Universität des Saarlandes: Video-Sprechstunde kommt in den Lehrplan

Durch Corona sind digitale Kommunikationsangebote derzeit auf dem Vormarsch: nicht nur in der Lehre, sondern auch bei der Patientenversorgung. An der Universitätsklinik des Saarlandes (UKS) soll das Seminar zur Video-Sprechstunde daher auch in Zukunft angeboten werden.

M.Dörr & M.Frommherz

Seminare, in denen Medizinstudierende das Patientengespräch mit Schauspielerinnen und Schauspielern üben können, gibt es schon länger – nicht nur an der Universität des Saarlandes in Homburg. Dort läuft das Programm schon seit 2007 unter dem Begriff „Homburger Kommunikations- und Interaktionstraining (HOM-KIT)“ als Wahlfach für Medizinstudierende. Doch für das Sommersemester 2020 musste die Präsenzveranstaltung in eine Online-Sprechstunde umgewandelt werden. Und das mit großem Erfolg. Die insgesamt 69 Studentinnen und Studenten, die an dem Kurs teilgenommen haben, sind sich einig: „Ja, wir möchten gerne beide Formate, Präsenz- und Video-Sprechstunde, weiter behalten und üben“, erläutert Psychologe Roberto D’Amelio, der das HOM-KIT-Curriculum mitbegründet und das Konzept zur Durchführung des Online-Trainings Video-Sprechstunde erarbeitet hat, die Reaktion der Studentinnen und Studenten. Das Training der Video-Sprechstunde wird daher nun dauerhaft in das HOM-KIT-Curriculum integriert.

Denn in ihrem künftigen Berufsleben als Ärztinnen und Ärzte werden die Studierenden von heute regelmäßig mit Video-Sprechstunden arbeiten. Und dafür reicht es nicht, einfach einen Laptop mit Webcam aufzubauen und sonst alles genau so zu machen, wie es in der normalen Sprechstunde der Fall wäre. Körperliche Untersuchungen sind beispielsweise in einer Video-Sprechstunde selbstverständlich nicht möglich. Statt bestimmte Körperpartien abzutasten, muss der Mediziner alles erfragen und den Patienten dazu bewegen, seine Symptome möglichst genau und detailliert zu schildern. „Außerdem müssen die jungen Leute versuchen, ihren Patienten ebenso wie in der echten Sprechstunde das Gefühl zu vermitteln, dass sie für sie da sind, dass sie bei ihnen sind. Das geht beispielsweise nur, wenn sie ganz bewusst in die Kameralinse schauen statt auf den Computerbildschirm“, führt Fabio Lizzi , Studienmanager der Medizin, weiter aus. Lizzi betreut das HOM-KIT am Universitätsklinikum des Saarlandes.

Wenn der Patient im Video-Call zur Flasche greift...

Eine Situation ist dem Studienmanager aus dem Sommersemester besonders in Erinnerung geblieben: „Der ‚Patient‘ saß vor der Kamera des Computerbildschirms und hat dem Medizinstudenten, der vor seinem eigenen Laptop saß, seine Situation per Video-Sprechstunde geschildert. Dabei klagte er über Herz-Kreislauf-Beschwerden und sprach über seine derzeitige Situation: drohende Arbeitslosigkeit, daraus resultierenden Stress, familiäre Belastungen. Und ganz unvermittelt greift er neben sich zur Bierflasche und nimmt einen kräftigen Schluck“, berichtet Lizzi, „Der wollte mal sehen, wie der Student darauf reagiert“. Die Schauspielerinnen und Schauspieler werden für den Kurs speziell darauf geschult, auch immer wieder Irritationen und ungewöhnliche Verhaltensmuster einzustreuen. So sollen die Studierenden vergessen, dass es sich eigentlich um eine Simulation handelt.

Jan Falkenberg hat vor einigen Wochen den Sprung in die Telemedizin gewagt. Er profitiert nicht nur von einer gestiegenen Akzeptanz der Bundesbürger für eine Online-Sprechstunde, sondern auch von kostenlosen Angeboten der IT-Anbieter.

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Und häufig funktioniert das sehr gut: Die Gespräche laufen meist so intensiv und authentisch ab, dass die Studentinnen und Studenten nach einigen Minuten gar nicht mehr bewusst vor Augen haben, dass ein Schauspieler vor ihnen sitzt und kein echter Patient. Die Schauspieler selbst, rund zehn Profis, wechseln sich als Patienten ab, werden intensiv auf ihre Rolle vorbereitet und sprechen ihre Vorgehensweise auch mit den UKS-Medizinern ab, damit sie auch medizinisch fundiert ein Leiden vorspielen können. Dabei sind viele weitere ärztliche und psychologisch tätige Mitarbeitende aus vielen Fachabteilungen des Uniklinikums eingebunden, damit den Studierenden immer neue Fallbeispiele präsentiert werden können. „Die Studierenden kommen dann oft an ihre Grenzen, weil die Schauspieler das so intensiv und authentisch rüberbringen“, weiß Urban Sester, der als Lehrbeauftragter der Klinik für Innere Medizin IV einer der verantwortlichen Professoren für die Simulations-Sprechstunde ist.

Auch Kleinigkeiten zählen

Bei Video-Sprechstunden sei außerdem auch das Umfeld wichtig, erklärt Sester. „Der Hund rennt ständig durchs Bild, oder durchs geöffnete Fenster dringt Baulärm herein und stört das Gespräch“, verrät Sester. Das seien nur einige der Situationen, die von den Schauspielerinnen und Schauspielern für die Übungssituationen vorbereitet werden. „Wir wollen dann sehen, wie die Studentinnen und Studenten darauf reagieren und ob sie die Schauspieler-Patienten beispielsweise bitten, das Fenster zu schließen oder den Hund von jemand beaufsichtigen lassen, während Arzt und Patient miteinander sprechen.“ Denn auch diese Kleinigkeiten seien wichtig für ein konzentriertes und effektives Patientengespräch.

Natürlich sei das direkte Patientengespräch in vielen Fällen nicht zu ersetzen. Doch die Corona-Krise habe gezeigt, dass eine Video-Sprechstunde dazu eine gute Ergänzung biete, erklärt Lizzi. „Zu Anfang der Corona-Pandemie hatten viele Leute aus Angst, sie könnten sich infiziert haben, die Arztpraxen gestürmt. Etwas später dann waren die Wartezimmer gähnend leer, weil sich keiner mehr getraut hat hinzugehen, aus der Sorge heraus, sich im Wartezimmer anzustecken. Beides ist aber schlecht.“ Mit einem niedrigschwelligen Angebot, seine Symptome erst einmal per Videosprechstunde mit dem Arzt zu besprechen, könnte eine Möglichkeit geschaffen werden, medizinische Behandlungen sinnvoll zu kanalisieren. Stellt der Arzt im Videogespräch fest, dass es nicht so dringend ist, kann er den Patienten für einen späteren Zeitpunkt einbestellen, zu dem das Wartezimmer nicht mehr so voll ist. Und zeigt er Symptome einer schwereren Krankheit, kann er ihn stattdessen sofort zu sich in die Praxis bitten. Das sein nicht nur bei Corona sinnvoll, sondern auch, wenn im Winter die nächste Grippewelle über das Land rolle, erklärt Lizzi.

Quelle: Universitätsklinikum des Saarlandes (22.7.2020)