Warum ein junger Arzt in Uganda Ziegen verschenkt

Schon vor seinem Medizinstudium hat Dr. Robert Wunderlich gemeinsam mit einer Freundin den Verein „Schenke eine Ziege“ gegründet, der Kleinbauern in Uganda unterstützt. Inzwischen blickt das Projekt auf 13 erfolgreiche Jahre zurück. Im Interview zieht Wunderlich Bilanz und gibt Tipps für alle, die selbst ein Hilfsprojekt im Ausland gründen möchten.

Herr Dr. Wunderlich, Ihr Verein heißt „Schenke eine Ziege“. Wem schenken Sie denn Ziegen und warum?

Dr. Robert Wunderlich: Wir verschenken Mutterziegen an bedürftige Kleinbauern-Familien in Uganda. Dieses Geschenk ist aber an Bedingungen geknüpft: Wir bieten den Familien erst ein Jahr lang Workshops zum Beispiel zu HIV-Prävention, Hygiene, Landwirtschaft und Viehhaltung, Gleichstellung von Mann und Frau und anderen Themen an. Die Ziege gibt es dann, wenn alle Schulungen besucht wurden. Und so eine weibliche Ziege hat für die Familien einen großen Nutzwert: Sie gibt Milch, die vor allem die Kinder vor Mangelerscheinungen schützt. Außerdem können die Familien eine eigene Ziegenzucht aufbauen.

Wie ist es zu der Vereinsgründung gekommen?

Dr. Robert Wunderlich: Ich war 2005 nach dem Abitur mit einer Freundin für ein halbes Jahr in Uganda – wir wollten vor dem Studium noch etwas Sinnvolles machen. Wir waren dort an einer Handwerks- und Sekundarschule in der relativ gut entwickelten Stadt Masaka in Zentraluganda – das ist schon ein Unterschied zum ländlichen Bereich. Aber es war eben ganz anders, als wir es uns vorgestellt haben – wir hatten Filme über Afrika gesehen und wussten sonst nicht so viel darüber. Wir hatten den Auftrag, Deutsch und Englisch zu unterrichten – allerdings konnten die Kinder dort wesentlich besser Englisch als wir, weil es ja ihre Muttersprache ist (lacht). Wir haben uns dann überlegt, wie wir das Beste aus der Situation machen können: So haben wir dann z.B. Hygieneschulungen veranstaltet, eine Gesundheits-AG gegründet und die Krankenstation an der Schule renoviert. Der Schulleiter hat uns dann zu sich nach Hause mitgenommen – in den westlichen Distrikt Kasese. Dort haben wir das Leben der Kleinbauern kennengelernt und uns überlegt, dass wir diesen Menschen helfen möchten.  

Wie ging es dann weiter?

Dr. Robert Wunderlich: Uns war schnell klar, dass es vor allem um Bildung gehen sollte. Vor allem im ländlichen Bereich gibt es noch nicht so viele Bildungsmöglichkeiten. Wir wollten etwas aufbauen, wo die Menschen Berufe lernen, die sie tatsächlich brauchen. Die Schulen sind oft sehr akademisch – dort lernen sie Biologie, Physik und Chemie. Aber sie müssen auch ihre Felder bestellen und schneidern oder schreinern können – und so etwas haben sie in der Schule nie gelernt. In Uganda kosten Schulen Schulgeld – und das ist auch sinnvoll, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass die Familien ihre Kinder sonst nicht regelmäßig zum Unterricht schicken. Nur, was etwas kostet, wird auch als wertvoll eingeschätzt. Aber das müssen sich die Kleinbauern natürlich leisten können. Und hier kommen die Ziegen ins Spiel: Durch die Tierzucht können die Familien Geld verdienen, um unter anderem auch das Schulgeld zu bezahlen.

Warum ausgerechnet Ziegen?

Dr. Robert Wunderlich: Wir haben über verschiedene Tierarten nachgedacht. Schweine sind aus religiösen Gründen nicht für alle Familien geeignet, Rinder sind zu aufwändig und brauchen zu viel Platz, Hühner sind relativ krankheitsanfällig. Dann sind wir auf die Ziege gekommen: Ziegen werden in Uganda auch schon gehalten, aber viele Kleinbauern können sich das nicht leisten. So sind wir auf die Idee gekommen, die Einkommensgenerierung durch Ziegenzucht zum zweiten Baustein unseres Engagements zu machen – neben der Bildung. Und damit die Ziegen nicht sofort geschlachtet werden, haben wir das Modell entwickelt, erstmal die Schulungen anzubieten. Diese Schulungen sind die Voraussetzung, um eine Ziege zu bekommen – so entwickeln die Menschen ein Verständnis dafür, wie die Ziege langfristig zu ihrem Wohlstand beitragen kann.

Wie beeinflusst das Projekt das Leben der Menschen vor Ort noch?

Dr. Robert Wunderlich: Durch die Schulungen entstehen verschiedene Familiengruppen, in denen sich die Menschen auch über das eigentliche Ziegenprojekt hinaus unterstützen. Da gibt es z.B. ein Mikrosparprogramm, bei dem jeder regelmäßig kleine Beträge einzahlt. Und dann können sich alle gemeinsam z.B. einen großen Kochtopf kaufen, den sie dann benutzen, aber auch vermieten können. Sie organisieren sich auch, wenn jemand krank wird und ein Krankenhausaufenthalt bezahlt werden muss. Das können sie dann auch aus dieser Kasse finanzieren.

Sie haben diesen Verein vor und während Ihres Studiums aufgebaut. Wie haben Sie das alles unter einen Hut bekommen?

