Und jetzt George Floyd

Was ist eigentlich gerade in den USA los? Unsere Gastautorin Aria hat lange dort gelebt. Der Tod von George Floyd und die Demonstrationen der "Black Lives Matter"-Bewegung beschäftigen sie daher sehr. Im Beitrag schildert sie ihre Gedanken und Gefühle in der aktuellen Situation.

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Es war 6:45 Uhr und Zeit für meinen morgendlichen Ablauf. Ich meditierte, rollte meine Yoga-Matte aus, und bereitete mir eine Tasse Tee vor. Draußen schien bereits die Sonne, und die Vögel waren heiter am Zwitschern. Ich machte mich zügig fertig und war schon bald mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit. Die Straßen im Heidelberger Neuenheim sind um diese Jahreszeit besonders hübsch. Die malerischen Berge sind saftig grün und die Blumen blühen allerseits in voller Pracht. Wie gewohnt stellte ich mein Fahrrad vor der Heidelberger Pädiatrie ab und zog die Maske über mein Gesicht. Mit dem Mitarbeiterausweis durfte ich direkt durch die Einlasskontrolle, die seit der Pandemie existiert.
 
Im Arztzimmer saßen bereits einige Ärzte. Die Kurvenvisite mit den Schwestern startete kurz darauf. Wir hatten zu dieser Zeit viele Neugeborene auf der Station und es gab reichlich Arbeit. Als PJ-lerin war ich für die Gabe der Antibiose, für die Blutabnahmen, sowie die Vorsorgeuntersuchungen zuständig. Zum Teil mussten die Babies auch mit Sauerstoff beatmet werden. Das Praktische Jahr in der Pädiatrie war eine gute Entscheidung und ich würde es jedem weiterempfehlen.

Aria Ahadzada studiert Medizin in Heidelberg und macht derzeit ihr PJ in der Pädiatrie. | privat

Ich war gerade nach einem langen Arbeitstag nach Hause zurückgekehrt, als ich aus Gewohnheit auf mein Handy schaute. Es dauerte nicht lange, bis George Floyd in meinem Feed auftauchte. “Police kills man. His last words: I can’t breathe.” “Schon wieder”, dachte ich mir, und ließ das Video laufen.

Vor dem Medizinstudium in Heidelberg habe ich sechs Jahre in den USA gelebt, wo ich Biologie studierte. Ich weiß aus Erfahrung, dass die Polizei dort eine völlig andere Position hat als hier bei uns. Sie sind berüchtigt für ihre starre Autorität und Willkür. Aber auf das, was ich jetzt sehen sollte, war ich nicht vorbereitet.

George Floyd flehte die Polizisten an: “Please, I can’t breathe”, aber der Polizist ließ sein Knie nicht von seinem Hals ab. Ich fühlte die Hilflosigkeit der Zeugen vor Ort. “Bestimmt hilft gleich jemand? Der Polizist wird doch sicherlich gleich loslassen? Wieso schaut keiner nach seinem Puls? Atmet er überhaupt?” Einige Minuten später wird der schlaffe Körper vom Rettungsdienst abtransportiert. Mit diesen Bildern im Kopf schlief ich an dem Abend ein.

Am Tag darauf saß ich in der Mittagspause mit weiteren PJ-lern, und das Thema George Floyd kam zur Sprache. Auch sie hatten von dem Ereignis gehört und waren schockiert. Wir diskutierten, was wir in dieser Situation gemacht hätten. In Deutschland besteht für alle, aber besonders für potentielle Ersthelfer wie Ärzte, die Hilfeleistungspflicht. Wer ein Unglück beobachtet und nicht hilft, macht sich strafbar, außer wenn er sich selbst durch die Hilfeleistung in erhebliche Gefahr bringen würde. In Amerika sieht die gesetzliche Lage aufgrund der Klagehäufigkeit etwas komplizierter aus und wird mithilfe der Good Samaritan Laws geregelt.

Ein PJ-ler erzähle, dass er an einer “Black Lives Matter”-Demonstration in Heidelberg teilnehmen würde. Auch ich überlegte mir an der Demonstration teilzunehmen, da die USA für mich wie eine zweite Heimat ist.

Arzt in Amerika

Dr. Peter Niemann schreibt über seine Ausbildung zum Internisten sowie der Zeit danach, aber auch über die Skurrilität eines Arztlebens in den USA. Dieses Mal macht er sich über die sinkende Lebenserwartung in den USA Sorgen.

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Die darauffolgende Zeit entwickelte sich spektakulär. Seit dem Tod von George Floyd sind in über 2.000 US-Städten Massenproteste gegen Polizeibrutalität aufgeflammt. Weltweit, auch in Heidelberg, wurde gegen Rassismus demonstriert. Die Proteste waren größtenteils friedlich, teilweise kam es aber zu Ausschreitungen. Die US-Polizei zeigte sich auch bei diesen Protesten nicht immer von ihrer besten Seite. Mitte Juni 2020 wurde vom US House of Representatives ein Gesetz für eine weitreichende Polizeireform verabschiedet.

Im gleichen Zeitraum rotierte ich auf die pädiatrische Kardiologie. Kardiologie ist mein Lieblingsfach und die Arbeit auf Station macht mir sehr viel Spaß. Jeder Tag ist vollgepackt mit vielfältiger Arbeit. Als PJ-ler bekommt man hier einen großartigen Einblick in aufregende Patientenfälle. Eine Geschichte beeindruckte mich besonders. Ein Kind musste bei einer komplizierten Myokarditis und Asystolie wiederbelebt werden. Nach dreißig Sekunden erwachte sie aber glücklicherweise wie ein “Phoenix aus der Asche” wieder. Auf Station hatte sie einen komplikationsfreien Verlauf und durfte bald wieder zu ihrer Familie. Es berührt mich immer wieder zu sehen, wie viele Kinder hier in der Pädiatrie geheilt werden.

Das Praktische Jahr ist sehr lehrreich und die Arbeit auf der Station läuft wie gewohnt weiter. Aber der Fall George Floyd hat die Welt in Aufruhr versetzt. Zusätzlich zur COVID-19 Pandemie, von der die USA weltweit am stärksten betroffen sind, hat das Land mit vielem zu kämpfen. Ich hoffe, dass Amerika nach einer solch schwierigen Zeit auch die Möglichkeit bekommt, wieder zu heilen.

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