Arztbriefe sind oft unverständlich – auch für die Kollegen

Dass Patienten die Handschrift ihres behandelnden Arztes nicht immer entziffern können, ist bekannt. Düsseldorfer Sprachwissenschaftler haben jetzt allerdings herausgefunden: Auch andere Ärzte verstehen die Arztbriefe von Kollegen oft nicht.

Arztbriefe sind ein wichtiger Kommunikationsweg mit den Kollegen: beispielsweise zwischen Fach- und Hausarzt. Der Inhalt bleibt für die Empfänger allerdings oft unklar. | thodonal - stock.adobe.com

Arztbriefe der Kollegen lesen und selbst welche schreiben – im ärztlichen Alltag nimmt das schon ziemlich viel Zeit in Anspruch. Das geht aus einer interdisziplinären Studie der Uni Düsseldorf hervor: Viele Hausärzte müssen täglich bis zu zehn solcher Briefe lesen – bis zu eine Stunde am Tag geht dafür drauf. Die Klinikärzte verbringen sogar bis zu drei Stunden täglich mit der Lektüre von Arztbriefen.

Aber leider scheint das nicht dazu zu führen, dass die Ärzte besser über ihre Patienten informiert sind: "Missverständliche Formulierungen in Arztbriefen bringen die Allgemeinmediziner regelmäßig zur Verzweiflung“, erklärt der Linguist Dr. Sascha Bechmann, Autor der Studie. Gemeinsam mit seinem Team hat er 2018 knapp 200 Hausärzte befragt. Das Ergebnis: Fast alle (98,5 Prozent) gaben an, Arztbriefe manchmal nicht sofort zu verstehen. 88 Prozent waren der Meinung, dass missverständliche oder fehlerhafte Arztbriefe den Patienten schaden und zu Behandlungsfehlern führen können.

Abkürzungen und Fachbegriffe sind problematisch

Vor allem doppeldeutige oder unbekannte Abkürzungen sind ein Problem: 34 Prozent der Befragten gaben an, dass unbekannte Abkürzungen häufig oder sehr häufig in Arztbriefen vorkommen. Nur 1,5 Prozent der Hausärzte kennen dieses Problem nicht. Und auch Fachbegriffe, die in anderen Disziplinen nicht so geläufig sind, führen zu Verständnisproblemen.

Eigentlich soll der Sinn eines klinischen Entlassungsbriefs ja sein, dass der Haus- oder niedergelassene Facharzt genau über die Behandlung im Krankenhaus informiert wird und den Patienten angemessen weiterbehandeln kann. „Dass solche Dokumente keinen Spielraum für Interpretationen geben dürfen, liegt auf der Hand. Dennoch zeigen die Ergebnisse der Befragung, dass missverständliche und unvollständige Arztbriefe eher die Regel als die Ausnahme sind. 99 % der Befragten gaben an, dass die Qualität der Arztbriefe verbesserungswürdig sei. Nur 3,6 % der Befragten waren in ihrer bisherigen beruflichen Laufbahn noch nicht mit missverständlichen Arztbriefen konfrontiert worden", beschreibt Bechmann das Problem.

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Derzeit gibt es keine strukturellen oder inhaltlichen Standards, die die Qualität der Arztbriefe gewährleisten. Dabei könnten ein paar kleine Regeln schon helfen, die Briefe verständlicher zu machen: Die Befragten bemängelten vor allem vage Formulierungen sowie lange und komplizierte Sätze. Auch schlechter Sprachstil, zum Beispiel Floskeln und Wiederholungen, Rechtschreib- und Grammatikfehler fielen auf – ebenso wie logische Fehler und unvollständige Informationen. Die generelle Textlänge und formale Kriterien wurden dagegen als nicht entscheidend für das Verständnis beurteilt.

Besonders tragisch: Vor allem die Textteile mit konkreten Handlungsempfehlungen für die Hausärzte weisen der Befragung zufolge eine besonders hohe Fehlerquote auf. So nannten mehr als drei Viertel der Befragten die Entlassungsmedikation als größte Fehlerquelle; ähnlich viele waren es bei der Therapieempfehlung.

Fast alle Befragten (99 Prozent) gaben an, schon einmal einen fehlerhaften Arztbrief erhalten zu haben. Dies sei vor allem daran zu erkennen, dass die Informationen in dem Brief nicht zu den beigelegten Befunden passten. Eine mögliche Fehlerquelle könnte laut Studie die computergestützte Texterstellung sein, bei der einfach Textbausteine aneinandergereiht werden, ohne dass sie zur individuellen Patientengeschichte passen.

Quelle: Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (17.4.2019)