Operieren in Malawi: Das Netzwerk InciSioN engagiert sich für globale Chirurgie

Weltweit könnten 18 Millionen Todesfälle pro Jahr vermieden werden, wenn alle Menschen Zugang zu einer guten chirurgischen Versorgung hätten. Das internationale Netzwerk InciSioN setzt sich dafür ein, dass das anders wird. Seit einem halben Jahr gibt es auch eine Gruppe in Deutschland. Julia Steinle erklärt, was genau globale Chirurgie bedeutet.

Bei der Famulatur in Malawi lernte Julia Steinle, dass in anderen Ländern ganz anders operiert wird als in Deutschland. Als Teil des Netzwerks InciSioN will sie das Wissen über diese Unterschiede nun weitergeben. | privat

Julia, Du bist Bundesvorsitzende der deutschen InciSioN-Gruppe und Mitglied im International Team des internationalen Studierenden-Netzwerks. Bei InciSioN beschäftigt ihr euch mit dem Thema „Globale Chirurgie“. Was verbirgt sich hinter diesem Begriff?

Julia Steinle: Globale Chirurgie ist ein Teilbereich der globalen Gesundheit – dabei geht es ja darum, dass alle Menschen auf der Welt den gleichen Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Globale Chirurgie bedeutet entsprechend, dass man versucht, allen Menschen auf der Welt Zugang zu sicherer Versorgung im Bereich Chirurgie, Anästhesie und Geburtshilfe zu ermöglichen. Bislang war globale Chirurgie noch kein so stark beachteter Teil der globalen Gesundheit – meistens liegt da der Fokus auf Infektionskrankheiten wie Malaria, Tuberkulose oder HIV. Das ist natürlich auch sehr wichtig. Aber wir freuen uns natürlich, dass die globale Chirurgie inzwischen auch weltweit stärker wahrgenommen wird.

Julia Steinle ist Bundesvorsitzende der deutschen InciSioN-Gruppe | privat

Was ist der Unterschied zwischen globaler Chirurgie und der Chirurgie, die wir hier in Deutschland kennen?

Julia Steinle: Wichtig ist die unterschiedliche Perspektive: Wenn ich hier in Deutschland mit einem gebrochenen Arm ins Krankenhaus komme, geht es vor allem um die Behandlung von mir als Individuum. Der Arzt dort wird also versuchen, meinen Arm so gut wie möglich zu versorgen. In der globalen Chirurgie geht es eher um das große Ganze – also zum Beispiel um die chirurgische Versorgung von ganzen Bevölkerungsgruppen, Ländern und Regionen. Natürlich braucht man dafür auch die Chirurgen im nächsten Krankenhaus, weil sie ja die Menschen ganz konkret vor Ort versorgen. Aber es geht eben auch darum, die politischen Weichen zu stellen – dass überhaupt die Chirurgen ausgebildet, eingestellt und bezahlt werden können. So soll sichergestellt werden, dass die Menschen eine gute Behandlung bekommen, wenn sie sich den Arm gebrochen haben.

Ihr schreibt in der Vorstellung von InciSioN Germany, dass weltweit 18 Millionen Todesfälle durch den Zugang zu einer guten chirurgischen, anästhetischen und geburtshilflichen Versorgung vermieden werden könnten. Wie wollt ihr das genau erreichen?

Julia Steinle: InciSioN ist ja ein internationales Netzwerk, das Studenten und Assistenzärzte auf der ganzen Welt verbindet. Wir engagieren uns in drei großen Bereichen: Education, Advocacy und Research. Mit „Education“ versuchen wir, den Menschen beizubringen, dass globale Chirurgie generell ein wichtiges Thema ist und dass es sich auch lohnt, in diesen Bereich zu investieren. Wir haben zum Beispiel am Global Surgery Day am 25. Mai online in den sozialen Medien verschiedene Projekte organisiert, um die Menschen über das Thema zu informieren und aufzuklären.

Im zweiten Schritt kommt dann der Bereich „Advocacy“: Da geht es darum, das Wissen noch weiter zu verbreiten und vor allem in die Politik zu tragen – dafür haben wir zum Beispiel alle an unsere jeweiligen Gesundheitsministerien geschrieben. Und im Bereich Research stehen die Zahlen im Fokus, mit denen wir unsere anderen Aktivitäten wissenschaftlich untermauern können – wie zum Beispiel diese 18 Millionen Todesfälle. Durch unser großes, weltweites Netzwerk können wir Forschungsprojekte weltweit ablaufen lassen und dann die Ergebnisse zwischen verschiedenen Ländern und Regionen vergleichen. So wollen wir versuchen, diese 18 Millionen Todesfälle zu reduzieren.

Die InciSioN-Arbeitsgruppe in Deutschland ist ja noch relativ jung. Seid ihr da auch schon in internationale Forschungsprojekte eingebunden?

