Work-Life-Balance: Es wird Zeit für einen Paradigmenwechsel!

Was fordert Ihr von der Politik?

Anne: Die Politik sollte sich überlegen, ob Arbeitsmodelle aus Skandinavien auch in Deutschland möglich sind. Was spricht gegen sechs Stunden Arbeitszeit mit gleichem Gehalt, wenn man dann sichergehen kann, dass weniger Fehler stattfinden? Und in der Medizin kann ein Fehler den Tod eines Patienten bedeuten.

Julia: Die Politik ist insbesondere den Ärztinnen durch das Mutterschutzgesetz entgegengekommen. Das Ziel des Gesetzes ist es, Weiterbeschäftigung der Schwangeren zu ermöglichen und Alternativen zu gefährdenden Tätigkeiten zu finden. In der Praxis ist das aber noch ein langer Weg. Viele Ärztinnen werden ins Beschäftigungsverbot gedrängt und haben nur die Wahl zwischen Schreibtisch und Tätigkeitsverbot. Was den Mutterschutz angeht, liegt der Ball im Spielfeld der Kliniken. Projekte der Unfallchirurginnen und Orthopädinnen möchten „Operieren in der Schwangerschaft“ (OPidS) durchsetzen – leider nur mäßig erfolgreich. Das soll heißen, auch hier wird ein erfolgversprechendes Konzept nicht umgesetzt. In einer meiner Famulaturen in der Geburtshilfe gab es 90 Prozent weibliche Ärztinnen und alle haben weiter operiert, bis der Bauch sie gehindert hat. Ich fand das beeindruckend. Es ist also machbar! Interessant auch für uns ist die Debatte um Parität: Schon jetzt sind teilweise mehr als 60 Prozent der Medizinstudierenden weiblich, da ist es doch nur logisch, dass mindestens 50 Prozent der hohen Posten und Professuren in der Medizin mit Frauen besetzt ist, eigentlich sogar 60 Prozent.

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Immer noch sind mehr Männer in Führungspositionen zu finden als Frauen. Das gilt genauso für die Medizin wie auch viele andere Berufsfelder. Das Spannungsfeld „Beruf und Familie“ war auch auf der 123. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin ein Thema.

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Wie ist aktuell die Situation für Medizinstudentinnen in der Schwangerschaft?

Julia: Auch das kann man nicht pauschal beantworten. Eine unserer größeren Baustellen zurzeit ist, dass die Bedingungen für schwangere Medizinstudentinnen so unterschiedlich sind. Die Hochschulgesetze in den Bundesländern sind durch den Föderalismus sehr unterschiedlich. Manche enthalten Paragrafen zur Frauenförderung, aus denen sich in den Studienordnungen Äquivalente und Nachteilsausgleiche ableiten. Andere Unis haben gewachsene Strukturen für studierende Eltern, die das Studieren mit Kind sehr erleichtern und auch in der Schwangerschaft hilfreich sind. Manchmal hören wir aber auch von Regelungen, die haarsträubend sind: zum Beispiel keine chirurgischen Kurse in der gesamten Schwangerschaft. Das bedeutet dann im Umkehrschluss, dass es an einigen Unis deutlich einfacher für (werdende) Eltern ist, Studium und Familie unter einen Hut zu bekommen und an anderen Unis die Schwangeren ihren Bauch regelrecht verstecken, um eventuellen Nachteilen zu entgehen.

Gibt es Unterschiede in den verschiedenen Facharzt-Richtungen, was die Familienfreundlichkeit betrifft? Sind Eure Vorstellungen in einigen Fachrichtungen einfacher umsetzbar als in anderen?

Julia: Die erwähnten Beispiele von FamSurg und OPidS sind beides Beispiele aus der Chirurgie, und dabei gilt gerade dieses Fach als besonders wenig familienfreundlich. Vermutlich ist der Nachwuchsmangel hier auch ein Grund dafür, dass sich gerade in dieser Disziplin Initiativen bilden. Die Allgemeinmedizin und die Niederlassung generell gelten als familienverträglich. Aber auch hier findet die Facharztausbildung – außer in der Allgemeinmedizin – überwiegend in der Klinik statt.

Katja: Es gibt Bereiche, in denen man nach acht Stunden regulär nach Hause geht. Mir fallen da spontan die Radiologie und teilweise auch die Anästhesie ein. Auch hier ist die vorgelebte Struktur des Krankenhauses bzw. der Vorgesetzten oftmals ausschlaggebend.

Es gibt viele Möglichkeiten, sich schon während des Studiums für andere einzusetzen – das beweisen die sozialen Initiativen und Vereine, die von Medizinstudenten ins Leben gerufen werden. In dieser Rubrik stellen wir einige davon vor.