"Bei uns gibt es zu viele junge Ärzte"

In Griechenland ist der Arzt immer für den Patienten erreichbar, sagt Dr. Dimitrios Kanellos, der als Chirurg in Thessaloniki arbeitet. Dafür gibt es keinen Fallpauschalenkatalog, jeder Arzt schätzt den Wert seiner Arbeit und rechnet entsprechend ab.

Dr med. Dimitrios Kanellos in seiner Praxis in Thessaloniki. Er hat seine chirurgische Facharztausbildung in Kliniken in Hannover und Berlin gemacht. | Hoffmann

Ein sonniger Tag in Thessaloniki, es ist Ende Oktober, aber immer noch über 25 Grad Celsius warm. Zum vereinbarten Termin um 15:30 Uhr ist die Praxis von Dr. Kanellos verschlossen, auf das Läuten der Türklingel reagiert niemand. "Ich verspäte mich etwas. Ich komme gerade vom Krankenhaus", sagt Dr. Kanellos am Telefon. Wenig später schließt er seine Praxis selbst auf. Die Assistentin ist im Urlaub und die erste Patientin kommt erst um 16 Uhr.

Operation Karriere: Lieber Dr. Kanellos, ich habe Sie in den letzten Tagen einige Mal angerufen und Sie sind immer dran gegangen. In Deutschland ist es sehr schwierig, Ärzte telefonisch zu erreichen. Als Arzt in Thessaloniki scheinen Sie kein Zeitproblem zu haben. 

Dr Kanellos: Wenn es um Zeit geht, ist es in Griechenland in der Tat anders als in Deutschland. Hier möchte der Patient seinen persönlichen Arzt haben, 24 Stunden täglich, 7 Tage in der Woche, 365 Tage im Jahr. Das ist nicht immer einfach. Wenn es um einen Notfall geht, ist es in Ordnung, wenn uns der Patient erreichen möchte. Aber manchmal nutzten Patienten das aus und rufen an, obwohl es nicht notwendig ist. In Deutschland erreichen Patienten nicht den Arzt, sondern die Sekretärin. Das ist nicht unbedingt falsch, aber hier würde es nicht funktionieren. Denn dann sagt der Patient: Ich gehe zu einem anderen Arzt, der erreichbar ist. Deshalb geht immer jemand ans Telefon.

Operation Karriere: Auch nachts um drei?


Dr. Kanellos: Nachts um drei liegt das Handy auf meinem Nachtisch. Ein Beispiel: Wenn ich einen Patienten operiere, dann muss ich ihn über sechs Wochen nach der Operation kontrollieren. Wenn der Patient ein Problem hat, zum Beispiel blutet, dann muss er den Arzt erreichen können, der operiert hat. Es kann sein, dass das Handy 50 Mal am Tag klingelt.

Operation Karriere: Reden wir über Ihre Ausbildung. In Deutschland ist es noch immer sehr schwer, ohne ein 1,0er Abi Medizin zu studieren. Ist das in Griechenland auch so?  

Dr. Kanellos: Ja, auch bei uns ist es schwierig hineinzukommen. Bei uns ist die beste Note in der Schule 20, die schlechteste 0. Man muss überall mindestens 19 Punkte haben, damit man einen Studienplatz erhält. Ich habe in Griechenland Medizin studiert, aber meine Facharztausbildung habe ich in Deutschland gemacht.

Operation Karriere: Sie haben Ihre Facharztausbildung in der Chirurgie im Krankenhaus Siloah Hannover und dem Vivantes Klinikum Spandau Berlin absolviert. Wie war die Zeit in Deutschland für Sie?

Dr Kanellos: Es war schön und angenehm, aber natürlich ist es zuhause immer am schönsten, weil man hier mit Freunden und der Familie zusammen sein kann. Die Ausbildung ist in Deutschland besser als in Griechenland, insbesondere im OP-Bereich.

Operation Karriere: Warum haben Sie sich für Deutschland entschieden und nicht für ein anderes europäisches Land?


Dr. Kanellos: Es war leicht, eine Stelle zu finden. Außerdem habe ich mich für minimalinvasive Chirurgie interessiert, hier haben deutsche Kliniken einen guten Ruf. Und als kleines Kind habe ich einige Jahre in Deutschland gelebt, dadurch hatte ich einen Bezug zu Deutschland und der deutschen Sprache.

Operation Karriere: Sie sagen, die Facharztausbildung ist in Deutschland besser als in Griechenland. Empfehlen Sie griechischen Patienten dann bei bestimmten Leiden eine Behandlung in Deutschland?

