Als Facharzt in Namibia: „Hier ist klinisches Denken viel wichtiger!“

Wie ist es eigentlich wirklich, ein paar Jahre ins Ausland zu gehen und in einer ganz anderen Kultur zu leben und zu arbeiten? Der Anästhesist und Notarzt Dr. Jan Wnent leitet seit gut einem Jahr die Intensivmedizin in einem Krankenhaus in Namibia. Im Interview berichtet er von seinen Erfahrungen.

Dr. Jan Wnent (rechts) und sein Kollege Michael van der Colf auf der Intensivstation des Katutura Hospital in Windhoek, Namibia. | Catrin Marx

Herr Dr. Wnent, Sie sind seit Oktober 2018 Leiter der Intensivmedizin am Katutura Hospital in Windhoek, der Hauptstadt von Namibia. Wie ist es dazu gekommen?

Dr. Jan Wnent: Ich habe vorher am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel und in Lübeck gearbeitet. In Lübeck gibt es seit inzwischen sieben Jahren ein Ausbildungs- und Kooperationsprojekt mit der University of Namibia. Wir haben damals aus dem Bereich Anästhesie einen Notfall-Medizinkurs für die Studenten aufgebaut. So bin ich in Kontakt mit der Universität hier in Windhoek gekommen und habe auch das namibische Gesundheitssystem kennengelernt. Vor drei Jahren haben meine Frau und ich dann entschieden, dass wir mal für eine Weile hier leben möchten. Hier im Katutura Hospital, einem der beiden großen staatlichen Krankenhäuser in Windhoek, war ein Posten als Leiter der Intensivmedizin frei. Und da habe ich mich dann beworben. Ich hatte eigentlich eine gute Stelle als stellvertretender Direktor des Instituts für Rettungs- und Notfallmedizin des UKSH. Aber es hat uns einfach gereizt, auch mal etwas Anderes auszuprobieren und hierher zu ziehen.

Das Katutura-Staatskrankenhaus ist eins von zwei staatlichen Krankenhäusern in Windhoek. Es verfügt über 840 Betten.| Catrin Marx

Was genau hat Sie daran so gereizt?

Dr. Jan Wnent: Ich wollte einfach nochmal in einem anderen Gesundheitssystem arbeiten. In Deutschland sind die meisten Patienten eher im betagten Alter – das wissen Sie ja selber. Bei Diagnostik und Therapie können wir da aus dem Vollen schöpfen. Im Wesentlichen ist alles gut organisiert – da wollte ich gern auch mal etwas Anderes kennenlernen und für einige Zeit im englischsprachigen Ausland leben und da Erfahrungen zu sammeln.

Wie ist das Gesundheitssystem in Namibia genau aufgebaut?

Dr. Jan Wnent: Es gibt im Wesentlichen zwei parallele Systeme: Es gibt das staatliche Gesundheitssystem, in dem ich arbeite – da wird erstmal jeder Namibier behandelt. Dafür entstehen fast keine Kosten für die Patienten – es gibt nur einen ganz kleinen Beitrag als eine Art „Krankenhaus-Eintrittsgebühr“. Umgerechnet sind das etwa 1,50 Euro. Danach sind aber die Behandlungen im staatlichen Gesundheitssystem kostenlos. Außerdem gibt es das private Gesundheitssystem mit privaten Praxen und Krankenhäusern, das entsprechend bezahlt werden muss. Wir haben zwei große Krankenhäuser in Windhoek, die als Referenzzentren fungieren. Daneben gibt es in den einzelnen Regionen mittelgroße, kleinere und vor allem sehr kleine Krankenhäuser. Das sind eher Ambulanzen, in denen auch nicht immer ein Arzt arbeitet.

Wie werden die Fachärzte ausgebildet?

Dr. Jan Wnent: Die Organisation ist an das anglo-amerikanische System angelehnt. Wir haben sogenannte “Medical Officer“ in den Krankenhäusern – das sind Nicht-Fachärzte. Daneben gibt es die Fachärzte, die als „Consultants“ ihre Station leiten und die fachärztliche Expertise einbringen. Außer im Bereich Anästhesie gibt es keine eigene Facharztausbildung – und den Facharzt für Anästhesie gibt es auch erst seit zwei Jahren in Namibia. Dabei ist die Facharztausbildung eher verschult und an die Universitäten angegliedert – wie in Südafrika, Großbritannien oder den USA. Das kann man ja durchaus als Vorteil sehen, dass die Ausbildung so strukturiert ist. Eigentlich alle Fachärzte, die hier sind, sind nicht in Namibia ausgebildet worden. Eine School of Medicine gibt es auch erst seit sieben Jahren – es haben also auch alle im Ausland studiert: die meisten in Südafrika, einige aber auch in Deutschland oder in Großbritannien. Wir haben im Ärzteteam Kollegen aus vielen verschiedenen Nationen – die meisten wissen also, wie es ist, in einem ganz anderen Gesundheitssystem zu arbeiten.

Weltweit könnten 18 Millionen Todesfälle pro Jahr vermieden werden, wenn alle Menschen Zugang zu einer guten chirurgischen Versorgung hätten. Das internationale Netzwerk InciSioN setzt sich dafür ein, dass das anders wird. Seit einem halben Jahr gibt es auch eine Gruppe in Deutschland. Julia Steinle erklärt, was genau globale Chirurgie bedeutet.

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Was für Patienten kommen in der Regel zu Ihnen?

Dr. Jan Wnent: Das Durchschnittsalter der Patienten ist viel, viel niedriger als in Deutschland. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei etwa 64 Jahren. Bei mir auf der Intensivstation sind die Patienten im Durchschnitt um die 40 Jahre alt. Das ist natürlich ganz anders als in Deutschland. Wir haben viel mit Infektionskrankheiten zu tun und auch HIV ist noch ein großes Thema. Allerdings ist die Inzidenz für HIV-Infektionen in den letzten Jahren in Namibia deutlich zurückgegangen. Trotzdem haben wir viel mit HIV-assoziierten Infektionen und Tuberkulose zu tun. Wir haben viele Patienten, die mit schwerer Sepsis zu uns kommen. Aber natürlich gibt es auch die operativen Patienten – also mit einem Trauma nach einem Verkehrsunfall, aber auch Patienten mit Stich- oder Schussverletzungen. Aber es gibt natürlich auch das ganz normale, geplante chirurgische Programm und Patienten, die postoperative Betreuung brauchen. Das ist dann eher wieder mit Deutschland vergleichbar.