Wie man Forschung mit dem Hammer translatiert

"Wer sonst hat die Verantwortung, wenn nicht wir?", fragt der Medizinstudent und Autor Deniz Tafrali in diesem Gastbeitrag. Angesichts der sich rasant entwickelten Technik seien gerade Naturwissenschaftler gefordert, um neue technischen Entwicklungen kritisch zu prüfen und einzuordnen.

Deniz Tafrali studiert in Graz Humanmedizin

Nietzsche war seiner Zeit in vielen Dingen voraus. Insbesondere war er ein virtuoser Philosoph und Künstler, der uns gelehrt hat, wie man mit dem Hammer philosophiert. Denn während Michelangelo mit Hammer und Meißel meisterhafte Skulpturen wie den David und das Juliusdenkmal erschuf, nutzten andere um das 15. Jahrhundert herum Kriegshammer als Waffen, um wildfremden Menschen den Schädel einzuschlagen.

Das Bild des Hammers ist ein vorzügliches Beispiel für die spektakulären naturwissenschaftlichen und informationstechnologischen Entdeckungen der jüngsten Vergangenheit. Unsere neuen Werkzeuge (z.B. können wir jeglichen Ort der Erde per Google Earth auf dem Smartphone in unserer Hand halten) bringen nämlich auch neue, oft unvorhergesehene Folgen mit sich.

Dys- oder Utopie?

Dass die Justiz der Forschung stets hinterherhinkt, ist fast schon ein Naturgesetz. Doch ist das ein Freifahrtschein, alles machen zu dürfen, was möglich ist? Im Folgenden sind ein paar aufsehenerregende Ideen und Experimente aufgeführt, die einen Denkanstoß zu genau diesem Thema geben sollen:

Wie würde man sich fühlen, wenn man einen Schimpansen dabei beobachtet, wie er einen 10.000 km weit entfernten Roboter allein durch seine Gedanken steuert und zum Laufen bringt? Ist das Telekinese oder einfach nur Käse? Schenkt man Prof. Nicolelis aus der Duke University Glauben, ist sein Schimpanse Aurora Teil eines wunderbaren Experiments gewesen, das die körperliche Integrität von Lebewesen über die gewöhnlichen Grenzen der epidermalen Schicht des Integuments hinaus erweitert. Man bezeichnet Apparaturen, die eine Schnittstelle zwischen Gehirn und Maschine herstellen, als Brain-Computer-Interface.

Das besagte Experiment von Nicolelis et al. am 18. Januar 2008 gestaltete sich wie folgt: Man ließ den Schimpansen Aurora auf einem Laufband gehen und zeigte ihr per Videoübertragung den zu steuernden Roboter in Kyoto, der ebenfalls auf einem Laufband ging. Dessen Bewegungen wurden dabei allein durch die Reize der Elektroden an Auroras Schädel gesteuert. Synchronisierte Aurora ihr Tempo und ihren Gang mit dem des Roboters, wurde sie mit einem Tropfen Orangensaft belohnt. Das Ganze ging ca. eine Stunde lang weiter, bis man schlussendlich Auroras Laufband abschaltete, ihr jedoch weiterhin Orangensaft gab – jetzt nur noch dann, wenn sie den Gang des Roboters gedanklich synchronisierte. Unfassbarerweise schaffte es Aurora trotz des körperlichen Ruhezustandes, den Roboter weiter laufen zu lassen, quasi so, als wäre er fortan ein Teil ihrer selbst geworden.

Die Digitalisierung wird die Arbeit von Ärzten in der Zukunft stark verändern, deshalb tut man auch als Medizinstudent gut daran, sich mit Informatik zu beschäftigen. Gute Lehrangebote zur Medizininformatik gibt es allerdings wenige, da hilft es, sich auf die eigenen Stärken als Medizinstudent zu besinnen.

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Aber wieso an diesem Punkt mit der Forschung aufhören? Was würde zum Beispiel passieren, wenn man das Gehirn eines Säugetieres mit dem eines oder mehrerer anderer Säugetiere verbindet, also eine Art Brain-to-Brain-Interface erschafft? Naheliegend wäre es natürlich, diese geistige Agglutination, analog zum Internet, Brainets zu nennen. Würde man das mit menschlichen Hirnen machen, verlöre das Ich, wie wir es kennen, wohl jegliche Existenzberechtigung.