Dr. Kanellos: Das System der Gesundheitsversorgung ist in Griechenland ganz anders als in Deutschland. Es gibt bei uns das öffentliche Krankenhaus, hier ist die Gesundheitsversorgung mittelmäßig und wird von der griechischen AOK bezahlt. Außerdem gibt es private Kliniken und Praxen. Wenn Patienten dort behandelt werden möchten, müssen sie fast alles selbst bezahlen. Patienten entscheiden sich dann auch nicht für ein Krankenhaus, sondern für einen Arzt, der dann eine Kooperation mit einer privaten Klinik hat, so wie ich. Wer Geld hat, erhält hier also eine sehr gute Gesundheitsversorgung, manchmal sogar eine bessere als in einem deutschen Krankenhaus. Wer kein Geld hat, muss in ein öffentliches Krankenhaus, das nicht so gut ausgestattet ist und an dem Ärzte arbeiten, die manchmal weniger kompetent sind.

Operation Karriere: Gibt es private Krankenhäuser in Griechenland, die in bestimmten Bereichen besonders renommiert sind? Würden Sie deutschen Patienten bei bestimmten Leiden eine Behandlung in Griechenland empfehlen?

Dr. Kanellos: Das ist übertrieben, denke ich. Es gibt in Deutschland große, exzellente Zentren, die sehr gut sind, da muss kein deutscher Patient für eine Behandlung nach Griechenland reisen.

Operation Karriere: Wo liegt, Ihrer Meinung nach, der größte Unterschied zwischen dem griechischen und dem deutschen Gesundheitssystem.

Dr. Kanellos: Ich kann über Privatkliniken sprechen, weil ich für eine Privatklinik arbeite. Hier zahlt der Patient jede Leistung separat. Die Klinik wird separat bezahlt, der Chirurg wird separat bezahlt und der Anästhesist ebenso. Die Gesamtkosten sind in Griechenland wahrscheinlich etwas niedriger als in Deutschland, weil Krankenhäuser weniger Geld bekommen. Ärzte bekommen hier pro Fall etwas mehr, müssen aber 70 Prozent ihrer Einnahmen wieder für Steuer- und Versicherungsbeträge abgeben.

Operation Karriere: Was wird denn pro Operation in Griechenland gezahlt?


Dr. Kanellos: Auch das ist in Griechenland anders als in Deutschland. Bei Ihnen gibt es Fallpauschalen, jede Behandlung wird gleich abgerechnet. Bei uns legt jeder Arzt seine Preise selbst fest.

Operation Karriere: Das bedeutet, Sie können höhere Preise nehmen, weil sie eine Facharztausbildung in Deutschland gemacht haben?


Dr. Kanellos: Das spielt eine Rolle, genau. Es gibt auch Kollegen, die aus Großbritannien, den USA oder der Schweiz zurückgekommen sind, sie sind auch sehr gut. Aber natürlich gibt es auch Ärzte, wie zum Beispiel Internisten oder Gastroenterologen, die nie im Ausland waren, aber trotzdem einen sehr guten Job machen. Aber Operateure sind oft besser, wenn sie im Ausland waren.

Operation Karriere: Woran liegt das? Operiert man hier während der Facharztausbildung nicht so oft? Ist die Ausstattung schlechter?

Dr. Kanellos: Man operiert nicht so oft und die älteren Kollegen im öffentlichen Dienst sind nicht immer die besten, weil die besten Ärzte im privaten Bereich arbeiten. In einem privaten Krankenhaus kann man bei uns aber keine Facharztausbildung machen, sondern nur in einem öffentlichen Krankenhaus. Außerdem gibt es in den öffentlichen Häusern zu viele junge Ärzte, man hat zu wenig zu tun. Bei meiner Facharztausbildung in Deutschland habe ich sehr viel operiert, weil es zu wenig Ärzte auf Station gab. Ein solches System ist nicht gut für die Patienten, aber gut für die Ausbildung.

Operation Karriere: Wir sind hier in Thessaloniki, es ist auch im Oktober noch 25 Grad warm, aber die Luftverschmutzung in den Straßen ist höher als bei uns. Gibt es eine kuriose Krankheit, die vor allem griechische Patienten bekommen und die in Deutschland nahezu unbekannt ist?

Dr. Kanellos: In meinem Fachbereich nicht, aber meine Kollegen operieren bei Patienten oft die Leber aufgrund von Echinokokkuszysten. Das ist ein Hundebandwurm, der bei uns von den vielen wilden Hunden auf den Menschen übertragen wird, sich in der Leber festsetzen kann und dann operiert werden muss. Als ich in Deutschland war, hatten wir einen Patienten mit dieser Krankheit. Aber bei euch gibt es keine wilden Hunde, deshalb mussten meine damaligen Chefs auf Station im Lehrbuch nachlesen, um herauszufinden, welche Krankheit vorliegt.

Operation Karriere: Herr Dr. Kanellos, vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben!