The Fear Of Missing Out

Viele Medizinstudierende haben während der Corona-Krise in Krankenhäusern geholfen. Unsere Operation Karriere-Bloggerin Elli Huber wollte sich stattdessen mal eine Pause gönnen. Aber leicht gefallen ist ihr das nicht. Wie sie diese Zeit erlebt hat, schildert sie in ihrem ersten Blog-Beitrag.

Operation Karriere-Bloggerin Elli Huber studiert im 8. Semester Humanmedizin. Da es in ihren Texten um sehr persönliche Themen geht, schreibt sie unter einem Pseudonym. | privat / DÄV

„Im Krankenhaus ist die Hölle los“ war das Erste, was mir eine Freundin erzählte. „Jeden Tag bin ich für jemand anderen einkaufen“, sagte eine andere. Und ich? Ich war die ganze Zeit zuhause.

Man hört häufig von „FOMO – The Fear Of Missing Out“, und genau das ist mein Problem. Nur nicht in Bezug auf mein Sozialleben, sondern meinen Lebenslauf, denn ich habe Angst vor Lücken im Lebenslauf.

Die Corona-Pandemie hat mich in diesem Jahr vor eine neue Herausforderung gestellt und es war nicht die Angst zu erkranken…

Einfach mal eine Pause  machen

Ich half während der COVID-19-Krise nicht in einem Krankenhaus, arbeitete bei einer Hotline oder ging für meine Nachbarn einkaufen. Ich wollte die Zeit mit meiner Familie genießen, die ich sonst nicht viel sehen kann. Ich wollte mir eine Pause gönnen, diese Zeit für mich nutzen. Ich wollte den Alltagsstress hinter mir lassen und mich entspannen. Aber ganz so einfach war es dann leider doch nicht.

Von allen Seiten hörte ich, dass Medizinstudenten halfen. In den Medien hörte man, dass es überall an Arbeitskräften mangelte. Anfangs bei den Hotlines, dann in den Krankenhäusern, schließlich in den Supermärkten und bei der Ernte. Und was tat ich? Ich saß gemütlich, wohlbehütet bei meiner Familie und half nicht, denn ich wollte mir ja eine Pause gönnen. Und genau das stresste mich. Ich wurde von Tag zu Tag unruhiger, weil ich das Gefühl hatte, dass es meine Pflicht wäre zu helfen. „Ich will Ärztin werden, da gehört es dazu, dass ich in Krisen aufstehe und helfe“, dachte ich mir. „Was sage ich nur, wenn mich jemand fragt, was ich in der Krise gemacht habe und ich keine Antwort darauf habe?“, Gedanken wie diese plagten mich die ganze Zeit. Also bewarb ich mich halbherzig bei einer Hotline. Dort wurde jedoch niemand mehr gesucht, worüber ich im ersten Moment sehr erleichtert war. Dann aber kamen meine Gewissensbissen wieder, ich fühlte mich schlecht. Ich lag meinen Eltern und meinem Freund in den Ohren, dass ich doch eigentlich irgendwo helfen sollte, schließlich sah ich das als meine Pflicht um irgendwann einmal eine gute Ärztin zu werden. Irgendwann wurde ich von meinem Freund gefragt, warum ich es dann nicht einfach mache, wenn ich doch so gerne helfen wollen würde.

Helfen als Pflicht?

Ich begann nachzudenken. Ich wusste genau, warum ich es nicht tat. Ich wollte nicht. Der einzige Grund, warum ich meinte helfen zu wollen, war, dass ich es als meine Pflicht sah. Meine Pflicht als Medizinstudentin, meine Pflicht als junger gesunder Mensch. Ich hatte Angst davor, was man über mich denken könnte, wenn ich nicht helfe. Meine allergrößte Angst aber war, dass das diese ominöse „Lücke“ im Lebenslauf werden könnte, von der so oft gesprochen wird. Ich hatte Angst, dass mir mein fehlendes Engagement in dieser Krise Zukunftsperspektiven verbauen würde. Und ich hatte Angst, dass ich aus diesem Grund niemals eine gute Ärztin werden könnte. Dass mir zu wenig am Wohlergehen anderer liegen würde, um meinen Job gut zu machen.

Vor zwei Wochen hat der Medizinstudent Amandeep Grewal die Facebook-Gruppe „Medis vs. COVID-19“ gegründet, um Studierende und Kliniken zusammenzubringen. Aus der Gruppe, die schon mehr als 20.000 Mitglieder hat, ist auch die Plattform "match4healthcare" hervorgegangen.

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Im Endeffekt bin ich froh, wie ich die Zeit verbracht habe, denn meine Motivation wäre die falsche gewesen. Ich wollte nicht helfen, weil ich das Bedürfnis hatte etwas Gutes zu tun. Ich wollte helfen, weil ich der Meinung war, dass es erwartet wird.

Mir ist klar geworden, dass mich diese eine Entscheidung nicht definiert. Wenn ich helfe, möchte ich das aus Leidenschaft machen und das werde ich hoffentlich auch als Ärztin tun. Aber dieses eine Mal habe ich die Zeit für mich gebraucht. Ich habe gelernt ehrlich zu mir zu sein und das macht mich nicht zu einem schlechten Menschen.

Auch anderen ging es ähnlich

Mittlerweile weiß ich, dass ich nicht die Einzige war, die nicht aktiv in der Corona-Zeit geholfen hat und das Gefühl hatte, Erwartungen nicht zu erfüllen. Das Paradoxe ist, dass mein Freund ebenfalls Medizinstudent ist und es nicht schlimm fand nicht zu helfen. Viele meiner Studienkolleginnen und -kollegen haben ihre Freizeit genossen ohne Gewissensbisse zu haben.

Mein engstes Umfeld hat sich einfach an „Stay home“ gehalten. Ich jedoch habe nur die wenigen Leute gesehen, die sich aktiv engagiert haben, weil sie zum Bespiel Fotos auf Instagram oder Facebook gepostet haben und genau das hat bei mir zur Fear Of Missing Out geführt, ohne zu merken, dass ich gar nicht allein bin.

In unserer Blogger Zone finden sich unsere Bloggerinnen und Blogger, die regelmäßig auf Operation Karriere von ihren Erfahrungen aus Studium und Praxis berichten.