Julia Steinle: Unsere Projekte sind aktuell noch im Aufbau. Zwei Projekte sind aktuell schon angelaufen. Das erste machen wir gemeinsam mit der InciSioN-Gruppe in der Demokratischen Republik Kongo. Diese Gruppe möchte mit unserer Hilfe gern Workshops für Medizinstudenten ausarbeiten, die sich für Forschung zu globaler Chirurgie interessieren. Außerdem gibt es noch ein Forschungsprojekt in einer Klinik in Malawi, mit dem die Deutsche Gesellschaft für Tropenchirurgie (DTC) schon seit Jahren kooperiert. Dort wollen wir ein kinderchirurgisches Trainingsprogramm aufbauen. Ich war Anfang des Jahres auch für eine Famulatur in Malawi und werde bald wieder dort sein.

Wie arbeiten denn Chirurgen zum Beispiel in Malawi?

Julia Steinle: In der Klinik, an der ich war, gab es einmal eine orthopädisch-unfallchirurgische Abteilung und einmal eine Allgemeinchirurgie. Das war eine kleinere Stadt. Aber es gibt in Malawi generell viel zu wenige Chirurgen. Es gab in dieser Abteilung nur einen Chirurgen, der nach unseren Maßstäben ausgebildet war: also mit einem Medizinstudium und einer Facharztweiterbildung in der Chirurgie. Ansonsten arbeiten dort viele so genannte „Clinical Officers“ – die haben eine dreijährige Ausbildung absolviert, aber kein Medizinstudium. Die operieren auch alleine und können das auch gut. Das größte Problem ist die Anästhesie: Es gibt viel zu wenige Anästhesisten und ohne Anästhesie funktioniert Chirurgie einfach nicht richtig. Da gibt es dann oft die Situation, dass die Chirurgen mit der OP warten müssen, bis ein Anästhesist Zeit hat. Oft müssen notwendige Operationen deshalb verschoben werden.

Das ist für alle sehr frustrierend – natürlich auch für die Chirurgen. Auch die Arbeitsweise ist dort anders als bei uns – viel weniger abhängig von Geräten: Es gibt zum Beispiel seltener Röntgen-Kontrollen. Aber das haben die Ärzte dort so gelernt und sie können es auch besser. Sie machen dort zum Beispiel oft eine diagnostische Bauch-OP, um zu sehen, was der Patient hat. Dann wird natürlich auch direkt in derselben OP der Befund behandelt – zumindest während meiner Zeit dort kam es nie vor, dass sie in dieser OP nichts gefunden haben. Also, selbst wenn sie einen CT hätten, würden sie trotzdem operieren. Umso zu arbeiten, braucht man ein unglaublich großes klinisches Wissen. Das hat mich sehr beeindruckt. Ich habe dort mehr gelernt als in allen anderen Famulaturen zusammen.

Schon vor seinem Medizinstudium hat Dr. Robert Wunderlich gemeinsam mit einer Freundin den Verein „Schenke eine Ziege“ gegründet, der Kleinbauern in Uganda unterstützt. Inzwischen blickt das Projekt auf 13 erfolgreiche Jahre zurück. Im Interview zieht Wunderlich Bilanz und gibt Tipps für alle, die selbst ein Hilfsprojekt im Ausland gründen möchten.

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Wie kann man denn globale Chirurgie in seine Mediziner-Karriere einbinden?

Julia Steinle: Um globale Chirurgin zu werden, würde ich meine Ausbildung wahrscheinlich nicht in Deutschland machen. In anderen Ländern hat globale Chirurgie einen ganz anderen Stellenwert und ist eine Disziplin, in der man als Mediziner arbeiten kann – beispielsweise in den USA. Zurzeit muss man sich da um vieles einfach selber kümmern und vielleicht einen Teil der Facharztweiterbildung im Ausland machen. Oder man muss aktiv sagen, dass man auch mal in die Geburtshilfe gehen und lernen möchte, wie man einen Kaiserschnitt macht. Ein Traum wäre, wenn wir es in Deutschland schaffen würden, das auch als eigenständigen Teil der Weiterbildung zu etablieren. Es ist ja okay, wenn wir nicht wieder anfangen, ohne die ganze technische Unterstützung zu operieren und den Bauch wieder ganz aufzumachen. Aber man sollte doch zumindest wissen, wie es geht. Dafür sollte es vielleicht Simulatoren geben – das wäre auch generell für die chirurgische Ausbildung gut.

Kommen wir mal zu InciSioN zurück: Ihr hattet im Juni in Berlin einen Global Surgery Workshop. Worum ging es da?

