Pandemie: Medizinischer Fakultätentag zieht positive Bilanz

Erleichterung und Stolz, die COVID-19 Pandemie und ihre Folgen bisher gut zu bewältigen, bestimmt derzeit das Klima in der Universitätsmedizin. Dies wurde gestern beim 81. Ordentlichen Medizinischen Fakultätentag (oMFT) deutlich, der allerdings nicht wie geplant an der Medizinischen Fakultät in Essen, sondern als virtuelles Treffen in Berlin stattfand.

Der Präsident des Medizinischen Fakultätentages: Prof. Dr. med. Matthias Frosch. | MFT/Sablotny

„Wir haben eine riesige Bewährungsprobe in unseren drei Kernaufgaben – Forschung, Lehre und Versorgung – dreifach glänzend bestanden“, sagte Matthias Frosch, Präsident des Medizinischen Fakultätentag (MFT), gestern zur Eröffnung des 81. oMFT, der sich expli­zit den Herausforderungen für die Universitätsmedizin in ihren drei Kernbereichen wäh­rend der Pandemie widmete.

Bezüglich der Krankenversorgung habe die Universitätsmedizin während der Pandemie einen zentralen Beitrag geleistet, betonte Frosch. Und das nicht nur, weil die Patienten mit besonders schweren Krankheitsverläufen überwiegend in universitätsmedizinischen Einrichtungen behandelt worden wären, sondern auch, weil die Universitätsmedizin an den meisten Standorten zentrale Steuerungs- und Koordinierungsaufgaben und die Be­ratung von Behörden und Politik übernommen und im Versorgungsalltag bislang beste­henden Sektorengrenzen überwunden hätte.

„Gemeinsam mit Krankenhäusern in der Region, der niedergelassenen Ärzteschaft und dem Öffentlichen Gesundheitsdienst haben die universitätsmedizinischen Einrichtungen die regionale Verantwortung für das Management des Pandemiegeschehens über­nom­men und über die Sektorengrenzen von ambulanter und stationärer, universitärer und nicht-universitärer Medizin hinaus organisiert und die entsprechenden Maßnahmen umgesetzt“, betonte der MFT-Präsident. Nun gelte es, die Organisation der Gesundheits­versorgung grundsätzlich sektorenübergreifend zu denken. Darin sei sich der MFT mit dem Verband der Uniklinika Deutschlands (VUD) einig.

Gute Kommunikationskultur

Als besonders positiv während der Pandemie bewertete Christopher Baum, Vizepräsident Medizin der Universität zu Lübeck und Mitglied des MFT-Präsidiums, die derzeit vorherr­schende Kommunikationskultur.

„Noch nie gab es so viel Austausch zwischen den Fakultäten“, berichtete er bei der Podi­umsdiskussion. Auch an den Schnittstellen zwischen den Behörden und den Hochschulen hätte eine sehr gute Interaktion stattgefunden“, zog er Bilanz. „Die Grund­haltung war ge­prägt von Solidarität. Es gab keine Normen, aber gemeinsame Werte.“ Die Politik habe tat­sächlich einiges entreguliert. „Dies basierte auf Vertrauen.“

Auch Minsterialdirigent Markus Algermissen, Leiter der Unterabteilung Medizin- und Be­rufsrecht im Bundesministerium für Gesundheit (BMG), lobte die Zusammenarbeit zwi­schen Hochschulen und Politik in den vergangenen Wochen. Obwohl in Politik und Wissen­­schaft andere Strukturen herrschten, hätten sich schnell übergreifende Krisenstä­be gebildet, die gut kooperiert hätten, sagte er.

Reform des Medizinstudiums auf der Agenda

„Das war auch nötig, weil viele Verordnungen schneller gehen mussten als üblich.“ Jetzt werde sich die Politik wieder anderen Themen widmen können, kündigte Algermissen an. So würden jetzt die Arbeiten an einer Reform des Medizinstudiums weitergehen. „Dabei werden wir auch die Erfahrungen aus der Zeit der Pandemie miteinbeziehen“, sagte er.

Während der Pandemie habe bundesweit ein großer Teamgeist geherrscht, explizit auch an der Schnittstelle zwischen Krankenversorgung und Forschung, bestätigte auch Britta Siegmund, Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und Direktorin der Medizinischen Klinik für Gastroenterologie, Infektiologie und Rheumatologie an der Charite Berlin.

