro statt OP: Als Ärztin beim ADAC

Dr. Anja Theisen arbeitet im medizinischen Ambulanz-Service der ADAC-Zentrale in München. Das bedeutet: Büro statt OP-Tisch. Per Telefon sowie durch Auswertung medizinischer Befunde via E-Mail checkt sie die Qualität der Behandlung von ADAC Mitgliedern im Ausland und organisiert deren Rückholung. Das sei auch aus der Ferne nah am Menschen und abwechslungsreich, sagt sie. Hinzu kommt: In aller Regel kann man nach achteinhalb Stunden den Dienst meist guten Gewissens beenden.

Dr. Anja Theisen arbeitet im medizinischen Ambulanz-Service der ADAC-Zentrale in München. | ADAC

Frau Dr. Theisen, warum sind Sie zum ADAC gegangen?

Dr. Anja Theisen: Ich mag die Abwechslung. Und hier komme ich, im Gegensatz zur Arbeit in der Klinik, mit allen medizinischen Disziplinen in Berührung, von Gynäkologie über Pädiatrie bis zur Augenheilkunde oder Verbrennungen. Außerdem sind wir weltweit tätig. Das heißt, ich muss die beste medizinische Lösung für „meine“ Patienten finden – und zwar vor dem Hintergrund der verschiedenen Medizinsysteme, die sich von Land zu Land stark unterscheiden. Ein weiterer Vorteil sind die flexiblen Arbeitszeitmodelle, die eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen.

Was genau sind Ihre Aufgaben beim ADAC?

Dr. Anja Theisen: Ich kümmere mich um unsere im Ausland verletzten oder erkrankten Mitglieder. Dazu telefoniere ich mit den Patienten und den behandelnden Kollegen vor Ort. Hierbei geht es um die Klärung der medizinischen Problematik und die Qualität der dortigen Versorgung. Auf Basis dieser Informationen entscheide ich gegebenenfalls über einen Krankenrücktransport nach Deutschland.

Welche Fälle laufen auf? Was sind besonders herausfordernde Situationen?

Dr. Anja Theisen: Es handelt sich um das gesamte Spektrum der Medizin, Schwerpunkte sind internistisch-neurologische und traumatologische Befunde. Doch kein Tag ist wie der andere und es gibt immer wieder Ausnahmesituationen. So mussten wir uns zum Beispiel um ein Polytrauma kümmern, das sich in der Etoshapfanne in Namibia ereignete und eine Akutverlegung in die Hauptstadt erforderte. Oder einmal um einen Patienten mit einer cerebralen Malaria, die während eines Aufenthaltes in einer Lodge in Tansania auftrat. Hier war zunächst die Verlegung nach Nairobi vor der Rückholaktion zu organisieren. Auch eine Präeklampsie auf der Karibikinsel Aruba mit Notfallverlegung nach Martinique ist mir im Gedächtnis geblieben. Ich habe auch schon mitgeholfen, ein Kleinkind aus Benin zurückzuholen. Das exotischste war wohl die Rückholung aus der Antarktis, daran war ich aber nicht direkt beteiligt. Neben solchen Ereignissen in der Ferne gibt es aber auch Herausforderungen, die sich gar nicht so weit weg abspielen. So „strandete“ ein Mitglied mit einer Blutblase an der Ferse in einer Berghütte in Norwegen und musste mit einem Eselstransport zu seinem Auto gebracht werden. Generell stellen geografische Gegebenheiten oft eine besondere Schwierigkeit dar, nicht nur für uns Ärzte, sondern auch für die Transport-Disposition.

Berufliche Neuorientierung

Trotz Zeitmangel, Burn-Out-Risiko und Problemen mit dem Chefarzt, die meisten Ärzte bleiben Ärzte. Aber was ist eigentlich mit all jenen Medizinern, die aus vielfältigen Gründen den Arztberuf nicht weiterführen wollen oder können? Klar ist, als Arzt oder Ärztin ist man auf dem Arbeitsmarkt begehrt und hat auch außerhalb der Patientenversorgung sehr gute Jobaussichten.

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Wie ist das Team organisiert?

