„Viola“ klärt Studenten über Kindesmisshandlung auf

Der kleine Patient wirkt verstört und hat auffällige blaue Flecken: Mit Symptomen, die auf Kindesmisshandlung hinweisen, werden nicht nur Kinderärzte konfrontiert. Wie reagiert man als Arzt, wenn so ein schwerwiegender Verdacht im Raum steht? Darüber klärt die bvmd-Initiative „Viola“ auf. Im Interview erklärt Projektleiterin Débora-Michèle Grote Urtubey, wie man Misshandlung erkennt und warum das Thema kein Tabu sein darf.

Gewalt kann es in jeder Familie geben. Damit junge Ärzte im Verdachtsfall wissen, was zu tun ist, klärt das bvmd-Projekt "Viola" Medizinstudenten über das Thema auf. | ia_64 - stock.adobe.com

Frau Grote Urtubey, warum ist es so wichtig, Medizinstudenten über das Thema Kindesmisshandlung aufzuklären?

Débora-Michèle Grote Urtubey: Das Thema sollte eigentlich für jeden ein wichtiges Thema sein. Bei uns in der Gesellschaft kommt Kindesmisshandlung leider zu häufig vor und wird oft tabuisiert – das sollte nicht so sein. Durch ihren Kontakt zu Kindern als Patienten haben Ärzte – auch zukünftige Ärzte – eine besondere Verantwortung. Deshalb ist es wichtig, Medizinstudenten oder auch Assistenzärzte gegenüber Kindesmisshandlung zu sensibilisieren und entsprechend auszubilden. Durch die Untersuchung der kleinen Patienten haben Ärzte einen anderen Einblick in deren Leben und oft auch ein besonderes Vertrauensverhältnis. Ein Mediziner kann deshalb unter Umständen besser erkennen, dass ein Kind misshandelt wird.

Die Initiative „Viola“ bietet Workshops an, in denen Sie Studierende zum Thema Kindesmisshandlung aufklären. Um welche Inhalte geht es konkret?

Débora-Michèle Grote Urtubey: Zunächst wollen wir ein Grundwissen schaffen. Am Anfang erklären wir, welche Formen von Kindesmisshandlung es gibt: Da geht es um die Unterschiede zwischen körperlicher Gewalt, seelischer Gewalt, sexueller Gewalt und Vernachlässigung. Dann besprechen wir, wie man diese Formen von Misshandlung erkennt und welche Differentialdiagnosen es gibt. Ein anderes Thema ist, welche Rechte und Pflichten man als Arzt hat – vor allem im Zusammenhang mit der Schweigepflicht. Auch Prävention ist ein Thema – und natürlich, welche Konsequenzen Kindesmisshandlung haben kann. Die erlebt man dann gegebenenfalls auch später als Arzt wieder mit. All diese Themen vermitteln wir auf verschiedenen Wegen: Es gibt zum Beispiel Dozentenvorträge, Filmabende, Exkursionen zu Organisationen oder Diskussionsrunden.

Wie erkennt man denn als Arzt, ob ein Kind misshandelt wird?

Débora-Michèle Grote Urtubey: Dafür gibt es kein Pauschalrezept, mit dem man immer auf der sicheren Seite ist. Aber natürlich gibt es Hinweise: Je nach Form der Misshandlung kann das eine Veränderung im Verhalten des Kindes sein. Vielleicht sieht das Kind verwahrlost aus oder hat verdächtige Verletzungen. Wichtig ist, dass Misshandlung in jeder Familie vorkommen kann, und dass jede Form von Misshandlung eine Kindeswohlgefährdung bedeutet. Man sollte als Arzt die Augen offenhalten und die Möglichkeit nicht einfach ausschließen.

Wie sollte man als Arzt vorgehen, wenn man einen entsprechenden Verdacht hat?

Débora-Michèle Grote Urtubey: Wie immer ist die Anamnese der erste Schritt. Wenn man einen Verdacht hat, sollte man die Anamnese und Diagnostik abschließen und alles sehr gründlich dokumentieren – das ist extrem wichtig. Denn falls sich der Verdacht bestätigt, dient die Dokumentation – zum Beispiel mit Hilfe von Fotos oder Schematafeln – auch der Beweisführung. Wenn das Kind alt genug ist, sollte man danach das Kind selbst ansprechen und auch vorsichtig das Gespräch mit den Eltern suchen. Im Gespräch kommt es darauf an, herauszufinden, wie die Situation zu Hause ist, was vorgefallen ist, um ein bisschen das Gefühl für die Situation der Familie zu bekommen und eventuell auch Hilfe anbieten zu können. Aber als Arzt kann man sich auch selbst Beratung und Hilfe suchen: Zum Beispiel kann man dem Jugendamt anonymisierte Daten vorlegen und sich dort beraten lassen, wie man am besten weiter vorgeht oder ob das Jugendamt direkt einschreiten soll. In diesem Fall würde man die Daten in nicht-anonymisierter Form an das Jugendamt weitergeben.

Siegel

Dr. Jens Siegel stellte den Teilnehmern des Operation Karriere-Kongresses in Hamburg die Kinder- und Jugendmedizin vor.

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Welche Rolle spielt die ärztliche Schweigepflicht in diesem Zusammenhang?

