Alternativen für Ärzte: Die Pharmaindustrie

Dem stressigen Klinikalltag entfliehen, das wünscht man sich manchmal als Arzt. Carolin Grob hat ihre Facharztweiterbildung in der Radiologie abgebrochen und arbeitet jetzt als „Clinical Research Physician“ bei Boehringer Ingelheim.

Bei Boehringer Ingelheim plant Dr. Carolin Grob klinische Studien. | Stockfotos-MG - stock.adobe.com

Etwa 75.000 Euro im Jahr verdienen Fachkräfte durchschnittlich in der Pharmabranche. So steht es im Stepstone Gehaltsreport 2018. Damit ist die Pharmaindustrie eine der lukrativsten Berufsbranchen überhaupt. Auch Dr. Carolin Grob ist mit ihrem Gehalt zufrieden. Sie wird außertariflich und leistungsabhängig bezahlt. Das bedeutet: Je mehr Einsatz, desto höher die Bezahlung. Anders als an der Uniklinik Essen, wo sie zuvor als Assistenzärztin angestellt war, erhöht sich ihr Lohn also nicht jedes Jahr um ein paar tariflich geregelte hundert Euro. Wenn es gut läuft, wird ihr viel mehr Geld auf das Konto überwiesen. Wenn es schlecht läuft, gibt es entsprechend weniger. 

"Einen typischen Arbeitstag gibt es nicht"

Dr. Carolin Grob | Copyright: Boehringer Ingelheim

„Eine typische Arztlaufbahn wollte ich nie einschlagen“, sagt Dr. Carolin Grob. „Nach der Approbation stand für mich fest: Ich muss den vorgegebenen und von den Dozenten angepriesenen Berufsweg: „Assistenzarzt, Facharzt, Oberarzt“ verlassen und mich auf die weniger ausgetretenen Pfade begeben.“ Es folgte ein journalistisches Volontariat, eine Tätigkeit als Chefredakteurin einer Patientenwebsite und schließlich die Einstellung bei Boehringer Ingelheim im Jahr 2016. Als Clinical Research Physician (=klinischer Forschungsarzt) ist sie heute für die Planung und Durchführung von nationalen und internationalen klinischen Studien zuständig. Das Ziel: neue Medikamente entwickeln oder bereits erhältliche Medikamente optimieren. Gerade arbeitet Dr. Carolin Grob an der Umsetzung von Studien zu seltenen Lungenerkrankungen, wie etwa der Idiopatischen Lungenfibrose. 

Im Klinikum und auch in der Arztpraxis weiß man in der Regel nicht, was der Arbeitstag mit sich bringen wird. Unabhängig davon, ob es stressig oder ruhig zugeht, ist einem die Wertschätzung der Patienten aber gewiss. Man hat sein Fachwissen unmittelbar einsetzen können, um zu heilen. Dies treibt viele Mediziner an und macht den Beruf, trotz einiger Nachteile, so attraktiv und befriedigend. Auch der Arbeitsalltag von Dr. Carolin Grob ist nicht so strukturiert, wie man es bei ihrer Tätigkeit als Forscherin vielleicht erwarten könnte. Es gebe zwar geplante Besprechungen und Telefonate, aber viele Themen würden auch spontan aufkommen, von denen sie am Morgen noch nichts geahnt habe. „Einen typischen Arbeitstag gibt es eigentlich nicht“, sagt Dr. Carolin Grob. 

Und was treibt sie als Clinical Research Physician an? „Ich habe meine neue Rolle erst seit einigen Monaten inne. In dieser Zeit war mein persönliches Highlight die erfolgreiche Einreichung meiner ersten Studie. Das bedarf einer monatelangen Vorbereitung und der Erstellung einer ganzen Reihe von Unterlagen, die dann von den Behörden und Ethikkommissionen bewertet werden. Wenn man dann die Zusage in den Händen hält, ist das ein tolles Gefühl.“ 

Ärzte sind nicht nur in der Pharmaindustrie als Arbeitnehmer beliebt. Es gibt einige Berufsbranchen, in denen Ärzte mit Handkuss genommen werden. Denn neben ihrer wissenschaftlichen Qualifikation verfügen Mediziner oft auch über eine Reihe von Charaktereigenschaften, die sie auszeichnen. Eine strukturierte und organisierte Arbeitsweise, ein hohes Maß an Qualitätsbewusstsein, Kommunikationsstärke und ein ausgeprägtes Teamgefühl – so liest sich der Anforderungskatalog für Clinical Research Physicians. Alle diese Eigenschaften zeichnet auch einen guten Arzt oder eine gute Ärztin im Klinikum aus. Außerdem in beiden Branchen wichtig: Verantwortungsgefühl. Allerdings hat man in einem Pharmaunternehmen mehr Zeit, um die eigenen Entscheidungen zu reflektieren und mit Kollegen zu besprechen. Im Klinikum können Minuten über Tod und Leben entscheiden, deshalb fallen Entscheidungen hier schneller. 

Dr. Sven Jungmann

Als ausgebildeter Mediziner ist man eine attraktive Arbeitskraft auf dem Markt und hat viele Möglichkeiten. In dieser Reihe stellen wir berufliche Alternativen zum Klinikum vor. Teil 1: Sven Jungmann, der in einem Entwicklungslabor für E-Health des Helios-Konzerns arbeitet.

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Und einen nächsten Unterschied gibt es zwischen den beiden Arbeitsfeldern. Englisch ist im Krankenhaus oder in der Praxis keine Verkehrssprache. In der Pharmabranche ist das anders: 70 Prozent der Mediziner bei Boehringer Ingelheim kommen aus dem Ausland. „Englisch sollte keine Hürde sein, wenn man als Clinical Research Physician arbeiten möchte“, so Dr. Carolin Grob.