Dr. Anja Theisen: Im medizinischen Kompetenzcenter arbeiten derzeit circa 20 Ärzte. Ich bearbeite Fälle aus allen Regionen dieser Welt, vornehmlich Asien, Afrika, Australien sowie Nordamerika. Wir werden aber auch durch ausländische Kollegen unterstützt, die in ihren Ländern für den ADAC freiberuflich tätig sind, sowie durch andere Unternehmen, die uns bei der Fallabklärung zuarbeiten. Jeder neu gemeldete Krankenfall geht zunächst durch die Hände unserer Sachbearbeiter, mit denen ich im engen Kontakt stehe. Sie erheben grundlegende Informationen – was ist wo, wann und wem passiert – prüfen den Versicherungsschutz und kümmern sich um Einholung aller hilfreichen Unterlagen wie auch um die Entbindung der Schweigepflicht. Auch verifizieren sie verschiedene Informationen, unter anderem den Aufenthaltsort im Krankenhaus, die Station, die Kontaktdaten der behandelnden Ärzte, entweder im direkten Telefonat mit den Patienten/Angehörigen, Botschaften, Reiseleitern oder den behandelnden Ärzten. Auch die Rechnungsprüfung von Behandlungskosten fällt in unseren Aufgabenbereich.

Schildern Sie bitte einen normalen Arbeitstag…

Dr. Anja Theisen: Wenn ich morgens um 8 Uhr ins Büro komme, suche ich mir zunächst einen freien Arbeitsplatz. Wir haben das „Flex-Office-Prinzip“. Dann logge ich mich am PC ein und rufe die Fallliste auf. Die anwesenden Kollegen teilen sich die für diesen Tag anstehenden Fälle nach Dringlichkeit, Sprachkenntnissen und medizinischem Fachbereich selbst zu. Unser Team ist breit aufgestellt – von Allgemeinmedizinern über Anästhesisten bis zu Internisten – was sehr hilfreich ist. Da die Patienten häufig der Landessprache nicht mächtig sind, fungieren wir oft auch als Vermittler. Unsere Ärztinnen und Ärzte sprechen unter anderem englisch, spanisch, französisch und portugiesisch. Für seltene Fälle oder sehr komplexe Probleme stehen uns externe Kooperationspartner zur Verfügung, wie die Uniklinik Erlangen.

Steht meine Liste, fange ich natürlich mit dem dringlichsten Fall an. Dazu tausche ich mich mit dem behandelnden Arzt im Ausland aus. Falls nötig, kontaktiere ich auch die Patienten, um ihnen beispielsweise Befunde zu erklären, die sie wegen eventueller Sprachbarrieren oder schwieriger medizinischer Sachverhalte nicht verstanden haben. Je nach Sachlage können diese Gespräche zwischen 15 Minuten und vier Stunden dauern. Dabei arbeite ich den ganzen Tag über eng mit den anderen Ärzten im Team sowie mit Flugdisponenten und Flugärzten zusammen, um Rückholaktionen zu koordinieren. Zum Feierabend übergebe ich meinen Kollegen vom Spätdienst die weiteren Termine.

Wieviel Fälle kommen pro Tag vor?

Dr. Anja Theisen: In Bearbeitung haben wir insgesamt immer mindestens 50 Krankenfälle – mit offenem Ende nach oben. Die Anzahl pro Tag schwankt zwischen zehn und 50 außerhalb der Ferienzeiten. Der Sommer ist erfahrungsgemäß unsere „Hochsaison“, insbesondere dann, wenn Bundesländer gleichzeitig Ferien haben. Aber dadurch, dass wir global tätig sind, ist normalerweise aufgrund der Fernreisetätigkeit auch im Winter einiges zu tun. In den letzten fast eineinhalb Jahren dominierten natürlich die Covid-19-Fälle – und zwar ebenfalls weltweit!

Müssen Sie für Patienten und ihren Angehörigen manchmal auch Seelentröster sein?

Dr. Anja Theisen: Sehr häufig sogar. Nicht selten sind die Mitarbeitenden des ADAC die ersten deutschsprachigen Ansprechpartner. Viele Patienten sind verängstigt und fühlen sich allein und hilflos. Da hilft das Gespräch mit unseren Ärztinnen und Ärzten sehr viel. Auch damit sie verstehen, dass eine Rückholung eine gewisse Vorlaufzeit benötigt. Künftig sind diese Gespräche auch per Videotelefonie möglich, dann sind wir noch näher am Patienten.