Dr. Robert Wunderlich: Wir haben den Verein 2006 gegründet – da habe ich schon an der Charité in Berlin studiert. Während des Studiums war es schon etwas einfacher als jetzt neben dem Beruf. Während der Semesterferien war natürlich mehr Zeit als im Arbeitsleben. Außerdem konnte ich viele meiner Freunde für das Projekt begeistern – das war toll, weil ich während der Arbeit für den Verein auch automatisch Zeit mit meinen Freunden verbracht habe. Für mich war das eine gute Methode, damit auch das Privatleben nicht zu kurz kommt. Als Doppelbelastung zwischen Studium und Engagement habe ich es eigentlich nicht empfunden.

Wie hat sich das Projekt seit 2006 entwickelt?

Dr. Robert Wunderlich: Kurz nach der Vereinsgründung in Deutschland haben wir in Uganda das Pendant „Give a goat – Africa“ gegründet. Das ist eine Organisation nach ugandischem Recht, die von uns vollkommen unabhängig ist. Inzwischen arbeiten dort über 30 hauptamtliche Mitarbeiter. Ziel war es, dass das alles aus ugandischem Antrieb funktioniert. Insgesamt haben wir über 3.500 Menschen für das Projekt ausgewählt – jedes Jahr werden etwa 60 neue Familien aufgenommen. Die Handwerks- und Sekundarschule ist derzeit im Bau. Ziel ist es, dass sich das Projekt in Afrika auch ohne unsere Hilfe tragen kann – das wollen wir 2021/22 erreichen. Im Idealfall müssen wir aus Deutschland dann gar nicht mehr dort tätig sein. Aber ob wir uns dann aus Uganda zurückziehen oder uns einer anderen Region zuwenden, ist noch völlig offen.

Schenke eine Ziege e.V.

„Schenke eine Ziege“ ist ein gemeinnütziger, eingetragener Verein und beschäftigt sich mit der Entwicklungszusammenarbeit zwischen Uganda und Deutschland.

Mehr Infos: www.schenke-eine-ziege.de
Kontakt per E-Mail: Info@schenke-eine-Ziege.de

Was raten Sie Studenten, die sich während des Studiums auch engagieren und ein Projekt ins Leben rufen wollen?

Dr. Robert Wunderlich: Wir sind damals schon etwas blauäugig an die Sache rangegangen. Es gibt ja sehr viele Projekte, wo mehr schlecht als recht Geld irgendwohin geschafft wird und von denen viele einfach nicht funktionieren. Wir haben uns vorher überhaupt nicht informiert, wie es bei anderen so läuft. Heute denke ich, das sollte der erste Schritt sein: Wenn man in einem Auslandspraktikum oder einer Famulatur eine tolle Erfahrung gemacht hat und da jetzt helfen will, sollte man sich erstmal umschauen, was es in dem Bereich schon gibt. Da ist ja vielleicht schon etwas dabei, das man unterstützen kann. Und wenn man dann nichts findet, was der eigenen Idee entspricht, kann man ja immer noch seinen eigenen Verein gründen. Aber dann muss man sich darüber im Klaren sein, dass die Menschen nicht darauf gewartet haben, dass jemand aus Deutschland kommt und ihnen hilft. Wenn man so ein Projekt falsch anpackt, kann man damit auch Schaden und Abhängigkeiten anrichten. Deshalb wollten wir uns da auch nicht mit unserem Privatgeld einbringen. Wenn man dann irgendwann aussteigt, weil einem zum Beispiel das Geld ausgeht, dann ist auch das Projekt davon abhängig. Prinzipiell lohnt sich Engagement auf jeden Fall – man darf da nur nicht leichtfertig vorgehen.

Wie kann man „Schenke eine Ziege“ unterstützen?

Dr. Robert Wunderlich: Wir freuen uns natürlich über ein Engagement bei uns. In Deutschland sollten das Leute sein, die sich auch langfristig vier bis sechs Stunden pro Woche einbringen können. Praktikanten, die nur kurz bleiben möchten, sind in der Einarbeitung aufwändiger, als sie uns tatsächlich Arbeit abnehmen können. Mögliche Aufgaben wären z.B. Medien- und Pressearbeit, IT und Marketing. In Uganda sollte das Engagement mindestens drei Monate dauern, das ist bei uns Pflicht. Außerdem sollte man schon sein Studium oder eine Berufsausbildung abgeschlossen haben. Wir möchten da eigentlich keine Freiwilligen, die zwischendurch mal zwei Wochen Zeit haben – das ist nicht zielführend. Aber für frisch ausgebildete Ärzte, aber auch Krankenschwestern, Sozialarbeiter, Hebammen, Elektroingenieure, Handwerker,… gibt es immer genug zu tun. Außerdem kann man uns auch finanziell unterstützen: Wir haben Ziegenpatenschaften, die man übernehmen kann. Das sind keine echten Ziegen, die für die Spende gekauft werden, sondern ideelle: Das kann man sich einfach besser vorstellen als einen abstrakten Spendenbetrag. Für 25 Euro gibt es eine Ziege, für 50 Euro ein Ziegenpaar und für 100 Euro eine Ziegenfamilie. Außerdem gibt es auch in diesem Jahr wieder einen schönen Fotokalender mit Bildern aus Uganda – damit wird die Vereinsarbeit unterstützt.

Es gibt viele Möglichkeiten, sich schon während des Studiums für andere einzusetzen – das beweisen die sozialen Initiativen und Vereine, die von Medizinstudenten ins Leben gerufen werden. In dieser Rubrik stellen wir einige davon vor.