Ärzte überschätzen die Gesundheitskompetenz der Patienten

Viele Patienten können mit medizinischen Begriffen weniger anfangen, als Ärzte erwarten. „Angina pectoris“, „Reflux“, „Sodbrennen“ oder „Body Mass Index“ sagen vielen medizinischen Laien nichts oder die Begriffe sind ihnen unklar.

Im Gespräch mit Patienten müssen Ärzte viel erklären: Viele Fachbegriffe sind medizinischen Laien nicht bekannt – und nicht jeder fragt nach, wenn er etwas nicht versteht. | Eva Katalin Kondor / iStock

Das berichtet eine Arbeitsgruppe um Felix Gundling vom Klinikum Bogenhausen in München in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift.

Die Ärzte befragten für die Studie rund 200 Patienten nach 43 häufigen medizinischen Fachbegriffen. Hinzu kamen Fragen zum Aufbau des menschlichen Körpers. „Leiden Sie unter Angina pectoris?“, war eine Frage in der Erhebung. Ein Drittel der Befragten wusste nicht, wovon der Arzt redet. Ein weiteres Drittel meinte zu wissen, was eine Angina pectoris ist. Bei einer genaueren Befragung konnten sie jedoch nicht erklären, dass es sich um anfallsartige Schmerzen in der Brust handelt, die auf schwere Durchblutungsstörungen im Herzmuskel hinweisen.

Ähnlich steht es offenbar auch bei anderen Begriffen: Etwa die Hälfte der Befragten glaubte zu wissen, was ein Body-Mass-Index, ein Teerstuhl, ein Ödem oder Refluxbeschwerden sind. Auf Nachfrage konnten viele jedoch das Maß für Übergewicht und Fettleibigkeit, die Schwarzfärbung des Stuhls infolge von Darmblutungen, die Wassereinlagerungen im Gewebe bei Herz- und Nierenerkrankungen und das saure Aufstoßen nach dem Essen nicht erklären.

Ansgar Jonietz

Der Informatiker Ansgar Jonietz hat eine Plattform für patientengerechte Übersetzung von medizinischen Befunden gegründet. Die Nachfrage ist immens: Bei Patienten und Medizinern.

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Auch bei deutschsprachigen Begriffen wie Verstopfung, Darmspiegelung oder Sodbrennen waren den Patienten die Zusammenhänge oft unklar. Die Forscher errechneten aus den korrekten Antworten für jeden Patienten eine prozentuale Gesamtpunktzahl. Dieses Ergebnis bewerteten Gundling und sein Team anhand biografischer und soziografischer Einflussfaktoren: Patienten mit längerer Schulbildung konnten die Fragen häufiger richtig beantworten. Frauen verfügten über mehr medizinisches Wissen als Männer. Privatversicherte waren besser informiert als Kassenpatienten. Aber der Fernsehkonsum hatte keinen Einfluss auf den medizinischen Kenntnisstand.

„Die Medienpräsenz vieler Fachbegriffe wie Arteriosklerose oder arterielle Hypertonie garantiert kein Wissen aufseiten der Patienten“, folgert Gundling. Er rät Ärzten, häufiger beim Patienten nachzufragen, ob dieser ihn wirklich verstanden habe. „Je besser ein Patient über seine Erkrankung informiert ist, desto größer ist seine Kooperation bei entsprechender Behandlung“, erinnert er.

Quelle: Deutsche Medizinische Wochenschrift (2019; doi: 10.1055/a-0758-0647)

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