Allgemeinmedizin: Individualität garantiert

Mit dem Wechsel in die ambulante Medizin änderten sich schlagartig die Arbeitszeiten für Brückner: Zwar gibt es für niedergelassene Ärzte auch Fahrdienste und Bereitschaftsdienste, doch meist kann sie trotz ihrer Vollzeittätigkeit Carlo zwischen drei und vier Uhr aus dem Kindergarten abholen, bis auf montags, wenn sie einen langen Sprechstundentag bis 18.30 Uhr hat. Finanziell ist Brückner jetzt zwar ein bisschen schlechter gestellt, bereut hat sie diesen Schritt nicht: „Carlo freut sich sehr und ich bin beruflich wie privat auch total zufrieden und habe deutlich mehr Erholungsphasen als vorher“, sagt sie. Als Gehalt bekommt sie die 3 500 Euro, die die Kassenärztliche Vereinigung an die Praxis für die Weiterbildung eines jungen Kollegen zahlt, hinzu kommt noch ein Bonus der Praxisinhaber sowie 250 Euro Förderung durch die Thüringer Stiftung, deren Stipendiatin sie jetzt ist.

Stipendium ein großer Erfolg

"Die Stiftung habe gezeigt, wie man Ärzte unterstützen kann, sich in Erfurt, in Eisfeld, in Bad Klosterlausnitz oder in Heringen niederzulassen", betonte Dipl.-Med. Regina Feldmann, Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), die anlässlich des fünfjährigen Bestehens der Stiftung am 22. Juli die Praxis von Schmidt in Erfurt besuchte. Vor fünf Jahren habe sie als damalige Vorsitzende der KV Thüringen und „Mutter der Stiftung“ Mühe gehabt, der Landesregierung zehn Stipendien abzuringen. Heute habe die Stiftung mehr als 100 Stipendiaten. „Das ist ein großer Erfolg.“

Konkret fördert die Stiftung die ambulante fachärztliche Weiterbildung bis zu 60 Monate lang mit monatlich 250 Euro. Neu im Förderpaket der Stiftung sind ferner Stiftungspraxen, in denen junge Ärzte zunächst angestellt arbeiten, jedoch mit dem Ziel, die Praxis später zu übernehmen. Eine solche Praxis gibt es im Moment in Gräfenthal, eine weitere soll im Oktober in Gera öffnen. Seit Juli dieses Jahres werden zudem auch Famulaturen in einer thüringischen Hausarztpraxis sowie Tertiale in der Allgemeinmedizin im praktischen Jahr mit monatlich 250 Euro gefördert.

Vorlage zur Förderung auf Bundesebene

Das Thüringer Modell diene inzwischen auch als Vorlage für eine Stiftungsidee zur Förderung der ambulanten Weiterbildung auf Bundesebene, sagte Feldmann. Ein Konzept sei fertig; derzeit befinde man sich in Gesprächen mit dem Bundesgesundheitsministerium. „In Thüringen wird sichtbar, was erreicht werden kann, wenn alle an einem Strang ziehen“, betonte sie. „Das, womit wir in Thüringen vor Jahren angefangen haben – nämlich um junge Ärzte zu werben, die sich niederlassen – das versuchen wir jetzt auch bereits gezielt im Bundesmaßstab“, erklärte Feldmann mit Verweis auf die KBV-Kampagne „Lass Dich nieder!“, die gezielt Medizinstudierende anspricht. Es sei nötig, bereits im Studium mit der patientennahen Betreuung im ambulanten Bereich zu beginnen und die Studierenden mit den Arbeitsbedingungen in der ambulanten Versorgung vertraut zu machen.

In der Tat sind bei vielen Medizinstudierenden die Vorstellungen darüber, wie die Arbeit als Hausarzt aussieht, sehr unkonkret. Fakt ist, dass ein Hausarzt viel mehr ist, als ein „Husten-Schnupfen-Doktor“. „Natürlich spielen Infektionen in der Praxis eine große Rolle“, räumt Schmidt ein. Phasenweise wiesen bis zu 50 Prozent der Patienten solche Symptome auf. Und auch jetzt untersucht er eine Patientin mit Verdacht auf Angina tonsillaris.

Praxisalltag geprägt von Volkskrankheiten

Die häufigsten Krankheitsbilder im Praxisalltag seien jedoch die Volkskrankheiten, vor allem bei den älteren Patienten, die einen Großteil des Patientenstamms ausmachen: Hypertonie, Herzinsuffizienz, COPD/Asthma und Diabetes mellitus. Der Hausarzt habe dabei den Vorteil, dass er die Familiensituation der Patienten kenne. Dies helfe dabei, die richtigen therapeutischen Maßnahmen bei den Krankheiten auszuwählen. Das Betreuen der Patienten über Jahre ermögliche zudem, einen positiven Einfluss auf den Krankheitsverlauf zu nehmen, indem man die Patienten unterstütze.

Neben den orthopädischen Krankheitsbildern und den Volkskrankheiten gehören psychosomatische Erkrankungen zum Alltag eines Hausarztes. Brückner hält deshalb das „Zuhören können“ und eine gewisse Begabung im Umgang mit Menschen für eine Hausarzttätigkeit für wesentlich. Aber auch Prävention gehört zu den Aufgaben der Hausärzte, beispielsweise das Verabreichen von Impfungen. Hier ist sich Brückner manchmal noch ein bisschen unsicher. Das ist jedoch kein Problem: „Bei Unklarheiten kann ich jederzeit Mark fragen“, erklärt sie schmunzelnd. Nachdem auch die beiden besprochen haben, welche Impfungen das junge Mädchen vor ihrer Urlaubsreise noch benötigt, und die Vormittagssprechstunde beendet ist, ist Schmidt verschwunden. Kurze Zeit später steht er in Alltagskleidung am Tresen und verkündet: „Ich bin dann mal weg.“

Brückner weiß Bescheid: „ Er hat heute einen Grillabend und muss noch Fleisch und Bier besorgen.“ Undenkbar in der Klinik – in der Praxis sei das jedoch kein Problem. „Hier ist die Zeiteinteilung einfach viel freier und individueller.“

So wird man Allgemeinmediziner

Insgesamt fünf Jahre dauert die Weiterbildung zum „Facharzt für Allgemeinmedizin“. In der (Muster-)Weiterbildungsordnung der Bundesärztekammer sind während der Weiterbildung drei Jahre im Gebiet der Inneren Medizin vorgesehen. Davon können bis zu anderthalb Jahre in den Gebieten der Patientenversorgung und diese auch im ambulanten Bereich angerechnet werden. Außerdem sind zwei Jahre in der ambulanten hausärztlichen Versorgung vorgesehen. Man kann aber auch bis zu sechs Monate dieser Zeit in der Chirurgie absolvieren. Die Inhalte können ein weites Spektrum umfassen. Die Grundlagen der Palliativmedizin gehören genauso dazu wie die Sportmedizin. Seit 2012 zudem ist das sogenannte Landarztgesetz in Kraft getreten. Um das Arbeiten auf dem Land attraktiver zu machen, fällt die „Residenzpflicht“ weg, das heißt, ein Allgemeinarzt muss nicht mehr direkt vor Ort wohnen, wenn er eine Praxis führen will.

Quelle: Dieser Artikel ist erschienen in "Medizin studieren", 4/2014; S.16

Dieser Artikel wurde uns zur Verfügung gestellt von

Der Weg in die Selbständigkeit: News, Tipps und rechtliche Rahmenbedingungen rund um das Thema Ärztliche Niederlassung findest du rubrikübergreifend hier.