COVID-19: Die Hälfte der Ärzte arbeitet weniger

Die Corona-Krise hat die Arbeit an Kliniken stark verändert: Geplante Operationen wurden ausgesetzt und Intensivstationen für COVID-19-Patienten vorbereitet. Aber wie wirkt sich das auf die Arbeitssituation von Ärzten aus? Eine aktuelle Befragung des Marburger Bundes gibt Auskunft.

Halfpoint / stock.adobe.com

Zwischen dem 29. April und dem 10. Mai hat der Marburger Bund (MB) insgesamt mehr als 8.700 Ärztinnen und Ärzte zu ihrer aktuellen Arbeitssituation befragt. Bei den Teilnehmern handelt es sich um einen repräsentativen Querschnitt der angestellten Mediziner in Deutschland: Rund 54 Prozent sind weiblich, 46 Prozent männlich. Auch der Altersquerschnitt entspricht ungefähr den Mitgliedern des Marburger Bundes: Rund 46 Prozent sind 40 Jahre oder jünger, 54 Prozent sind älter als 40 Jahre.

Das Ergebnis der Befragung: Seit Beginn der Corona-Krise im März hat das Arbeitsaufkommen für einen Großteil der befragten Ärztinnen und Ärzte abgenommen: 57 Prozent gaben an, jetzt weniger zu arbeiten. Knapp 18 Prozent der Teilnehmer arbeiten jetzt mehr, ein Viertel (25 Prozent) meldet keinen Unterschied. Überraschend kommt dieses Ergebnis nicht: Seit Beginn der Pandemie wurden zahlreiche planbare Operationen aufgeschoben; und auch die befürchtete Welle an COVID-10-Patienten ist bislang ausgeblieben. Gleichzeitig ist der Arbeitsaufwand in anderen Bereichen deutlich gestiegen – beispielsweise in der Intensivmedizin.

Zurück zur Regelversorgung?

Entsprechend gespalten fällt die Antwort auf die Frage aus, ob es richtig ist, wenn Kliniken wieder zum Regelbetrieb (z.B. elektive Eingriffe, Rehabilitation) zurückkehren: Mehr als zwei Drittel (69,5 Prozent) der Befragten sind dafür, die Regelversorgung wieder aufzunehmen, 16,3 Prozent sprechen sich dagegen aus. Hier spielt auch die Sorge mit hinein, dass das deutsche Gesundheitssystem von einer zweiten COVID-19-Welle doch noch an seine Grenzen gebracht werden könnte. Das zeigt sich beispielsweise bei den Kommentaren, die einige Umfrage-Teilnehmer in den Freitext-Feldern hinterlassen haben: „Ich denke, man sollte langsam den Klinikbetrieb hochfahren, aber nicht auf volle Leistung, damit bei einer möglichen 2. Infektionswelle das System nicht überlastet wird“, heißt es da beispielsweise. Oder: „Wir sollten mit Augenmaß die reguläre Patientenversorgung wieder aufnehmen“.

Das Bundesgesundheitsministerium hat gestern (30.3.2020) die Änderungen an der ärztlichen Approbationsordnung veröffentlicht, die während der COVID-19-Pandemie gelten. Sie sollen schon zum 1. April in Kraft treten. Was sich genau ändert, erfährst Du hier.

weiterlesen

Bei der Frage, ob dem deutschen Gesundheitssystem noch eine Überlastung durch eine zweite Infektionswelle droht, gehen die Meinungen auseinander. Eine knappe Mehrheit von 44 Prozent befürchtet, dass eine zweite Welle das Gesundheitssystem überfordern könnte, 41 Prozent geht nicht davon aus. Allerdings haben die Befragten mehrheitlich keinen Zweifel daran, dass wir uns langfristig mit dem Virus arrangieren müssen. Dieser Teilnehmer-Kommentar fasst das gut zusammen: „Wir müssen lernen, das Leben wieder anlaufen zu lassen und trotzdem mit SARS-CoV-2 klarzukommen.“

Kurzarbeit auch bei Ärzten

Während in einigen Kliniken Ärzte aus dem Ruhestand reaktiviert werden, beantragen andere Kurzarbeit: Etwa zehn Prozent der Befragten gaben an, dass in ihrem Betrieb Kurzarbeit angemeldet wurde. Dabei handelt es sich vor allem Reha-Kliniken: Dort liegt der Kurzarbeit-Anteil bei 54 Prozent. Doch auch der ambulante Sektor (32 Prozent) und private Kliniken (12 Prozent) sind betroffen. Die meisten Ärzte können die Gründe für die Kurzarbeit in ihrem Betrieb nicht nachvollziehen. Nur 16 Prozent gaben an, den Grund zu verstehen: Dabei ging es meistens um gesunkenes Arbeitsaufkommen und wirtschaftliche Probleme.

Etwa die Hälfte der Ärzte nutze die Zeit, um freiwillig Überstunden abzubauen. Für viele eine ungewohnte Situation, wie dieser Kommentar zeigt: „Ich bin seit 12 Jahren berufstätig. Zum ersten Mal in meinem beruflichen Leben gehe ich regelmäßig pünktlich nach Hause und kann das tägliche Arbeitspensum sogar mit Mittagspause überwiegend vollständig bewältigen.“

Mangel an Schutzausrüstung bleibt ein Problem

Rund 38 Prozent der Befragten gaben an, noch immer nicht die nötige Schutzausrüstung zur Verfügung zu haben. Es fehlen vor allem Schutzmasken (FFP2- und FFP3-Masken), aber auch Schutzkittel, Visiere, einfache OP-Masken, Handschuhe und Hauben.

Bei den Ärztinnen und Ärzten ist eine gewisse Skepsis verbreitet, ob die Schutzausrüstung für die kommenden Wochen und Monate ausreichen wird. Ein Mitglied bringt es so auf den Punkt: „In den ganzen Öffnungsdiskussionen wird ignoriert, dass unsere Schutzausrüstung auch ohne zweite Welle zunehmend zur Neige geht.“

Quelle: Marburger Bund (13.5.2020)

Hier findest Du alles zur COVID-19-Pandemie: Wie kannst Du helfen? Was wird aus den Staatsexamens-Prüfungen? Und wie erleben andere junge Mediziner die aktuelle Situation?