Als Arzt oder Ärztin beim ADAC arbeiten

Eine solche Stelle ist grundsätzlich für alle Fachrichtungen geeignet, idealerweise aber für Fachgebiete mit breiten allgemeinmedizinischen Kenntnissen wie Innere Medizin, Chirurgie, Anästhesie, Allgemeinmedizin.

Darüber hinaus können Ärzte auch in anderen Bereichen beim ADAC arbeiten, zum Beispiel bei der Flugdisposition, im medizinischen Dienst der Versicherung oder der Luftrettung. Neben Teilzeit bietet dieser Arbeitgeber je nach Aufgabenstellung die Möglichkeit zum Homeoffice an.

Pro Jahr betreut der ADAC 53.000 Krankenfälle und führt 11.200 Rückholungen durch.

Wann ist ein Fall für Sie zu Ende?

Dr. Anja Theisen: Im Durchschnitt führe ich drei bis vier Telefonate pro Fall. Solange ein Patient von uns betreut wird, bleiben wir kontinuierlich involviert und informiert. Sobald sie aber entlassen, beziehungsweise nach Deutschland zurücktransportiert wurden, endet unsere Zuständigkeit. Auch dürfen wir aus daten- und versicherungsrechtlichen Gründen nichts mehr über ihr weiteres Schicksal erfragen. Aber: Es gibt immer wieder rührende Dankesschreiben, über die wir uns sehr freuen.

Wie sind die Arbeitszeiten?

Dr. Anja Theisen: Wir arbeiten 8,5 Stunden pro Tag mit unterschiedlichen Anfangszeiten. Um alle Zeitzonen abzudecken, beginnt die früheste Schicht um 7 Uhr und die Spätschicht um 15 Uhr. Letztere dauert bis etwa 23:30 Uhr. So können wir von Asien bis Amerika alles abdecken. Wir haben Wochenenddienste, aber keine Nachtdienste. Es gibt nächtliche Rufbereitschaftsdienste, wer möchte, kann sich dafür melden. Die Schichten werden gerecht auf alle aufgeteilt, wir können aber jederzeit untereinander tauschen, was sehr gut funktioniert. Als Teilzeitkraft muss ich einmal im Monat ein Wochenende arbeiten.

Was sind die Vorteile Ihres Jobs, was die Nachteile?

Dr. Anja Theisen: Die Vielfältigkeit der medizinischen Fragestellungen bei uns ist doch recht einmalig im ärztlichen Beruf. Auch die flexiblen Arbeitszeitmodelle sind ein deutlicher Vorteil gegenüber den doch recht starren Organisationsstrukturen einer Klinik oder Praxis. Den direkten Patientenkontakt vermisse ich allerdings manchmal. Auch das Beachten versicherungsrelevanter Aspekte neben den medizinischen und den daraus resultierenden Entscheidungen fällt mir aus ärztlicher Sicht oft nicht leicht.

Welche besonderen Fähigkeiten sollte man für diesen Job mitbringen?

Dr. Anja Theisen: Breites medizinisches Wissen und idealerweise Kenntnisse in Notfall- und Transportmedizin sowie mindestens eine Fremdsprache. Zudem Empathie, Einfühlungsvermögen, Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit, Flexibilität und PC-Affinität. Trotz Bürotätigkeit gibt es keine alltäglichen Fälle. Häufig sind die relevanten Informationen schwierig zu ermitteln. Auch die Versorgungsstruktur der einzelnen Länder weist große Unterschiede auf. Das alles erfordert ein Größtmaß an täglicher Anpassung und Geduld.

Zur Person:

Dr. Anja Theisen finanzierte ihr Medizinstudium als examinierte Krankenschwester auf einer Intensivstation. Danach war sie als Assistenzärztin in der Anästhesie tätig. Nach Eltern- und Erziehungszeit stieg sie zunächst wieder in ihren alten Fachbereich ein. Da es schwierig war, Familie und Beruf zu vereinbaren, wechselte sie im Dezember 2013 zum ADAC.

Mehr Infos: https://karriere.adac.de/

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