Studieren im Ausland: Turbo-Medizin in Ghana

Paul ist sogar noch jünger als Jonas – in der Ambulanz aber recht routiniert. Schon nach wenigen Fragen stellt er eine Diagnose. Körperliche Untersuchungen scheinen ihm nur selten notwendig. Häufiges sei schließlich auch hier häufig. Ebenso unterscheidet sich das Arzt-Patienten-Verhältnis von meinen bisherigen Erfahrungen. Als eine Patientin über Schlafstörungen klagt, die sie nachts nur für eine Stunde zur Ruhe kommen lassen, fährt Paul sie an: „Niemand kann nachts nur eine Stunde schlafen! Du lügst! Geh nach Hause!“ Als die Patientin daraufhin zu weinen beginnt, meint der Mediziner zu mir gewandt: „Die Patientin hat kein Problem.“ Schließlich geht sie ohne Behandlung.

Gegen 13 Uhr hat sich der dunkle Warteraum der Ambulanz deutlich geleert. Zeit für meine Mittagspause: Im nahegelegenen Restaurant gibt es heute Fufu – ein typisch ghanaisches Gericht. Während ich mit den Fingern das klebrige Fufu in die Suppe eintauche, bin ich froh über einige Minuten Ruhe vom lärmenden Krankenhausalltag. Da heute Pauls OP-Tag ist und ich ihm assistieren darf, laufe ich aber nach dem Essen zügig zurück ins Krankenhaus. Der Fufu-Kloß scheint sich inzwischen in meinem Magen wieder zusammenzusetzen.

Im OP-Bereich wartet Paul bereits mit einer großen, gelben Gummischürze auf mich. Er selbst trägt eine grüne Schürze und ein Paar Gummistiefel. Ein Kaiserschnitt steht auf dem Plan. Da ich zum ersten Mal bei einem Kaiserschnitt assistiere, bin ich etwas aufgeregt und beginne zu schwitzen. Schnell bildet sich unter der dicken Schürze ein dunkler Fleck auf meinem T-Shirt, während ich mir das Vorgehen des Assistenten bei der letzten Sectio ins Gedächtnis rufe. Die Patientin ist schon längst per PDA anästhesiert, als Paul und ich den Saal betreten. Fast alle OP-Patienten werden so betäubt – eine balancierte Anästhesie ist laut der Anästhesistin nicht zu kontrollieren, da es noch nicht mal ein funktionierendes EKG gibt.

So kommt es öfter vor, dass Patienten bei Schmerzen nach den Operateuren greifen.

Über das Sirren der Klimaanlage hinweg gibt mir Paul zu verstehen, dass ich nun an den Tisch treten kann. Dann geht alles ganz schnell: Hautschnitt, Faszien teilen, Muskeln einreißen – schon ist die riesige Gebärmutter freipräpariert. Einige Schnitte später ist die Fruchtblase zu sehen. Als Paul sie einritzt, bin ich sehr froh über meine Gummistiefel. Über die Fliesen des OP-Bodens ergießt sich das Fruchtwasser. Mit zwei Griffen holt Paul geschickt das Neugeborene und drückt es mir in die Hände. Während er die Nabelschnur durchschneidet, beginnt der kleine Junge zu schreien. Ich bin ein bisschen ergriffen von meinem ersten Kaiserschnitt. Eine Schwester versorgt den Jungen weiter, während wir uns wieder der Mutter zuwenden. Zügig vernäht Paul den Uterus und die Faszien. Für die Hautnaht tauschen wir schließlich die Plätze – die darf ich machen. Da ich an die derbe Haut der Ghanaer nicht gewohnt bin, brauche ich für die Naht ziemlich lang. Aber immerhin lobt Paul mich für das kosmetische Ergebnis.

Weil die Zeit nun schon vorgerückt ist, verschieben wir leider ein besonders Erlebnis: Paul hatte mir versprochen, den Raum mit den „weißen Wanderern“ zu zeigen – Ja, „Game of Thrones“ erfreut sich auch in Ghana großer Beliebtheit. Gemeint ist der Leichenraum des Krankenhauses. Da ghanaische Beerdigungen häufig große, über Monate geplante Feste sind, werden verstorbene Patienten tiefgefroren. Aufgrund von Platzmangel liegen die Leichen nicht nur, einige stehen auch – ein sehr gruseliger Anblick, den ich einige Tage später und noch oft in meinen Albträumen zu sehen bekomme. Für heute ist der Arbeitstag allerdings vorbei. So suche ich mir ein Taxi, um endlich zurück nach Obo zu kommen. Das ist schnell gefunden und füllt sich bald mit einer alten Frau und ihrer Enkelin und einem Mann mit einem Huhn auf dem Arm. Diesmal funktioniert sogar der Fensterheber.

You4Ghana

You4Ghana ist eine von vielen Organisationen, an die man sich wenden kann, um in Ghana zu famulieren. Torben Pleß gründete den Verein 2015. Neben der Entwicklungszusammenarbeit vermittelt die Organisation Praktikumsplätze in der Kwahu-Hochebene, hauptsächlich für deutsche Medizinstudierende. Die Bewerbung erfolgt formlos per Mail. Für eine einmonatige Famulatur verlangt You4Ghana insgesamt 720 Euro. Darin sind enthalten: Die Vermittlungsgebühr, Kost und Unterkunft, die Abholung vom Flughafen sowie eine obligatorische Spende an einen Krankenhausfond, um mittellose Patienten zu behandeln. Positiv an einer Famulatur mit You4Ghana sind die unkomplizierte Bewerbung, die relativ günstigen Vermittlungskosten sowie die verlässliche Betreuung. Verbesserungswürdig sind Kommunikation und Organisation der ghanaischen Mitarbeiter.
Infos unter www.you4ghana.org.


Quelle: Dieser Artikel ist erschienen in Medizin Studieren 1/2018, S.12f

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