Julia Steinle: In den letzten Monaten seit unserer Gründung haben wir vor allem viel Aufwand betrieben, um uns bekannter zu machen: also Mails an Fachschaften geschrieben, auf Social Media gepostet etc. Jetzt wollen wir so langsam auch mal in die inhaltliche Arbeit einsteigen. Im Juni haben wir alle Interessierten zu einem Info-Webinar eingeladen. Da haben wir unsere Pläne für das erste Jahr vorgestellt. In dem Workshop haben wir das dann etwas konkreter geplant. Wir möchten zum Beispiel mehr Webinare anbieten, um Studierende in ganz Deutschland erreichen zu können. Wir wünschen uns, dass globale Chirurgie mehr als eigene Disziplin gesehen wird. Wir würden auch gern einen internationalen Famulatur-Austausch anbieten – daran ist beispielsweise die Gruppe im Kosovo auch sehr interessiert. Außerdem sind wir auch auf dem Jahreskongress der DTC im Oktober in Lübeck aktiv eingebunden und müssen im Vorfeld noch unsere Programmpunkte ausarbeiten.

Was erwartet die Teilnehmer bei dieser Jahrestagung?

Julia Steinle: Wir sind ganz stolz, dass es das Thema „Ausbildung“ sogar in den Titel geschafft hat – der ist „Global Surgery: Infections, Education, Technology“. Im vergangenen Jahr war Ausbildung immer mal am Rande Thema in den Diskussionen. Diesmal ist das anders: Wir sind aktiv Teil des Organisationsteams und haben auch das Programm mitgestaltet und die Speaker mit ausgesucht. Deshalb ist jetzt auch jeden Tag etwas Studentisches mit dabei. Am ersten Tag gibt es zum Beispiel einen Workshop-Tag für Medizinstudierende, wo man auch chirurgische Techniken üben kann, die man vor allem unter einfacheren Bedingungen gebrauchen kann. Und am Sonntag gestalten wir eine ganze Session über das Engagement von Studierenden für die globale Chirurgie. Dazu haben wir auch einen Poster-Wettbewerb ausgerufen, bei dem Studierende aus der ganzen Welt ihre Projekte vorstellen können.

Damit wollen wir der DTC zeigen, dass es sich lohnt, die Studenten mit ins Boot zu holen. Und die deutschen Studenten sollen sehen, was für spannende Projekte es schon gibt. Und dann gibt es noch einen Programmpunkt dazu, wie man überhaupt globaler Chirurg wird. Gerade in der Chirurgie sind die Fachärzte heute unheimlich kleinteilig spezialisiert – da wird man z.B. Spezialist für die chirurgische Behandlung des rechten Leberlappens (lacht). Das macht es schwieriger, dann beispielsweise nach Malawi zu gehen, wo ganz andere Kenntnisse gebraucht werden und man z.B. wissen muss, wie man Knochenbrüche behandelt, mal einen Darm näht oder einen Kaiserschnitt durchführt.

Das internationale Netzwerk InciSioN (International Student Surgical Network) hat derzeit rund 5.000 Mitglieder in etwa 80 Ländern. In 41 Ländern gibt es nationale Gruppen. Die deutsche InciSioN-Gruppe gibt es offiziell seit Januar 2019 – sie hat aktuell etwa 25 aktive Mitglieder. Die Gruppe ist gleichzeitig auch die Studierendengruppe der Deutschen Gesellschaft für Tropenchirurgie (DTC). Wer sich in diesem Bereich engagieren will, ist gern willkommen.

Mehr Infos: https://www.facebook.com/IncisionGER/

Homepage der DTC: www.tropenchirurgie.org

Kontakt: incision.germany@gmail.com 

Twitter: @IncisionGER

Ein Engagement gibt den Ehrenamtlichen auch immer etwas zurück. Warum engagierst Du Dich in diesem Bereich und was gibt Dir das?

Julia Steinle: Globale Gesundheit interessiert mich schon lange. Neben Malawi war ich auch in Indien und in Äthiopien in Krankenhäusern. Da habe ich gesehen, dass die Menschen dort einfach oft sehr arm sind und eine andere medizinische Versorgung bekommen als wir hier. Gleichzeitig sind sie viel dankbarer. Das hat mich schon belastet zu wissen, dass mir eine bessere Behandlung zusteht, nur weil ich zufällig in Deutschland geboren bin. Deshalb möchte ich gern etwas dazu beitragen, dass mehr Menschen einen besseren Zugang zu medizinischer Versorgung bekommen. Ich habe früher immer gesagt: „Alles außer Chirurgie“.Wie spannend ich das Fach finde, habe ich erst durch die globale Chirurgie gemerkt. Mir liegt das praktische Arbeiten.

InciSioN ist etwas ganz Besonderes. Ich war schon in mehreren Studierendengruppen und ich habe noch nie erlebt, dass man so herzlich aufgenommen wird. Globalisierung führt sonst oft dazu, dass einige Länder profitieren und die anderen Länder nicht. Hier profitieren alle, weil sich alle so kooperativ vernetzt haben. Das gibt mir viel zurück und motiviert mich dazu, dafür zu sorgen, dass Deutschland in diesem Netzwerk seinen Platz findet.
 

Es gibt viele Möglichkeiten, sich schon während des Studiums für andere einzusetzen – das beweisen die sozialen Initiativen und Vereine, die von Medizinstudenten ins Leben gerufen werden. In dieser Rubrik stellen wir einige davon vor.