Vorbereitet auf den Ernstfall: Wahlfach „Katastrophenmedizin“ in Tübingen

Erdbeben, Terroranschlag oder Jahrhundertsturm: Wenn etwas Schlimmes passiert, ist schnelle medizinische Hilfe gefragt. Das neue Wahlfach „Katastrophenmedizin und humanitäre Hilfe“ an der Uni Tübingen will Medizinstudenten darauf vorbereiten. Im Interview erklärt der Arzt Dr. Robert Wunderlich M.Sc.DM, wie genau das abläuft.

Die Tübinger Feuerwehr demonstriert als Teil des Kurses, welche Ausrüstungsgegenstände beim Umgang mit Gefahrgut verwendet werden. | Robert Wunderlich

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Der Höhepunkt des September-Kurses war eine Katastrophenübung in einem Steinbruch bei Tübingen. Was wurde da genau gemacht?
Bei dieser Übung wurde alles zusammengeführt, was die Studenten in den Tagen davor gelernt haben. Das Szenario war, dass es nach einem Erdbeben ein heftiges Nachbeben gegeben hat – und Menschen, die Unterschlupf gesucht haben, davon betroffen waren. Das hat mit einem lauten Knall angefangen – dann kam ein Notruf und das erste Studententeam musste als Notarzt-Team für eine erste Lageerkundung auf das Gelände. In diesem Szenario haben sie vor Ort 20 Betroffene vorgefunden, die hauptsächlich Traumaverletzungen durch herabfallende Steine und andere Baustoffe hatten. Andere Teams haben zum Beispiel die Gesamtleitung oder die Leitung des Behandlungsplatzes übernommen oder sich um die medizinische Erstversorgung vor Ort gekümmert. Dafür haben wir eng mit dem Deutschen Roten Kreuz (DRK), der Johanniter Unfallhilfe (JUH) und dem Technischen Hilfswerk (THW) zusammengearbeitet. Das THW war zum Beispiel für die Beleuchtung vor Ort zuständig, das DRK hat den Rettungsplatz vorbereitet und Freiwillige der JUH als Patientendarsteller vor Ort. Wir sind wirklich sehr dankbar, dass diese Kooperationen so gut funktionieren und uns diese Organisationen unterstützen.

Woher haben Sie die Ideen für diesen Kurs?
Ich habe zusätzlich zum Medizinstudium noch einen Master in „Disaster Medicine“ gemacht – das ist eine Kooperation der Universitäten in Brüssel und Novara (Italien). Dort haben wir ähnliche Übungen auch schon gemacht. Wir haben Szenarien entwickelt und hatten eine Art Drehbuch, wie die Übung ablaufen soll. Die Studierenden selbst wurden erst 45 Minuten vorher gebrieft – viele Ereignisse kamen dann überraschend auf sie zu. Aber das ist ja auch so wie im echten Katastrophenfall. Die Teilnehmer bekommen am Sammelpunkt ihre Ausrüstung, und dann warten sie darauf, dass der Notruf eingeht und sie sich erstmal mit der Lage vertraut machen können.

Wie reagieren die Studierenden auf diese Situation? Wie ist das Feedback?
Die Studierenden werden ja von der Situation völlig überrascht. Das ist auch eine gewisse Überforderung – aber auch das ist etwas, das im Ernstfall ganz normal ist, bevor man Ordnung in das Chaos gebracht hat. Die Reaktionen sind ganz verschieden. Wir hatten zum Glück noch keinen Studenten, der völlig überwältigt war. Wir beobachten eher eine positive Form des Stresses: Die sagen eher: „Wir wollen jetzt hier helfen“ und nehmen die Situation als extrem real wahr. Da vergessen sie schnell, dass es eigentlich nur eine Übung ist. Die Studenten sind in dieser Situation sehr intensiv gefordert und nehmen das auch ernst. Aber dabei merken sie auch schnell: Wenn sie sich an die Konzepte und Abläufe halten, die sie im Kurs gelernt haben, funktioniert es auch gut. Die Zusammenarbeit mit den anderen Organisationen ist in der Anfangsphase natürlich holprig, aber auch das ist ja ganz realistisch. Die Übung ist für eineinhalb Stunden angelegt, und jetzt im September waren wir schon 15 Minuten vorher fertig. Das war für alle ein tolles Erfolgserlebnis – bei dem Debriefing hinterher war die Stimmung richtig euphorisch.

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Dieses Wahlfach ist in dieser Form in Deutschland ja einzigartig. Warum werden diese Inhalte sonst im Studium nicht behandelt?
Eigentlich sollte es das geben. Es gibt seit vielen Jahren ein Curriculum Katastrophenmedizin, das wir jetzt als Basis genommen haben. Die Dekane der medizinischen Fakultäten haben damals dem zuständigen Ausschuss im Bundesinnenministerium zugesichert, dass diese Inhalte unterrichtet werden sollen. Und eigentlich sollte auch im klinischen Teil des Studiums Katastrophenmedizin unterrichtet werden – das ist im Lehrplan als Notiz enthalten. Allerdings habe ich mich in meiner Masterarbeit damit beschäftigt, was Medizinstudenten tatsächlich über die Katastrophenmedizin wissen. Dazu haben wir 1.000 Teilnehmer aus allen medizinischen Universitäten gefragt, wie sie ihr Wissen zu verschiedenen Teilbereichen der Katastrophenmedizin selbst einschätzen. Das Ergebnis war, dass sie nur dann Kenntnisse hatten, wenn es direkte Berührungspunkte zur Notfallmedizin gab. Ansonsten war kaum Wissen zur Katastrophenmedizin vorhanden. Neben unserem Wahlfach gibt es in Berlin einen gemeinsamen Kurs der Charité und des Bundeswehrkrankenhauses zum Thema – der ist aber etwas militärischer ausgerichtet. Und das Deutsche Institut für Katastrophenmedizin bietet in Ulm eine Sommerakademie an. Das sind die drei Angebote, die ich kenne. Als reines Wahlfach gibt es das nur bei uns.

Bisher ist der Kurs in Tübingen ja noch ganz neu. Was ist da für die Zukunft geplant?
Das Dekanat hat uns die Finanzierung für vier Kurswochen bewilligt. Wir haben den Kurs im Frühjahr das erste Mal abgehalten. Aber mir ist wichtig, dass dieses Thema darüber hinaus fest institutionalisiert wird und wir dieses Wahlfach die nächsten Jahre hier in Tübingen anbieten können. Wenn der Kurs gut evaluiert wird – und danach sieht es im Moment aus – dann kann das Fach auch hoffentlich in den Regelbetrieb übergehen.