Débora-Michèle Grote Urtubey: Viele Ärzte haben davor Angst, die Schweigepflicht zu brechen und sich strafbar zu machen, wenn sie von solchen Verdachtsmomenten berichten und entsprechende Daten weitergeben. Aber diese Angst ist unbegründet: In Deutschland ist das Kindeswohl das höhere Rechtsgut. Damit darf man die Schweigepflicht in besonderen Fällen brechen. Obwohl keine Meldepflicht bei einem Verdacht besteht, gilt sogar: Wenn sich herausstellt, dass das Kind akut gefährdet war und der Arzt mit Berufung auf die Schweigepflicht die Daten zurückgehalten hat, kann er sich auch strafbar machen. Wenn das Jugendamt deshalb nicht einschreiten konnte, kann der Arzt wegen unterlassener Hilfeleistung belangt werden.

Welche Rolle spielt die Prävention?

Débora-Michèle Grote Urtubey: Wichtig ist es immer, mit den Familien zu sprechen. Gerade Kinderärzte sehen die Kinder und ihre Eltern öfter – zumindest, wenn alles gut läuft. Man hat ja auch ein Gefühl für gewisse Risikofamilien: Wenn die Eltern überfordert sind und nicht mit dem Kind klarkommen, gibt es verschiedene Organisationen, die die Eltern unterstützen können. Das ist in jeder Stadt ein bisschen anders organisiert – da sollte man als Arzt passende Kontakte kennen und vermitteln können. So lässt sich eventuell schon Schlimmeres verhindern.

Warum ist es so wichtig, beim Kinderschutz auch interprofessionell zu arbeiten?

Débora-Michèle Grote Urtubey: Man darf als Arzt seine eigenen Kompetenzen auf keinen Fall überschätzen. Falsch wäre es, den Helden spielen zu wollen. Bei einem so sensiblen Thema ist es wichtig, sich von Experten beraten zu lassen – das kann das Jugendamt sein oder eine Kinderschutzgruppe im Krankenhaus. Niemand muss sich als Arzt alleine mit dem Verdachtsfall auseinandersetzen. Das gibt ja auch Sicherheit und hilft, für das Kind bessere Bedingungen zu schaffen.

Das bvmd-Projekt „Viola – Gemeinsam gegen Kindesmisshandlung“ richtet sich gegen die Misshandlung, Vernachlässigung und den (sexuellen) Missbrauch von Kindern und Jugendlichen.

Du willst mitmachen?

Wer sich auf lokaler Ebene einbringen oder an seiner Fakultät eine neue Lokalgruppe gründen möchte, ist herzlich willkommen. Gesucht wird außerdem eine Unterstützung für die bundesweite Projektleitung.

Mehr Infos unter www.bvmd.de/bvmd.de/viola/
Kontakt: viola@bvmd.de

Was für ein Feedback bekommen Sie von den Studierenden?

Débora-Michèle Grote Urtubey: Wir haben bisher durchweg positives Feedback erhalten. Natürlich kommt das Thema Kindesmisshandlung auch in den Vorlesungen vor – es wird aber meistens sehr kurz abgehandelt. Da gibt es große Unterschiede bei den einzelnen Fakultäten. Das Interesse an dem Thema ist aber sehr viel größer – und es ist wichtig, dass nicht nur angehende Kinderärzte mit diesem Thema konfrontiert werden.

Ihr Projekt wurde 2016 in einer bvmd-Mitgliederversammlung ins Leben gerufen. Wie hat es sich seither entwickelt und was ist für die Zukunft geplant?

Débora-Michèle Grote Urtubey: Am Anfang mussten wir natürlich ein Konzept entwickeln und ganz viel Werbung machen. Inzwischen haben wir an einigen medizinischen Fakultäten in Deutschland lokale Vertretungen, zum Beispiel in Frankfurt, Bochum, Lübeck, Heidelberg und Hamburg. Das wollen wir weiter ausbauen und die Kommunikation zwischen den einzelnen Gruppen verbessern. Wir wollen künftig auch Zahnmediziner, Psychologen, Pädagogen und Pflegeberufe mit einbeziehen und entsprechend weiterbilden. Außerdem wollen wir unsere Workshops weiter standardisieren und verbessern.

Warum engagieren Sie persönlich sich gegen Kindesmisshandlung?

Débora-Michèle Grote Urtubey: Mir ist das Thema einfach sehr wichtig, weil ich finde, dass es in der Gesellschaft oft tabuisiert ist. Man verschließt gern die Augen vor solchen schrecklichen Dingen. Wenn man sich aber die Studien zum Thema anschaut und die Dunkelziffer dazu rechnet, wird klar, wie präsent das Thema eigentlich ist. Ich denke, es sollte auch in den Köpfen präsent sein – vor allem bei Medizinstudenten. Mir macht es viel Freude, wenn Studenten auf mich zukommen und sagen, dass sie etwas gelernt haben. Ich hoffe, dass wir so die medizinische Ausbildung verbessern können und damit auch etwas für die Kinder tun können.

Es gibt viele Möglichkeiten, sich schon während des Studiums für andere einzusetzen – das beweisen die sozialen Initiativen und Vereine, die von Medizinstudenten ins Leben gerufen werden. In dieser Rubrik stellen wir einige davon vor.