Als Nächstes etwas, das zwar noch nicht umgesetzt ist, aber in absehbarer Zukunft Realität sein könnte: Laut Oxford-Philosophin Rebecca Roache wird es in der Zukunft möglich sein, Straftätern eine Haftstrafe von über 1.000 Jahren zu verhängen, die sie auch wirklich absitzen. Wie? Menschen werden einfach unendlich lang leben. Die Sens research foundation forscht schon seit Jahren daran, unendliches Leben zu ermöglichen. Eine weitere Möglichkeit der Bestrafung wäre es, nicht unendlich lang zu leben, sondern Verbrechern nur das Gefühl zu geben, beinahe unendlich langsam zu leben – durch perzeptive Zeitdilatation mittels psychoaktiver Substanzen. Einstein als Pazifist und Erstbeschreiber der (physikalischen) Zeitdilatation würde das wahrscheinlich grausam finden. Aber was weiß schon Albert Einstein; er hat ja auch die Atombombe "durchgewunken".

Wichtiger als der klinische Alltag 

Translationale Medizin – „die evidenzbasierte Bemühung der Biomedizin, Resultate der Grundlagenforschung in den klinischen Alltag zu integrieren.“

Derartige Forschungsergebnisse sind, wenn in den klinischen Alltag übersetzt, unfassbar nützlich. Querschnittsgelähmte, die wieder durch ein Exoskelett gehen können, oder geniale Forscher, die ihr Wissen tausende Jahre lang unterrichten, sind nur zwei Anwendungsbeispiele. Doch es ist leicht nachvollziehbar, dass derlei Wissen auch z.B. von Regierungen oder Terroristen missbraucht werden kann. Nicht nur die Ethikkommissionen an Universitäten, sondern auch wir sind dazu angehalten, Forschung ständig zu evaluieren und ihr gegebenenfalls entgegenzuwirken. Wie könnte das aussehen? Hier ein Vorschlag:

1. Man sollte sich der potentiellen Gefahren scheinbar spektakulärer Forschungsergebnisse bewusst sein. Wer sagt denn, dass die Entdeckungen von Nicolelis nur für Querschnittsgelähmte genutzt werden und nicht vom Militär für gedankengesteuerte Raketen oder Kampfroboter? Wer sagt, dass jeder ein unendliches Leben haben wird und nicht nur privilegierte Eliten? Und falls doch jeder irgendwann unendlich lang existiert – welchen Sinn hat das Leben ohne den Tod?

2. Wir Naturwissenschaftler müssen uns wieder daran erinnern, dass wir mehr als alle anderen kritisch zu denken haben. Wer sonst soll denn die Gesellschaft vor potentiellen Folgen neuer Technologien warnen und wichtiger: schützen? Die Justiz mit Sicherheit nicht, die kommt immer erst, wenn alles zu spät ist – Prävention ist nicht ihre Stärke. Nur wir, die wir Naturwissenschaftler werden, an derartiger Forschung mitarbeiten und über sie Bescheid wissen, haben die Verantwortung, über den Tellerrand zu schauen und potentielle Gefahren abzuwenden.

3. Wir sollten den Mut haben, Bedenken auszusprechen, es auch wirklich machen und öffentliche Diskussionen beginnen. Auch wenn Rokos Basilisk uns höchstwahrscheinlich lynchen wird.

Wer sonst hat die Verantwortung, wenn nicht wir? Sehen wir uns selbst mit dem Hammer in der Hand als Michelangelo oder als gewöhnlicher Soldat für den falschen Zweck?

Deniz Tafrali ist seit 2013 Medizinstudent an der Universität Graz. Er gründete im Oktober 2015 das Internetunternehmen get-to-med, eine Lernplattform mit Aufgaben und Lösungen zur Vorbereitung auf den Medizinertest in Österreich (MedAT). Er ist Redakteur der Studentenzeitschrift "Medizynisch" und Autor der beiden Lernskripte für die Eingangsprüfung der Humanmedizin: MedAT 2018/19: Das Lernskript für den BMS und HAM-Nat 2018/19: Das Lernskript für den naturwissenschaftlichen Auswahltest in Hamburg, Berlin und Magdeburg.

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