„Die ständigen Anpassungen an neue Situationen waren große Herausforderungen“, sagte sie. Nun komme es darauf an, wieder zum Normalbetrieb zurückzukehren, auch im For­schungs­betrieb. Es habe sich aber gezeigt, dass forschende Kliniker unentbehrlich sind. Clinician-Scientist-Programme müssten daher weiter verstärkt unterstützt werden.

Unimedizin vergessen

Obwohl heute beim 81. oMFT die Interaktion zwischen Politik und Wissenschaft grund­sätzlich positiv bewertet wurde, zeigte sich Frosch enttäuscht darüber, dass die Universi­tätsmedizin im Coronakonjunkturpaket der Bundesregierung nicht bedacht wurde. „Es scheint wieder einmal eine Chance vertan zu sein, den hohen, aufgestauten Investi­tions­bedarf zu adressieren“, beklagte er.

So erfolgreich die Arbeit in den zurückliegenden Wochen gewesen sei: Die Universitäts­medizin habe auch ihre Grenzen deutlich zu spüren bekommen. „Nun müssen wir auf­pass­en, dass wir bei aller Improvisationskraft, die wir gezeigt haben, die Innovationskraft der Universitäten nicht aus den Augen verlieren“, warnte der MFT-Präsident.

Spätestens jetzt, wo die Universitätsmedizin in der Coronapandemie überdurchschnitt­liches geleistet habe, dürfe ihr der Zugang zum Strukturfonds nicht verwehrt werden“, forderte Frosch. Bisher ist für die Universitätsklinika eine Förderung durch den Struktur­fonds nämlich nur sehr begrenzt möglich.

Pro und Contra Pubmed

Eine Öffnung der Fördermöglichkeiten des Strukturfonds wäre für all diejenigen in den Medizinischen Fakultäten und Universitätsklinika, die während der COVID-19-Pandemie Großartiges geleistet hätten, es jetzt das richtige Signal, meinen MFT und VUD.

Neben den vielen Veränderungen in der Krankenversorgung wies Frosch auch auf einige Umbrüche im „Kerngeschäft Forschung“ der Fakultäten hin, die es in den vergangenen Wochen gegeben hat. So habe sich die wissenschaftliche Publikationspraxis geändert: „In nur fünf Monaten sind in Pubmed zum Thema COVID-19 /SARS-CoV-2 20.000 Publikatio­nen aufgeführt worden. Nie war es leichter, in den besten Journalen zu publizieren“, sagte er.

Dies habe aber auch eine andere Seite: Bei dieser Dynamik und dem hohen öffentlichen Erwartungsdruck könnten auch wissenschaftliche Qualitätsstandards auf der Strecke blei­ben, warnte Frosch. Diese Entwicklung ist für den MFT-Präsidenten nicht überraschend, er hält sie aber für ge­fährlich. Eine Gefahr gehe auch von vorab veröffentlichten, aber noch nicht abschlie­ßend analysierten Studienergebnisse aus.

„Die Erwartungen der Öffentlichkeit, schnellstens Lösungen für die Beherrschung der Pan­demie mit Medikamenten, Impfstoffen, epidemiologischen Bewertungen zu präsen­tie­ren, stehen im Widerspruch zu der erforderlichen Sorgfalt bei der Datenerhebung und der Einhaltung wissenschaftlicher Qualitätsstandards“, sagte Frosch mit einem Seitenhieb auf einige Darstellungen in der Presse.

Unsere Operation Karriere-Bloggerin Natalja Ostankov hat die Wahl: Da in Bayern jetzt im April keine M2-Prüfungen stattfinden, kann sie entweder sofort ins PJ starten, oder ihre Prüfung auf den Herbst verschieben. Wie sie sich entschieden hat, schildert sie im Beitrag.

weiterlesen

Die medizinischen Fakultäten seien im Interesse ihrer Glaubwürdigkeit und des breit vor­handenen Vertrauens der Gesellschaft in die medizinische Forschung verpflichtet, gelten­de Qualitätsstandards sicherzustellen. Zudem müssten sie aber auch ihre Wissenschaftler vor der „Geltungssucht von Pseudoexperten“ schützen.

Bemerkenswert findet es Frosch, wie schnell Drittmittelgeber dreistellige Millionen­beträ­ge in die Förderung von Forschungsprojekten und Forschungsinfrastruktur und -organi­sa­tion gesteckt haben. Dabei hätten noch zu Beginn der Pandemie verschiedene Politiker ge­fordert, dass die Universitätsmedizin sich ganz der Versorgung widmen und den For­schungsbetrieb komplett einstellen soll.

