Als Facharzt in Namibia: „Hier ist klinisches Denken viel wichtiger!“

Wie ist die Intensivstation in Ihrem Krankenhaus ausgestattet?

Dr. Jan Wnent: Es ist im Vergleich zu Deutschland schon eher eine Basisausstattung. Wir haben im Katutura Hospital offiziell 840 Betten, davon acht Intensivbetten. Da haben deutsche Krankenhäuser natürlich ein Vielfaches an Intensivbetten bei einer vergleichbaren Gesamtbettenzahl. Wir haben Basis-Monitoring, wir haben Beatmungsgeräte. Aktuell haben wir nur an einem Bett die Möglichkeit, invasives Monitoring – also arterielle Blutdruckmessung – zu betreiben. Eine Akut-Dialyse oder Hämofiltration können wir aktuell nicht durchführen. Ein Blutgas-Analysegerät haben wir auch nicht – das ist ja eigentlich auch Standard. Das ist bei uns im Moment die Realität. Die Intensivstation im Windhoek Central Hospital ist ein bisschen besser ausgestattet.

Die Intensivstation des Katutura Hospitals in Windhoek ist sehr viel einfacher ausgestattet als in einer deutschen Klinik. | Catrin Marx

Wie beeinflusst das Ihre Arbeit? Was ist anders als in Deutschland?

Dr. Jan Wnent: Ich denke, man muss hier in Namibia mehr in seine klinischen Fertigkeiten vertrauen und kann sich weniger auf Gerätemedizin verlassen. Die Studenten werden hier an der Universität auch intensiver in diesem Bereich ausgebildet. Da musste ich mich am Anfang etwas „reinfuchsen“. Wir versuchen trotzdem gerade, die Sonografie mehr in den Alltag einzubringen. Wir haben von einer Partneruniversität in den USA zwei Ultraschall-Geräte zur Verfügung gestellt bekommen. Aber im Wesentlichen ist der Unterschied, dass wir mehr klinische Diagnostik-Fähigkeiten und mehr klinisches Denken brauchen. Wir können den Patienten eben nicht direkt zum MRT schicken – das gibt es höchstens im privaten Sektor. Man lernt dabei, mit den Basisinformationen Diagnosen zu stellen und die Patienten zu behandeln. Ich glaube, dass wir damit schon einigermaßen gute Medizin machen können. Das können auch Studierende aus Deutschland lernen, wenn sie beispielsweise für eine Famulatur oder einen Teil des PJs zu uns kommen.

Was müssen deutsche Studierende beachten, wenn sie sich für eine Famulatur oder ein PJ in Namibia interessieren?

Dr. Jan Wnent: Prinzipiell müssen sie in einem der Departments der Klinik akzeptiert sein. Seit eineinhalb Jahren müssen Studierende, die für eine Famulatur oder das PJ nach Namibia kommen, beim „Health Professions Council of Namibia“ – also der Ärztekammer – registriert sein. Grundsätzlich ist es möglich, aber die Planung kostet einfach Zeit. Und wenn man niemanden hat, der einem von Namibia aus hilft, ist es durchaus eine Herausforderung. Aber prinzipiell haben wir auch immer wieder Studierende und PJler aus Deutschland hier. Man kann sich zum Beispiel auch von einer Agentur bei der Organisation helfen lassen – die sorgt dann dafür, dass man alle Unterlagen einreicht. Für Praktika und andere unbezahlte Tätigkeiten ist es seit kurzem einfacher, ein Visum zu bekommen. Da sollte man sich aber unbedingt im Vorfeld gut informieren.

Was vermissen Sie denn aus dem deutschen Gesundheitssystem am meisten?

Dr. Jan Wnent: Ein bisschen Organisation und vorausschauende Planung. Natürlich ist das ein Klischee, und die Namibier ziehen mich als Deutschen damit ab und zu ein bisschen auf. Hier herrscht eine andere Mentalität – und das kann richtig anstrengend werden. Zum Beispiel Bestellungen oder die Bettenplanung sind oft nicht so vorausschauend. Da vermisse ich oft die Organisationsstruktur aus Deutschland.

Und was werden Sie aus Namibia vermissen, wenn Sie irgendwann zurück nach Deutschland kommen?

Dr. Jan Wnent: Die Freiheit. Ich bin hier relativ frei, was meine Arbeitszeitgestaltung betrifft. Ich kann selbst festlegen, wann ich was mache. Das hat man in Deutschland ja mit einem Oberarztvertrag so nicht. Und auch als Chefarzt hat man diesen Gestaltungsspielraum schon lange nicht mehr. Da ist diese weniger strukturierte Organisation auch manchmal ein Vorteil: Wenn wir am Wochenende relativ spontan wegfahren wollen, findet sich eigentlich immer kurzfristig ein Kollege für die Vertretung. Das ist in Deutschland sicher viel schwieriger. Das werde ich irgendwann bestimmt vermissen.

Fiete Näher absolvierte vor zwei Jahren ein PJ-Tertial in Äthiopien. Dem Deutschen Ärzteblatt Medizin Studieren erklärt er, was ihn nach Afrika zog.

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Wie sieht denn Ihr Leben außerhalb des Krankenhauses aus?

Dr. Jan Wnent: In dem Viertel von Windhoek, in dem meine Frau und ich wohnen, ist der Standard so wie in Europa. Allerdings sehe ich eine hohe Mauer und einen doppelten Elektrozaun, wenn ich aus dem Küchenfenster schaue. Wir wohnen hier in so einer Art Reihenhaussiedlung, die komplett eingezäunt ist. Das war am Anfang ein bisschen seltsam, aber inzwischen nehmen wir das gar nicht mehr wahr. Für mich war es ungewohnt, dass hier niemand herumläuft oder mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt – man nimmt auch für kurze Wege immer das Auto. Dabei geht es gar nicht unbedingt um Sicherheit: Tagsüber ist es hier auch nicht gefährlicher als in einer europäischen Großstadt. Wir haben uns hier in dem Jahr eigentlich nie bedroht gefühlt. Ich vermisse manchmal eine Innenstadt, in der man ein bisschen bummeln kann – so etwas gibt es hier nicht. Hier geht man wie in den USA in die Mall. Insgesamt kann man als Arzt hier auf einem guten europäischen Niveau leben.

Können Sie sich vorstellen, dauerhaft in Namibia zu bleiben?

Dr. Jan Wnent: Ich habe aktuell einen Zwei-Jahres-Vertrag, der im Oktober 2020 ausläuft. Dann muss man sehen, ob der verlängert wird. Generell denke ich aber, dass wir mittelfristig wieder zurück nach Deutschland ziehen werden – vor allem, weil meine Frau ihre Facharztweiterbildung in der Inneren Medizin in Namibia nicht abschließen kann. Wir können uns aber gut vorstellen, später nochmal ins Ausland zu gehen – vielleicht auch in ein ganz anderes Land. Das ist aber noch Zukunftsmusik.


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