Insbesondere begrüßten die Vertreter der Fakultäten die Implementierung des Nationa­len Forschungsnetzwerks der Universitätsmedizin zu COVID-19, die alle universitätsme­dizinischen Standorte zusammenführt und vom Bundesforschungs­ministerium (BMBF) mit 150 Millionen Euro gefördert wird.

Diese Strukturen müssen langfristig verstetigt werden“, betonte Siegmund als Vizepräsi­dentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Bei der Podiums­diskussion wies sie zudem auf Projekte hin, die die DFG derzeit mit zusätzlichen Mitteln unterstützt.

So könnten nun in zahlreichen Förderverfahren zusätzliche Personal- und Sachmittel be­an­tragt werden, um Forschungsarbeiten, die wegen der Coronapandemie nicht wie ge­plant durchgeführt werden konnten, fortzusetzen und abzuschließen.

Frosch begrüßte, dass Bun­des­for­schungs­minis­terin Anja Karliczek (CDU) mit der Vorlage ihres Aktivierungsprogramms vor einigen Tagen angekündigt habe, aus „leistungsfähigen Systemen Hochleistungssysteme zu machen“ und hierfür sämtliche Prozesse in der Hoch­schulmedizin digitalisieren wolle.

„Dies ist auch dringend notwendig“, sagte der MFT-Präsident. „Universitätsklinika gelten als kritische Infrastruktur mit besonderen Anforderungen an die Datensicherheit – ohne jedoch dafür eine adäquate finanzielle Ausstattung zu haben.“ Mit der Medizininformatik­initiative des BMBF fördere der Bund derzeit zwar die Vernetzung von Forschung und Ver­sorgung in der Universitätsmedizin.

Investitionen in IT-Infrastuktur

„Die Initiative deckt allerdings nicht den dringenden Bedarf im Bereich der IT-Infrastruk­tur ab“, so Frosch. In einem ersten Schritt wurden jetzt jedoch an den betei­ligten 33 Uni­versitätskliniken und Partnereinrichtungen bereits Datenintegrationszentren aufgebaut und vernetzt. Somit werden die Voraussetzungen geschaffen, um Forschungs- und Ver­sorgungsdaten standortübergreifend verknüpfen zu können.

Diese Infrastrukturen braucht man auch für die dritte Säule der Hochschulmedizin: die Lehre. „Wir haben in der Krise sehr kurzfristig improvisieren müssen und mit großer Energie alternative digitale Formate in der Lehre entwickelt und zum Einsatz gebracht“ erklärte Frosch. Es fehle jedoch an Hardware, Personal, um digitale Lehrkonzepte zu ent­wickeln und an Ressourcen, um das Lehrpersonal im Bereich der digitalen Lehre zu qua­lifizieren.

Kritik an Flickenteppich beim M2

Im Rahmen der Podiumsdiskussion des 81. oMFT kamen auch Medizinstudierende der Medizinischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg zu Wort: Tobias Henke und Meret Quante. Sie zeigten sich grundsätzlich zufrieden mit der Fortsetzung des Lehr­betriebs während der Pandemie.

„Die digitale Lehre hat überraschend gut funktioniert“, sagte Henke. Dennoch könne sie auf Dauer nicht die Lehre am Krankenbett ersetzen. „Sehr eng und gut war auch der Aus­tausch der Fachschaft mit dem Dekanat und dem Klinikum“, lobte auch Quante.

Nicht zufrieden sind die Medizinstudierenden hingegen mit den bundesweit uneinheit­lichen Regelungen zum zweiten Staatsexamen (M2) während der Coronakrise.

Hintergrund ist eine die „Verordnung zur Abweichung von der Approbationsordnung für Ärzte bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite“, nach der die Länder selbst bestimmen konnten, ob sie das große schriftliche Examen, das M2, um ein Jahr auf April 2021 verschieben und ein „Hammerexamen“ (M2 und M3 gemeinsam) durchführen oder das M2 trotz der COVID-19-Pandemie regulär im April 2020 stattfinden lassen.

Bayern und Baden-Württemberg hatten sich entschieden, das M2 auf kommendes Jahr zu verschieben. „Damit haben wir einen Flickenteppich und während des Praktischen Jahres (PJ) nur noch eine eingeschränkte Mobilität“, beklagte Henke und forderte kulante Aus­nahmeregelungen zwischen den Ländern bezüglich des Starts des PJ.

Dieser Artikel wurde uns zur Verfügung gestellt von